Geschichten für eine bessere Welt


B.Fleischmann & friends live im Ragnarhof, Wien, 29.11.2008

Dezember 3rd, 2008 | 0 Kommentare ...  

Geschichten für eine bessere Welt
Bernhard Fleischmann, Photo: Philipp Brugner, Dorfdisco 2008

Von Philipp Brugner

Angst gehe um in der Welt, welche, bestimmt durch Abneigung gegenüber dem Fremden, so doch wohl nicht sein könne. Bernhard Fleischmann ist mit der allgegenwärtigen Paranoia unter den Menschen ganz und gar nicht einverstanden.

Man stelle die Menschen ruhig, indem man gezielt Angst einsetzt. Überall, sei es im Alltag, in der Politik oder im Job werde Fremdes negativ konnotiert, ärgert sich Fleischmann.

„Damit schafft man eine Stimmung, die ich absolut nicht aushalte”, so der Wiener Elektronikmusiker weiter, der sich Kraft seines musikalischen Faches nicht mit der vorhandenen Situation abfinden will.

Dabei scheint Bernhard Fleischmann wirklich das zu machen, was einem als Musiker naheliegend erscheint – er nimmt ein Album auf. Ein Album, das allein schon aufgrund seines Titels als ganz klares Gegengewicht zu dieser „unkreativen Stimmung”, so Fleischmann, verstanden werden kann. Mit „Angst is not a Weltanschauung” hat Bernhard Fleischmann sein ganz eigenes Rezept parat, mit dem er sich eine Abkehr von xenophoben Gedanken hin zu einem weltoffeneren Grundtenor verspricht.

Klingt nach großen Zielen, die sich der Mann da gesteckt hat. Dass sein Wirkungsgrad dabei aber ein beschränkter ist, ist ihm durchaus klar. Sein neues Album dient hierbei als wichtiges Zeichen, das er bei seinem Auftritt im Ragnarhof dann auch zu deuten versuchte.

„Deuten” darf an dieser Stelle ohne weiteres wörtlich genommen werden, präsentierte er den Großteil seiner neuen Songs doch mit kurzweiligen, mitunter sehr detailreichen Geschichten, die ein Zugehörigkeitsgefühl der Klänge zum Gesagten herstellen sollten.

Mit Schilderungen, die von einer am Weihnachtsabend an der Supermarktkassa wartenden alten Frau („24.12″) bis zur Selbstbelügung, der wir uns alle in gewisser Weise immer wieder mal hingeben („In trains”), reichen, gelang ihm ein adäquater Erzählrahmen.

Dass es ein Ding der sagbaren Unmöglichkeit wäre, würde ein Musiker sein neues Album ohne die Gedanken, die ihm bei dessen Entstehung durch den Kopf gingen, vorstellen, dafür sind Leute wie Bernhard Fleischmann der beste Beweis. Die mit den Erzählungen verknüpften Gedanken ermöglichten eine Verarbeitung der Songs, die so auch richtig hängen blieb.

Philipp Brugner, Dorfdisco 2008

Marilies Jagsch - Foto: Philipp Brugner, Dorfdisco 2008

Ein Album steht und fällt sowohl mit der Musik, die es zu bieten hat, als auch mit den Texten, die ihm das Vermitteln seiner Botschaft ermöglichen. Wobei diese beim jüngsten Fleischmann-Werk merklich indisponiert daherkommt, was ihren textlichen Inhalt am Cover betrifft. So handeln manche Songs nicht nur von – bereits erwähnten – Weihnachtsgeschichten und Lügenbolzen, nein, die Texte streifen auch heiklere Themen wie den Tod.

Die Songs „Still see you smile” und „Even your glasses miss your eyes” sind eine ganz persönliche Widmung Bernhard Fleischmanns an einen verstorbenen Freund, bei denen er es sich auch nicht nehmen ließ, die Vocals selbst zu intonieren. Ansonsten lässt er ganz altruistisch Musiker-Freunden wie Marilies Jagsch und Sweet William van Ghost den Vortritt.

Das Konzert im Ragnarhof bot genau jene Konstellation, zusätzlich gespickt mit einzelnen Bandmitgliedern von „Aber das Leben lebt”, jener Band, die noch im Vorhinein ran durfte. Versuchte sich Bernhard Fleischmann beim Opener „HELLO” noch am Keyboard, wechselte er danach gleich an den Platz, der ihm seit Jahren angestammt scheint. Zwischen Laptop, Regler und Synthesizer wuchs er über die Jahre zu einer veritablen Größe im Feld der elektronischen Musik heran. Zwischen Laptop, Regler und Synthesizer fühlte er sich an diesem Abend ganz nah dran an der alten Frau im Supermarkt und an seinem Freund, der zum Leben leise Servus sagte.

War das Schaffen von Bernhard Fleischmann bislang auf ein Minimales reduziert, er formte seine Stücke meist aus einfachen Loops mit Einsprengseln aus dem Minimal-Sound, so stieß er mit dem aktuellen Album neue Türen auf. Was sich ihm dadurch eröffnete, ist die wunderbar sanft-klare Stimme Marilies Jagschs, der ja eine ähnlich erfolgreiche Zukunft wie Anja Plaschg alias Soap&Skin vorausgesagt wird, sowie jene Sweet William van Ghosts, der es verstand, auf der Bühne nicht minder zu schwelgen.

Das, was da noch so unter den einzelnen Tracks des Albums zu finden ist, würde dem „alten” Bernhard Fleischmann wohl ganz schön gegen den Strich gehen. Gitarrenarrangements reihen sich an Harmonikaklänge, ein Stimmen-Sample aus Daniel Johnstons Song „King Kong” läuft parallel zu seiner eigenen verworrenen Elektronik.

Ganz schön viel also, worauf man sein Gehör bei der Präsentation von „Angst is not a Weltanschauung” einstellen musste, die Geschichten Onkel Bernhards nicht zu vergessen. Dass man sich damit aber nicht allein fühlen musste, lag genauso an Bernhard Fleischmann. Er schlüpfte selbst zum ersten Mal in die Rolle des Bandmusikers. Die Verantwortung für gute Musik, die er bis dato immer alleine trug, durfte er diesmal mit anderen teilen.

Das Album aber zeigt, dass Bernhard Fleischmann & friends diese gute Musik durchaus großartig hinbekommen haben. Wer beim Konzert war, konnte dies miterleben und auch ein wenig spüren, was Bernhard Fleischmann mit „Angst is not a Weltanschauung” da so meint.

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