Einsame Tempel, Heiligtümer, abgehakt


Alexander Hacke präsentiert Sanctuary im Postbahnhof

Dezember 12th, 2005 | 0 Kommentare ...  

Einsame Tempel, Heiligtümer, abgehakt
Alexander Hacke im Postbahnhof, Photos AC Horn, © Dorfdisco 2005

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Da hatte ich erst nicht schlecht gestaunt, aber hinterher war’s mir völlig klar: die Berliner Szene ist ein weiches, fröstelndes und sich nach Bequemlichkeit sehnendes Völkchen, das Qualitäten von musikalischen Darbietungen völlig schnurz ist. Oder aber man kann es auch so sagen: die Szene von heute ist so durchschnittlich wie ein Dorfdepp: hauptsache saufen.

Anders will ich nicht verstehen, dass zum Konzert von Alexander Hacke unter 80 Zuschauer kamen und nachher ins White Trash Fast Food opening über 10x soviel. Ging es bei Hacke um eine Musik die in ihrem Anspruch das Aussergewöhnliche und Individuelle auf die Bühne holte, bedurfte es beim White Trash nur einer typisch überzogenen Einladung, in der die registrierten Vereinsmitglieder u.a. als “sons of bitches” zur Völlerei geladen wurden. Und trotz dass selbst auf der White Trash Einladung (und einigen anderen postings auch) zu Alexander Hacke’s Konzertteilnahme aufgerufen wurde — interessiert hat’s nicht eine Perücke.

Man merke also Berlin ist Babel und kein Zufluchtsort. Kein Tempel und kein Heiligtum zählt, es sei denn man kann dort saufen bzw. sich irgendwie selbst schreierisch darstellen. Und so hat man Hacke’s Sanctuary wenn überhaupt nur sehr privat wahrgenommen. Also als etwas persönliches, das der gemeine Konsument nicht antizipiert, weil es nicht so weich ist wie ein White Trash Hamburger und auch nicht von Dritten vorgekaut wurde, womit ich die auf ewig Gemeinplätze suchende Mainstream Musikpresse meine.

Oder muss man es anders betrachten? Muss man sagen dass sich die Zeit von individueller U-Musik schlechthin verabschiedet hat und förderhin als Spass-machender Problemrock die Titelseiten, Clubs und Festivals verstopft? Aber auch hier wäre es der sich noch ernst nehmenden Musikjournaille anzukreiden, dass sie Hacke als Musiker ignorieren, jemand der mit 14 für die Musik die Schule an den Nagel hing und seitdem schon beispiellose musikalische Leistungen erbringt. Und gerade weil Hacke nicht ins Wir-lernen-Musik-als-Geschäft-mit-Rentendenken neudeutscher Marketingbands mit Popakademie Ausbildung und Hallo-klickt-uns-hier Email-Spamming passt, wäre sie hier gefordert gewesen Hacke als einen der wenigen wirklich verdienten Musiker Deutschlands anzuerkennen.

Sugarpie Jones, Photo AC Horn © Dorfdisco 2005

Sugarpie Jones, Photo AC Horn © Dorfdisco 2005

Doch sind dies nur Umrandungen, die die musikalische Verdichtung von Alexander Hacke nicht begriffen haben, welche sich selbst auch nicht leicht greifen lassen will. Hackes Musik ist eigensinnig, komplex, sperrig, neu und ungewöhnlich. Sie verlangt nach angemessener Würdigung, die sich nicht vom Beipackzettel ablesen lässt. Um es vorweg zu nehmen, es war ganz leicht und beeindruckend zugleich und klang doch schwerfällig genug um gravitätisch wichtig zu wirken. Und im Grunde bewegte es sich zwischen der Kunst ein paar alte Säcke hochzunehmen (head banging verzerrter Rock) und eine mysteriös sublime Stimmung á la Tom Waits im 7/8 Takt zu erzeugen (fröhliches Congagetrommel), die einen einnahm und zum Tanzen anregte. Genau, tanzen. Und dann ging es mir auf: gegen die Hacke Band sind die Neubauten so tot wie die Stones.

Die war nämlich richtig gut und schaffte es mit einem attraktiv musikalischem Minimum einen großen, spannungsgeladenen Sound zur Geltung kommen zu lassen. Dabei hielt sich Hacke’s Stimmung soweit in Routinegrenzen als ginge es hier um eine erweiterte Probe. Es mussten ja auch nicht viele überzeugt werden, die meisten kannten sich ja von der Gästeliste. Trotzdem, alle Songs wurden extra erklärt und die Band angesagt: from Hollywood, California, Sugarpie Jones! The Great Ash Wednesday! The Brontosaurus Gordon Monahan! The Beautiful Danielle de Picciotto usw., fehlte eigentlich nur ein Alien, from outer Space.

Es wurden auch einige Songs gecovert, wobei man bei Sad Dark Eyes mal wieder eine Stecknadel hätte fallen hören können. Generell sagte die Auswahl der gecoverten Stücke (Ghost Rider/Jenseits von Eden/Sad Dark Eyes/Mongoloid) so nebenbei auch was über Hacke’s (und der 80ger Generation) musikalischer Sozialisation aus. Dann das 13 Minuten schwere Monster-Herzstück “Sanctuary” mit seinen vorder-orientalischen Einflüssen und seinem Glaubensbekenntnis zur Liebe und gesellschaftlicher Abgrenzung (celebrating every minute keeping rats where they belong) oder zum Ende Alexander Hacke als singende, elektrische Grundton-Zahnbürste.

Draussen übrigens, es war eisig, warteten etwas ungeduldig ein paar leicht bekleidete Teenies, die sich von der Ferne mit dem Zug angereist darüber wunderten wieso sie nicht schon zur anschließenden Fritz-Disco rein durften. “Wegen Alexander Hacke” – “Wer?” – “Na der von den Neubauten!” – “Wie?” Egal. Wir sind dann Richtung White Trash, aber das steht wenn auf einer anderen Seite, weniger ausführlich.



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