Gipfeltreffen der Alternative-Country-Altmeister


Calexico, Lambchob, Lucinda Williams live in Zitadelle Spandau, 8.7.2009

Juli 11th, 2009 | 1 Kommentar ...  

Gipfeltreffen der Alternative-Country-Altmeister
Joey Burns-Calexico, Photo: Barbara Mürdter

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So schnell kann es gehen: Es ist nur wenige Jahre her, dass Calexico, Lambchop und Lucinda Williams breiteren Publikumsschichten bekannt geworden sind und der letzte heiße Scheiß waren – die Superstars des Alternative Country zumindest in Europa. Seitdem haben vor allem Lambchop und Calexico das Land ausgiebig betourt, und auch Lucinda Williams scheint ihre Flugangst überwunden zu haben und war in den letzten Jahren öfter hier. Williams und Lambchop haben zuletzt zumeist als schwächer angesehene Alben veröffentlicht, und Calexico wurden vielen Fans zumindest auf den Platten zu glatt. Also brauchte es das gewaltige Dreierpack, um die Zitadelle in Spandau mehr oder weniger zu füllen. Es war so etwa, wie sich die Rolling Stones 1980 anzuschauen – tolle Bands, aber nicht mehr hip.

Zunächst spielte Lucinda Williams schon um 18h nicht nur im harschen Tageslicht, sondern vor einem zunächst noch recht kleinen Häuflein treuer Fans mit aufgespannten Regenschirmen. Während man bei Williams vor lauter Eyeliner und Lidschatten kaum die Augen erkennen konnte, war ihre Musik gänzlich ungeschminkt. Die war purer Rock. Auch ihre (relativ) neue Begleitband Buick 6, wie sie in Los Angeles zu Hause, ließ es krachen, ohne dass es dabei an Gefühl mangelte. Gitarrensoli boten den Gegenpol zu Williams’ Geschichten über wilde Beziehungen, Sehnsüchte und Verletzungen. Auch wenn sie, wie sie erzählte, den 30. (!) Jahrestag ihrer ersten Veröffentlichung auf dem legendären Folk-Label Rounder feierte, fehlten manchen Zuhörern die ruhigeren Momente. Älter Songs gerieten zu Rockkrachern.

Barbara Mürdter

Lucinda Williams, Foto: Barbara Mürdter

Tolle Rocksongs wie „Real Live Bleeding Fingers” werden routiniert und gut gelaunt runter gespielt – keine Highlights an überbordender Emotionalität, aber auch keine Enttäuschung. Solides Handwerk. Ausgeglichenheit ist aber eben nicht unbedingt etwas, was man mit Lucinda Williams verbindet. Sie ist eher für achterbahnfartartige Beziehungsgeschichten bekannt, die sie dann in ihren Songs verarbeitet. Vielleicht führen auch bei den ganz wilden Frauen das Alter – Williams ist mittlerweile 56 -, lange vermisste künstlerische Anerkennung und ruhigere Beziehungen zu einer gewissen Solidität.

Auch Kurt Wagner, seit über 15 Jahren Vorsteher und Mastermind des Musikerkollektivs Lambchop aus Nashville, hat mittlerweile die 50 überschritten. Ebenso wie die Band den Zenith ihrer Beliebtheit. Mit der derzeit reduzierten Besetzung von „nur” sieben Musikern betrat sie die Bühne, Wagner machte es sich auf seinem Höckerchen bequem. „Der bewegt sich nicht mehr viel heute Abend,” meinte ein Herr aus der Menge. Die Band stimmte in ihren verhaltenen Country-Gospel an. Das Publikum war eher skeptisch und die Erwartungshaltung nach den letzten Alben nicht besonders hoch. Aber als die Zuhörer nach den ersten Songs im typischen musikalischen Understatement zu mosern begannen und kurz davor waren, „Rock’n’Roll” zu schreien, schien die Band auch ohne laute Ausrufe das Signal verstanden zu haben: Sie rockt für ihre Verhältnisse richtig los. Wagners Emotionalität hatte sich bisher nur in seinem Gesicht widergespiegelt; jetzt legt er auch mal die Gitarre beiseite und fuchtelt fast spastisch mit den Armen, um seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Das ganze mündete in einer hochemotionalen Darbietung ihres gefeierten Sisters Of Mercy-Covers „This Corrosion” von Lambchops letztem ungeteilt positiv aufgenommen Album „Is a Woman” aus dem Jahr 2002.

Einst Support von Lambchop, haben sich die Machtverhältnisse umgedreht: Calexico aus dem Städtchen Tuscon in Arizona treten heute als Headliner auf. Mit ihrer ganz eigenen Mischung aus Indie-Rock, Countryeskem und mexikanischen Klängen haben sie sich in die Herzen der deutschen Fans gespielt. Auch sie sind keineswegs mehr die gefühlsverwirrten spontanen Jungkünstler, haben sich doch den Ruf bewahrt, das nichts was sie anfassen so richtig verkehrt ist. Und ihre Konzerte gelten immer noch als die alternative, experimentelle Version ihrer für manche zu stark marktangepassten aktuellen Platten.

Barbara Mürdter

Kurt Wagner-Lambchop, Photo: Barbara Mürdter

Auch sie waren gut gelaunt und spielerisch drauf und fielen an diesem Abend durch diverse Zitate aus der Rockgeschichte auf – sogar vor einem mal einer wie zufällig eingeworfenen „Satisfaction”-Zeile machten sie keinen Halt. So wollten sie sich selbst offenbar ihre Laune an den tausendmal gespielten Klassikern erhalten und es klappte auch mit dem Publikum. Es bekam seine Version vom Hit „Crystal Frontier” als ausführliche, eigenwillige Liveversion. Auf der Bühne standen dabei bis auf den Neuzugang Jairo Zavala Ruiz sechs Leute, die sich neben der Kerngruppe Joey Burns / John Convertino als – selbstverständlich exzellente – feste Band etabliert haben: der begnadete Pedal-Steel-Gitarrist Paul Niehaus (der an diesem Abend seinen Geburtstag feierte), die beiden Deutschen Martin Wenk (Trompete und alles, was sonst so anfällt) und Volker Zander (Bass), sowie Jacob Valenzuela, die personifizierte Reduktion der Mariachi-Band, mit denen Calexico daheim manchmal spielt.

Passend zum opulenten Breitwand-Wüstensound der Band ging die Sonne – von Wolken verdeckt – über dem Gelände unter. Bei den letzten Songs kamen grüne und pinkfabende Bühnenscheinwerfer zum Einsatz, deren Lichter deren Dramatik unterstrichen. Die Band hätte sicher noch die eine oder andere eingeforderte Zugabe gespielt, aber das Citadel Music Festival wird derzeit von Anwohnern wegen Lärmbelästigung verklagt. Deshalb war pünktlich um 22 Uhr Zapfenstreich. Zuvor holte Joey Burns jedoch Kurt Wagner noch einmal auf die Bühne. Gemeinsam sangen sie Dylans „I threw it all away”.

Fazit: Alle drei Bands haben das gezeigt, was sie sind: Gute, routinierte Unterhalter und Musiker. Das Publikum ging zufrieden nach einem wunderbaren Abend nach Hause. That’s Entertainment auf hohem Niveau.

Barbara Mürdter

Calexico Fans, Photo: Barbara Mürdter



Kommentare / Comments:

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    1. Barbara Mürdter  

    Mehr Fotos vom Konzert unter: http://popkontext.de/Homepage/fotos_calexico.htm