Ein leichtes, leises Säuseln


Einstürzende Neubauten im Tempodrom, 13.3.2004

März 20th, 2004 | 0 Kommentare ...  

Ein leichtes, leises Säuseln

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Es hat mitlerweise etwas Rituelles. Immer wenn die Einstürzenden Neubauten in Berlin spielen ist dies ein Muss dort hinzugehen, wie ein kulturelles Ereignis. Nicht weil sie es verstehen auch nach 24 Jahren noch als “Anspruchsvoll” zu gelten, sondern auch weil man auch ebensolche viele trifft, wobei gilt, je Bedeutungsvoller, desto Zurückhaltender.

Dabei wird es scheinbar zunehmend glamuröser, ohne kitschig zu sein, immer kulturell-kultivierter, ohne übertrieben snobistisch zu wirken, und immer erholsamer, so man sich diesmal in einen der oberen Sitze des Berliner Tempodrom zurückziehen konnte, um ergeben dem neuen Programm der Einstürzenden Neubauten zuzuhören: Perpetuum Mobile – eine moderne Oper postgalaktischer Träumereien? Gewiss, die neuen Neubauten machen keine kranke Musik mehr, ein paar Eigenheiten haben sie sich dennoch bewahrt.

“Ich gehe jetzt”: fragil perkussiv und tranceartig um die oft doppeldeutig ausgearbeiteten Texte Blixas gewoben, und doch an mancher Stelle leicht bauplanlos abwartend. Blixas Texte hört immer dann am Besten, wenn es um ihn still wird, es theaterartig “gesungene Klaus Kinski” Züge annimmt. Nur in druckvollen Höhen, wenn es laut wird, zB. bei “Redukt”, kommt Bargelds Stimme nicht an heutige Rock-Nirvana-Standards ran. Warum sollte er? Sein Markenzeichen ist sein Vogelschrei, der klingt wie ein Windkuchen.

Andererseits, wenn Bargeld die Auswirkungen vertrunkener Nächte als “Selbstportrait mit Kater” besingt, fühlt man sich wie abgeholt, verstanden, geht es einem nochmal durch und die Seele auf. Und, haben wir nicht zum ersten Mal leichte Ansätze tanzrythmischer Bewegung beim sonst eher stoischen Bargeld beobachten können? Ein anderer Höhepunkt sicherlich “Dead Friends around the Corner” (ein Schelm wer hierbei nur an uns denkt). Anwesende Supporter wurden hierbei persönlich begrüsst.

Ebenfalls äusserst bewegend: Youme & Meyou (YouMe knows what MeYou wants). Ein Stück so sphärisch wund voller Schönheit (Leonard Cohen lässt grüssen), wie es die Neubauten seit “Blume”, oder den frühen Einflüssen von Nick Cave wie nicht mehr geschafft haben. “Die Befindlichkeit des Landes (Melancholia)”, eine Reminiszenz an den eigenen Anspruch und gespickt mit Anspielungen an den Bebau des Potsdamer Platzes seit dem Mauerfall, wurde vom hiesigen Publikum frenetisch angenommen.

Auch klingt mehr und mehr die “legitime” Nachfolge von Rio Reiser durch, im Tonfall, Wortrythmus, und natürlich offensichtlich barfuss auf der Bühne. Überhaupt, der etwas schnurrig alt-Bargeldsche Witz: Basssaiten lassen sich wiederverwenden, wenn man sie zuvor in Essig abkocht, oder “am Abend erwartet mich ein Fisch zum Essen/Paradiesseits”. Ich musste unweigerlich an seinen damaligen Auftritt bei Alfred Bioleks Fernsehkochstudio denken.

EN @ Tempodrom 13.3.2004 Pic Dorfdisco

EN @ Tempodrom 13.3.2004 Pic Dorfdisco

Dazwischen der Ohrwurm “Perpetuum Mobile”, eingeleitet durch Endruh’s “Olivenalarm” und nach selbiger Aussage zum ersten Mal auf Tour richtig gespielt, durch die Rohre gerauscht.

Rufe nach alten Nummern (Kollaps) werden leicht sarkastisch, wie auf einem Spielplatz abgehandelt. Klar, dass es das so nicht mehr gibt, in Berlin hätte man sich das Eine oder Andere in der Zugabe trotzdem noch vorstellen können. Dafür gibt es “Neun Arme” aus dem Jahre 1983 (Zeichnungen des Patienten O.T.), dass angeblich noch nie zur Aufführung kam, und auf Herzschlägen basiert, in seinem ursprünglich krassem Minimalismus in der vielen als zu leise gesäuselt durchgeführten Konzertatmosphäre, unglücklich verkümmerte.

Zu “Ein seltener Vogel” wurde kurz erklärt, dass dies in Zusammenhang mit dem Niedergang der Musikindustrie zu werten ist, wo “nach dem Regen sind die meisten nicht mehr dabei” sind. Folkloristisch belustigend die kniende Glocken & Rohre Percussionsrampe am Bühnenrand, welches, ins abschließende “Grundstück” überleitete, welches ein bischen wie bei der “12305(ten) Nacht” schon, gefühlvoll mit den eigenen Erinnerungen umgeht, und sie trotzdem entschieden “nach Nichts” und den “vergebenen Möglichkeiten” suchend “auf- und wegräumt”. Heisst, Bargeld legt wieder poetische Grundsteine für eine neue Zeit seines Unternehmens.

Nach der darauffolgenden, über einstündigen Zugabe, bei der nur noch “Ein leichtes leises Säuseln” von der aktuellen CD zum Zuge kam (auch als Neuanfang zu werten, die alten, krachigen Zeiten sind damit zum xten Mal passé), mit Sabrina, Haus der Lüge (brachial Abräumer), Armenia und Alles aber nochmal zwei der letzten Platte “Silence is Sexy” und eins jeweils von den “Zeichnungen des Patienten O.T.” sowie das Titelsstück von Haus der Lüge gespielt wurden, war der Jubel mal wieder berauschend dergestalt, dass man über die Einstürzenden Neubauten, zumal noch begünstigt durch die schöne Tempodrom Architektur, immer noch von einem ausserordentlichen Ereignis reden kann.



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