Hamburg, du hast es gut


Reeperbahn Festival in Hamburg, 24. bis 26. September 2009

September 30th, 2009 | 0 Kommentare ...  

Hamburg, du hast es gut
Monika Levinski ist zurück und schickt erste Grüße aus Hamburg vom Reeperbahnfestival 09!

Von Monika Levinski

Hamburg, du hast es gut. Zum vierten Mal lud die Hansestadt, genauer der Stadtteil St. Pauli, zum Reeperbahn-Festival auf die wohl berühmteste Ausgehmeile der Republik. Durch 20 Clubs wurden 150 Bands und 17.000 Besucher geschleust, dazu gab es mit dem ‘Reeperbahn Campus’ eine Fachkonferenz, in der es mal wieder darum ging, die Musikindustrie zu retten.

Des Weiteren wurde erstmalig der neue Hamburger Musikpreis ‘Hans’ verliehen (-rischdisch, nach Herrn Albers benannt). Preisträger der drei Kategorien waren Jan Delay für “Herausragende Hamburger Künstlerentwicklung”, Gisbert zu Knyphausen als “Hamburger Künstler des Jahres” und ByteFM als “Hamburger Medienformat des Jahres”.

Wer sich schon am Nachmittag auf die Socken machen wollte, konnte sich am Rahmenprogramm gütlich tun. Das bestand unter anderem aus der Ausstellung ‘Flatstock’, die Rock Art Posterkünstler vornehmlich aus den USA zeigte. Mit den Dresdnern Lars P. Krause und Danny F. Criminal von Douze.de waren aber auch die deutschen Vorreiter dieser Kunstbewegung am Start und sie stehen den internationalen Kollegen in nichts nach.

Aber, let’s face it, dieses ganze Brimborium drum herum ist im Grunde alles geschenkt. Man ist schließlich zum rocken, zum Bands entdecken und zur Erweiterung seines musikalischen Horizonts gekommen.

Die Festivalleitung arbeitet an der europäischen Version des SXSW, Austin, bzw. einer Indierock-Version des Sonar-Festivals in Barcelona. Clubatmo anstelle von vom Winde verwehten Sounds auf den ungenutzten Grün- und Brachflächen des Landes. Intime Clubgigs statt Stadionrock. Dazu ist man dieses Jahr eigens nach Texas gereist, um sich zum einen bei der “großen Schwester im Geiste” schlau zu machen und zum anderen mit ‘Reeperbahn Festival On Tour’ Hamburg auf die Landkarte der innovativen Musikstädte der Welt zu platzieren. Ziel der Macher ist es, sich “als international orientierte Entdecker spannender Musik und gleichzeitig als engagierte Förderer lokaler Bands zu etablieren”.

Das Line-Up bestand denn auch dieses Jahr aus einer ausgewogenen Mischung von Newcomern, alten Hasen, Geheimtipps und angesagtem heißen Scheiß. Jeder konnte also nach seinem Gusto glücklich werden. Theoretisch zumindest. Denn wer sich keinen Plan B zurecht gelegt und zu sehr auf bestimmte Bands versteift hatte, konnte auch mal enttäuscht werden. Wenn es deshalb überhaupt etwas zu kritisieren gibt, dann vielleicht die Zuteilung der Bands in die Clubs.

Wir reden nicht von Deichkind (Große Freiheit 36) oder Dinosaur Jr. (Docks). Dass es da voll sein würde, war klar. Aber dass sich beispielsweise Future Of The Left samt zahlreicher Fans ins Molotow ducken mussten oder Hellsongs mit ihrer stets andächtig lauschenden Anhängerschar in die Prinzenbar gepfercht wurde ist sehr schade und hat zwei hervorragenden Bands die Möglichkeit verwehrt, ihre Fan-Posse zu erweitern. Stattdessen verloren sich bei 206 oder Times New Viking vergleichsweise wenige Zuschauer im Kaiserkeller, und im weitläufigen Grünspan wurde einem bei Simone White der Mund verboten, da die Dame mit der Klampfe ja so leise Musik mache.

Doch von vorne. Den Festivalauftakt am Donnerstag musste man natürlich mit King Khan & The Shrines begehen. Auch wenn Voodoo-Dress und Pickelhut einem 70er-Jahre Polyesteranzug gewichen sind und vom einstigen Voodoo R&B-Gehabe nicht mehr viel übrig geblieben ist – King Khan ist immer noch ein Heidenspaß und die Bläser pusteten die Morgenmüdigkeit aus den Köpfen und lockerten die Tanzmuskulatur.

Derart aufgemuntert ließ sich im Anschluss auch der mitunter rechte träge “Tropical/Gothic/Thrash” (Myspace) von den Girls aus San Francisco im Molotow aushalten. Die Jungs von Girls klingen wie druffe Surf-Hippies mit Liebeskummer und sehen auch in etwa so aus. Ihr Debut ‘Album’ kommt dieser Tage auf den Markt und ist auf jeden Fall DAS Hängemattenalbum des Jahres!

