Fuck You Mitte


Januar 30th, 2005 | 0 Kommentare ...  

Fuck You Mitte
Jonas Poppe... wie ging noch gleich der Text? Photo © Dorfdisco 2005

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Der in Berlin Mitte ansässige KingKongKlub war gerammelt voll als sich die scheinbar komplette Elite Berliner Songwriter zu Ran Huber’s “Fuck You Mitte” Veranstaltung versammelte. Krasser Titel deshalb, weil seit geraumer Zeit das Ausgehverhalten von Bewohnern und Behörden in Mitte zunehmendst reguliert, wenn nicht beschränkt werden soll. Verweigerte Livemusiklizenzen oder frühe Schließungszeiten sind nur ein Teil dessen. Um diesen Beschränkungen zu durchbrechen gibt es “Fuck You Mitte”, die ihr Programm konzeptionell komplett auf akustische Darbietungen verlegt.

Nun trifft sich dies auch gut mit dem Trend namens Anti-Folk, jener Bewegung, die einer eher als geistlos und teuer erfahrenen Partykonsumkultur sinnvolle, zumeist witzige Texte entgegenstellt, und damit auch wieder Identifikation und Orientierung bereit hält. Man kann auch sagen, dass sich dieser Trend eher dem Verlangen nach Beständigkeit als Dynamik bedient und für sich Freiräume innerhalb einer zunehmend technisierten Umgebung schafft.

Da liegt der Witz der “FYM” Veranstaltung mit ihrem Wunsch nach zu verteidigendem Eigentum natürlich im gleichen Anspruch wie die der angeblich so genervten Bewohner Mitte’s. Entsprechend war die Stimmung im voll besetzten Raum. Geschlossen im gemeinsamen Lebensgefühl, aber aufgeschlossen jeder Darbietung. So erlebte man den Veranstalter und durch das Programm leitenden Ran Huber mit seiner gemächlich-nachdenklichen Art die einzelnen Acts jeweils charakterscharf anzusagen. „Der nächste Act ist ein ein Berlin nicht mehr wegzudenkendes Superduo”, egal ob das nun stimmt, oder nicht.

Insgesamt 16 (!) Künstler gaben sich dabei die Ehre mit akustischer Gitarre zwei oder drei Songs vorzutragen. Als ich mich so gegen 12 durchdrängelte, war schon über die Hälfte rum: Einar Stenseng, Erlend Oye, Hippies in Chains, John Donald, Nikki Sudden, Philipp, Jeff Tarlton, Steffen Krüger. Den gerade spielende Masha Qrella und Justine Electra konnte ich erstmal nicht so viel abgewinnen, was auch der Enge zuzuschreiben war. Doch einige Höhepunkte sollten noch folgen. Als nächsten erlebte man Kissogram Sänger Jonas Poppe, den ich, schon halb im Backstagebereich stehend, mehr noch bei leichter Übung erlebte, als auf der Bühne. Dann kam Schneider und rockte mehr als dass man das irgendwie Singer/Songwriter nennen könnte.

Wir unterhielten uns danach noch über den Unsinn wie die Musikindustrie junge Ersthörer mit Produktionen wie Schnappi – das Krokodil ausnimmt, und über den Stand einer wirklich vorhandenen Musikszene, die weder erkannt noch gehört wird. Sie hat es in jedem Fall ungleich schwerer und fürchtet trotzdem kommerziell ausgewertet zu werden.

Dies auf ihre Art bestens gelöst haben, oder hatte dies bislang die Berliner Frauenband Britta, die mit eigenem Label und Promotion nur mit einem entsprechend erfahrenen Vertrieb kooperierte. Ob es die Band nach dem unerwarteten Ableben der Schlagzeuglegende Britta Neander unter dem Namen Britta noch weitermachen wird, blieb an diesem Abend ungeklärt. Sängerin Christiane Rösinger aber, von Ran Huber als sein grosses Vorbild angekündigt, zeigte ganze Grösse bei einem emotional bewegendem und ersten öffentlichen Auftritt nach Britta. Ihr Song “Liebe wird oft überbewertet” haute in seiner vorsichtigen Vortragsweise voll rein und erntete mehr Bewunderung als beinahe Beifall. Christiane, man kann es gar nicht anders sagen, ist ein nicht wegzudenkender Angelpunkt in einer mitlerweile überlaufenden deutschsprachigen Singer/Songwriter und Popszene.

Dann kam Jens Friebe und spielte neben seinen Hits einen Song namens 1000 Ziele, unveröffentlicht. Habe ich mal geschrieben bevor ich die anderen Songs aufgenommen hatte, sagte er. Und der Song war spitze, oder besser gesagt, so fühlen wir uns alle auch mal…

Letzter Act, und als der krönende Abschluss des Abends angekündigt wurde Julia Hummer.

Julia Hummer im KingKongKlub

Julia Hummer im KingKongKlub

Ich hatte von ihr gehört, ihre jüngste Vergangenheit im deutschen Film, und bei solchen Konstellationen bin ich erstmal eher skeptisch. Und wie Julia Hummer dann drauf war, ist, wovon viele reden, und nicht schaffen, war in seiner Art absolut authentisch und entprach einer der Grundgedanken von Punk oder Rock’n’Roll.

Was war geschehen? Julia, als Letzte im Programm hatte (zuviel) Bier getrunken, backstage Witze gerissen und mit ihrer zierlichen Erscheinung die halbe Mannschaft unterhalten. Als es Zeit war alleine und mit einer übergrossen Gitarre bewaffnet ihren Song zu singen versagten zunächst alle gelernten Griffe. Julia suchte, entschuldigte sich auf ihre Art so, “ich weiss auch nich’, normalerweise nimmt mir das meine Band ab, oh Mann…”, und spielte daraufhin zwei zaghafte Liedchen, die das versammelte Publikum verzauberte und an tieferen Punkten berührte, ergriff und heraus holte. Das war kein kleiner Auftritt, das waren ergreifend, bewegende Momente, die unvergesslich bleiben sollen. Auf kommende Konzerte dieser Julia Hummer darf man umso mehr gespannt sein.



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