Gestern wurde das Kaffee Burger gefegt


Holger Hiller im Kaffee Burger, 26.11.2009

Dezember 18th, 2009 | 0 Kommentare ...  

Von Emil Delikolder

Holger Hiller war in den frühen achtziger Jahren Mitglied der großartigen NDW-Band Palais Schaumburg. Parallel dazu und nach seinem Ausstieg veröffentlichte er mehrere Soloplatten, die heute gesuchte Sammlerobjekte sind; und zu Recht. Der schräge Avantgarde Elektro-Pop mit seinen dadaistischen Texten war wegweisend und wird bis in die Gegenwart von Connaisseuren geschätzt. Auch ich bin seit den frühen Achtzigern ein Fan.

Am 26.11. durfte ich zum zweiten Mal in meinem Leben einem Konzert eines meiner großen Idole beiwohnen. Das erste Mal sah ich ihn im Februar 2002 im Roten Salon im Rahmen der Friendly Capitalism Lounge von Jim Avignon und Fehmi Baumbach. Damals hatte er als Begleitmusiker Christoph Hein von Mina als Schlagzeuger rekrutiert. Heute begleiteten ihn die Argentinierin Josefina Gill am Bass und Annick Lazar an abenteuerlichen, auf einen Bollerwagen montierten Percussions (solch eine Konstruktion sieht man selten…).

Das Konzert begann mit dem Stück „Ein ganz normaler Kuss” von Hillers ersten Single, was meinen Emotionen an diesem Abend nicht das letzte Mal Wellen schlagen ließ. Elektronik, scheppernde Percussion und ein hypnotischer Bass versprachen ein großes Konzert. Und das sollte es werden.

Holger Hiller und Band am 26.11.2009

Holger Hiller und Band, 26.11.2009 at Kaffee Burger, Berlin.

Hiller spielte sich quer durch sein eigenes Werk und das der frühen Palais Schaumburg. Nachdem er zwischen zwei Stücken seinen ehemaligen Band-Kollegen Thomas Fehlmann im Publikum begrüßt hatte, gab es den ersten Schaumburg Klassiker: „Morgen wird der Wald gefegt”. Der Text hat aber angeblich nichts mit der Beuys-Aktion zu tun, bei der dieser 1971 den Grafenberger Wald in Düsseldorf fegte, um gegen seine geplante Abholzung zu protestieren. Ein anderes Stück dieses Abends hatte aber sehr wohl eine Verbindung zu einem Kunstwerk: „48 Kissen mit Seidenstickerei” bezieht sich auf eine Arbeit von Die Tödliche Doris, die genau das war – eben 48 Kissen mit Seidenstickerei. Schön, dass Hiller auf diese Weise einer weiteren Avantgarde Truppe aus dieser Zeit Tribut zollte.

Weitere Highlights waren zum einen die Schaumburg Stücke „Telephon” – eher in LoFi Manier, die den Elektro-Punk-Klassiker in völlig anderem Licht erscheinen ließen – und „Wir bauen eine neue Stadt” – beeindruckend originalgetreu interpretiert -, und zum anderen „Herzmuskel” – ebenfalls von seiner ersten Single – und „Johnny (du Lump)” – wohl fast das einzige tanzbare Stück in seinem Gesamtwerk.

Das Konzert endete mit Hillers Lieblingsstück „Wir schreiben nichts auf Papier”, das theatralisch-pompös den Schlusspunkt setzte. Der anschließende frenetische Applaus, ließ die drei Musiker/innen nicht lange warten, um für eine Zugabe zurück zu kommen. Es kam eine scheppernde und dilettantisch anmutende Coverversion einer Morricone-Komposition, dessen Umsetzung mich an die Frankfurter Trash-Jazz-Easy-Listening-Band Björn Sund Trio erinnerte, die seit Mitte der 90er Jahre im Rhein-Main-Gebiet Kultstatus genießen.

Hiller ist sich und Dada dreißig Jahre treu geblieben und hat in dieser Zeit nichts an Elan und Glaubwürdigkeit verloren. In Gesprächen mit anderen Gästen nach dem Konzert stellte sich heraus, dass restlos alle meine Begeisterung teilten. Abschließend kann ich nur Markus Detmer zitieren, der zu Bernd Jestram sagte: „Zeitlos gut.”

www.myspace.com/holgerhiller



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