Mit Wales verbindet man keine Hängematten und mit Future Of The Left schon gar nicht. Wer dieser Tage nach geeigneter Abgeh-Musik sucht und die Nachbarn mal wieder mit geiler, lauter Mucke ärgern möchte, lege sich ‘Curses‘ und ‘Travels With Myself And Another‘ zu. UND, nicht ODER. Dann ‘Chin Music’, ‘Stand by your Manatee‘ oder ‘adeadenemyalwayssmellsgood‘ angeklickt und ab geht’s. Im sauna-esken Molotow hat das jedenfalls bestens funktioniert!

Monika Levinski

King Khan and The Shrines - Foto: Monika Levinski

Laut war es dann auch standesgemäß bei Dinosaur Jr. im Docks. Die Senioren gniedelten das volle Haus ins Delirium und bildeten einen hervorragenden Abschluss für den ersten Tag. Wie sich herausstellen sollte, war es auch der angenehmste Tag. Es waren offensichtlich noch nicht allzu viele Festivalbesucher angereist und Donnerstags sind auch nur wenige “normale” Reeperbahntouristen unterwegs, was das vorankommen zwischen den Locations erleichtert.

Freitag bildete Times New Viking im Kaiserkeller einen eher farblosen Auftakt. Man könnte ja meinen, der zweistimmige Dilettanten-LoFi-Pop-Punk wäre live etwas mitreißender. Isser aber nicht. Da können sie noch so zwischen den Songs Referenzen wie Henry Rollins oder Lux Interior droppen und bei jedem zweiten Lied etwas von Drogen faseln – Beth Murphy hat die Ausstrahlung einer Highschool-Abgängerin. Einer hübschen zwar, aber man vermisst ein wenig Verruchtheit à la Alison Mosshart oder Nico Teen. Positiv zu vermelden ist, dass die Musik live besser klingt als die Plattenaufnahmen auf ihren per Kassetten- und VHS-Bändern eingereichten Mastertapes.

Stieg man dann die Treppen des Kaiserkellers empor fand man sich direkt in der auf Deichkind wartenden Crowd vor der Großen Freiheit 36 wieder. Schon eine Stunde vor dem Gig wurde kein Einlass mehr gewährt und ein schmucker hanseatischer Polizist stieg auf ein Podest und versuchte, die Menschenmenge zum Gehen zu bewegen. Die Szene hätte auch aus Police Academy 23 sein können und Fragen wie “Warum kleidet sich die Staatsmacht in Hamburg wie die in Hollywood?” oder “Wann kommt der Rest der Village People?” drängten sich auf.

Da später die Große Freiheit wegen der Menschenmassen sogar komplett gesperrt wurde, bot es sich an, bereits jetzt zum etwas abgelegenen Übel & Gefährlich-Bunker zu laufen, wo man sich nachher ohnehin zu Whomadewho einfinden wollte. Als Lückenbüßer dienten Reverend And The Makers. Das ist eine von denen Bands, die man zufällig irgendwo live sieht und glaubt, man kennt sie nicht. Dann steht man da und denkt bei jedem 4. Lied “Ach, das ist von denen”. Sprich: radiokompatible Tanzmusik, die in ihren besten Momenten, also den Nicht-Singles, an den guten alten Manchester-Rave erinnert, nur dass sie nicht von dort kommen. Aber Pop Will Eat Itself (Gott hab sie selig) kamen ja auch nicht aus Manchester.

Der Club war inzwischen prall gefüllt mit tanzwütigen Menschen und so hatten Whomadewho im Anschluss ein leichtes Spiel. Tanzmusik ist ja immer dann am besten, wenn sie mit echten Instrumenten dargeboten wird und die Musiker auf der Bühne ordentlich abgehen. Das taten die Dänen im Amish-Look denn auch und holten sich am Ende jede Menge Verstärkung auf die Bühne. Dann wurde ihnen jedoch endgültig der Strom abgestellt, damit die Damen von CSS mit ihrem DJ-Set beginnen konnten.

Samstag hieß es dann zunächst ‘Hallohoelle’ bei 206 im Kaiserkeller. Ist Halle die Hölle? Wo holt man sonst solch eindringliche Texte her, wenn nicht aus der allgegenwärtigen Heimatstadt? Die Blog-Einträge ihrer Myspaceseite sind wahre Netzpoesie. Live steht man da und glotzt – völlig in den Bann gezogen von dem kleinen Kerl an Mikro und Gitarre. Very intense, indeed. Kopfpunk hat irgendwer, wenn nicht sie selber, ihre Musik genannt. Wohl weil sie jeglicher Faxe-Punk-Gröhlerei entbehrt und hier eindeutig etwas in den drei Köpfen vorgeht. Die Körper dazu wiegen angeblich zusammen 206 kg, deshalb der Bandname.

Apropos gröhlen. Letzter Stop: Frittenbude im Übel & Gefährlich. Ganz das Gegenteil. Leere Köpfe und dumpfes Gegröhle, wie es ja schon im Text heisst: “Schmeiß dein Gehirn in die Luft”. Weg damit und losgehüpft! Kann man machen, muss man aber nicht.

Warum nur zwei Shows am Samstag? Viel zu voll alles. Clubs, Reeperbahn und Große Freiheit – überall Schlangen und pulkweise Menschen. Aber das macht nichts. Das Reeperbahnfestival 2009 war eine rundum gelungene Veranstaltung. Nächstes Jahr gerne wieder!

www.reeperbahnfestival.com



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