Ein Augenschmaus tanzt Samba


Jesse Evans (+Namosh) Live im SO 36, 16/8/08

August 20th, 2008 | 0 Kommentare ...  

Ein Augenschmaus tanzt Samba

Von Lord Korth

Im Jahre 2002 entdeckte ich eine Band aus Afghanistan, die mit Hilfe des Goethe-Institutes eine Single aufgenommen hat, die in deutschen Clubs einen kleinen Kultstatus erlangte: die Burka Band mit „Burka Blue“. Ein kleiner, simpler Song mit einer noch simpleren Message, lustigen Loops und einem Beat den auch noch der Untalentierteste problemlos mittrommeln kann. Aber auf die Botschaft kommt es ja wie immer an.

Genau diesen Song nahm sich Frau Jessie Evans als Intro für ihre ungefähr einstündige Darbietung. Kurz nachdem dass der Südasien-Smasher ausgefadet wurde hüpfte sie auf die Bühne. Zuerst sah man lediglich ein Knäuel aus rotem Samt. Doch dann lüftete sich der Schleier und daraus entstieg ein Augenschmaus in einem schwarz-weiß gestreiften Body, der mehr erahnen ließ als er bedecken sollte. Gedankliche Assoziationen zu den White Stripes, auch wegen der Kombination Instrument – Schlagzeug sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Im Vorherein wurde mir dieser Abend als ein Aufeinandertreffen von Electro und Saxophon angepriesen, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Für den ersten Song mag diese Kombination noch zutreffen, doch ab dem Zweiten, dessen Name ich übrigens wie die der anderen nicht weiß, schwangen da doch durchaus auch Samba- und Salsa – Klänge zwischen dem vom Drumcomputer eingespielten Beat mit. Dazu steuerte auch der Herr Toby Dammit, passend im Smoking, hinter der Schießbude seinen Teil bei, der das Set immer mal wieder durch das Herumschrubben auf seltsamen, aber nie hörbaren, Instrumenten auflockerte. Ein Hoch auf den Herrn am Mischpult.

Wenn Frau Evans nicht wie eine herrenlose Bohnermaschine (und dieser Vergleich ist echt nicht böse gemeint, sondern eher bewundernd) über die Bühne fegte, schnallte sie sich auch schon mal das Saxofon um. So wenig wie ich dieses Instrument sonst mag, hier passte es, zielsicher platziert und nie übermäßig improvisierend strapaziert, wie die Faust aufs Auge. Ich war mir zuerst nicht sicher ob die Töne nicht auch vom Band kommen, der Verdacht hat sich aber später nicht bestätigt. Musikalisch gab’s also nichts zu meckern, weder für mich, noch für die zahlreich erschienenen jungen Männer mit schon schütter gewordenem zurück gegelten Haar, oder den Damen mit Oberlehrerinnenbrillen und/oder Mireille-Mathieu-Frisuren.

Irritierend wirkten die 8 Dreiviertelliterflaschen Sprudel, die sich vor der Basstrommel aufbauten. Sollte Frau Evans solch einen Durst während der Show bekommen? Nö, da die Gute leider nicht athletisch genug ist, um ihr Bein spagatenhafterweise beim Tanz der Teufel in die Höhe zu recken, versucht sie dieses Manko durch Showeffekte wie das wiederholte Herumschleudern besagter offener Flaschen oder dem Sturz ins Publikum, auch Crowdsurfing genannt, zu kompensieren. Nach der vierten Flasche war der Witz langsam oft genug erzählt.

Ein schönes Konzert, welches vor allem was fürs Auge bot, da sich auch die Leute vom SO36 mit der Bühnendeko sehr viel Mühe gaben. Ein Traum aus rotem Vorhang bildete den Bühnenhintergrund. Die Bühne hätte für das Konzert übrigens gar nicht so weit in den Raum gerückt werden müssen, um eine intimere Atmosphäre zu schaffen. Offenbar hatte niemand mit so viel Publikum gerechnet.



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