Dreckiger Absturz ist Programm


Berlin Insane IV in der Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz, 21.10.2006

Oktober 24th, 2006 | 0 Kommentare ...  

Dreckiger Absturz ist Programm

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In seiner 4ten Auflage ging das Berlin Insane einmal mehr erfolgreich über die Volks-bühne. Diskussionen über “kein Underground mehr” oder “Ausverkauf” erübrigten sich durch das teilweise überraschend gute Line-Up, das mit ca. 2000 Besuchern zu einem “Upper Trash Class Event” einer auch nicht mehr nur bekloppten Art wurde.

Denn Insane, oder weitläufig übersetzt “krankhaft verrückt” war nur noch als Überbleibsel vergangener Tage anzumerken. Das Elektroclashige, vor zwei, drei Jahren noch der Hit, war fast ganz verschwunden, und Gruppen wie Glamour to Kill, Boy from Brazil oder Miss Fisch kamen Aufgrund ihres plakativ ausrechenbaren Skandalvortrags so bieder rüber wie noch nie. Dagegen spielten sich ein paar neue Gruppen in die Herzen der Zuschauer, allem voran Warren Suicide im großen Saal als auch Supercheap und The World Domination im Grünen Salon.

Gegen 21 Uhr startete N.U. Unruh im Sternfoyer seine Trommelinstallation “GSG- Gott sei’s getrommelt”, bestehend aus 15 (von 30) Tischen, in denen diverse, halb durchgesägte und mit Markise und LKW Plane verstärkte Trommeln und anderes Stahl- und Küchenschlagzeug eingebaut sind. Dazu bekam jeder Gast ein Paar gesägte Sticks in die Hand, und man kann sich leicht vorstellen wie die Leute zu Anfangs schon reingebuttert haben wie verrückt – im Volksbühnen Sternfoyer mit seinen hohen Wänden macht es auch irren Krach. Nur als die rythmischen Backingtapes nach einer dreiviertel Stunde verklungen waren, kloppten immer noch welche drauf rum, bis Steve “who taught himself whos the Boss” Morell dem Ganzen mit erhobenen Händen Einhalt gebot, so: “Jetzt bitte aufhören!”, was dann auch der Fall war. Das Sternfoyer war nur mehr multimedialer Meetingpoint visueller backingtrack Unterhaltung mit geschmierter Brötchen auf Bier Atmo.

Das Rbb Fernsehen goss Unruhs Installation noch zu dem Monsterwort “Initialisierungsrythmus” und wollte wissen ob jetzt “der Untergrund wieder auferstanden sei” und noch mehr plakatives Berlin-macht-Schule Zeugs. Das ist es natürlich längst nicht mehr so, weil ein Untergrund aufgrund von landesweiten Starthilfen auch schon längst staatlich gefördert (Popakademie) bzw. privatisiert (Motor etc.) oder allgemein Vergerockwettbewerbt ist. Es gibt keinen entdeckungswürdigen Untergrund mehr wo man ständig mit der Taschenlampe reinleuchtet und anschließend flächendeckend ausbetoniert damit keine unkontrollierbare Szene mehr entsteht. Stattdessen gibt es Nischen, unzählige, und einen guten (im Gegensatz zu einem schlechten oder langweiligen) Grund. So wie Ground Zeroberto Rock’n’Roll oder eben Berlin Insane, die sich bis heute nichts reinreden ließen, und selbst ihre eigenen Sponsoren gonzomäßig “powert by motherfucking Sony Playstation .. Rotten Apple Mac .. Bloody Zitty” usw. titulierten.

Dorfdisco 2006

Ein sauberer Berlin Insane Organisator Steve Morell probiert eine von N.U.Unruhs Trommeln - Photo: Dorfdisco 2006

Es begann die Rumraserei. 4 Floors und drei Bühnen liessen die Leute wieder umherwandern wie in der U-Bahn. Während im Foyer noch mächtig getrommelt wurde, erlebte man im Grünen Salon (der sich als die knackigste Bühne herausstellte) die Elektroglammer The World Domination mit rockiger Riffgitarre, spitzkäsigem Punkgesang und einem Auftreten, das sich selbst ganz treffend zwischen erträumten Iggy P. und Village People Klamotten beschreibt. Auf jeden Fall vermischte sich bei ihnen alles zu einem kratzig-tanzigen Rocksound, der auch genauso tanzig-kratzig aufgenommen wurde.

Dann kamen Leute, erst 50, dann 100, immer mehr. Draußen, vor der Tür fuhr noch ein gemieteter LKW vor, in dem ein provisorisches Fotostudio eingerichtet war. Daniel Josefsohn, renommierter (Star-)fotograf schoss einen jeden Eitlen für eine einmalige 20 Jahre Tempo Jubiläumsausgabe. Derweil wurde es dinnen immer bunter, ein Überschuss gutaussehender Frauen und nicht unbekannter Szeneherrschaften war nicht zu übersehen, während auf der Hauptbühne Mosermeyer den schönen Musikkünsten frönte und auch Goldfish, die eine vergleichweise ernsthafte Rockmusik spielten, dem Festival weniger Durchgeknalltheit als Erwachsenencharakter verliehen.

Ich habe dabei mal rechtzeitig rübergemacht zu Supercheap. Ihr zackig nervöser Rock, der selbst vor Soul und Blues nicht halt macht, wird immer besser. Sängerin Eddi gewinnt mehr und mehr Selbstvertrauen, ihre Stimme erinnert zeitweise ein bischen an The Gossip, aber auch nur ganz leicht, und ihre starke Performance riss das Publikum begeistert mit. Supercheap sind alles andere als superbillig und dürfen garantiert zu den Entdeckungen dieses Jahres gehören!

Den wohl Eindrucksvollsten aber gab die Neuköllner Band Warren Suicide. Ohne besonders erkennbare Songstrukturen sind sie groovy genug für Techköpfe, dunkel genug für Goths, Gitarre genug für Indikids und Rätsel genug um schräge Kunstköpfe aller Coleur auf sich zu vereinigen. Ihr merkwürdig repetiver Beat, hervorgekramt aus einer No-Name Gitarre, Schlagzeug und Keyboard ist irgendwie ständig neben der Spur, und was bedeutet schon ein Text? Als ich reinkam gab es davon nur Fetzen, Sänger Patrick Christensen mit dem nicht-lange-gefackelt Namen “Nackt” schmiss sich auf den Boden und schwitzte wie ein Hund, als hätte sich seine ganze Seele über die große Bühne ausgebreitet. Sollte man eines Tages für Rituale und Gefühle doch noch einmal gerade stehen wird man sich erinnern wie diese in der Volksbühne über den Bühnenrand flossen.
Eine typisch Berliner Insane Konstante darf ich aber noch austeilen: der Sampler kommt nie rechtzeitig zum Event, dafür spielen ihn die Techniker an den Mischpulten zwischendurch bis zum Erbarmen. Das heißt, dieses mal spielten sie (ich habs 6x gehört) ständig Stück 4: Hasselhoff. Die 5 Holländer werden in ihrem Land gerade groß gehypt und hier wandelte sich ihr erst 4ter Gig von einem Anfangs wattigen Sound zum wirklich Lautesten was ich gehört hatte. Die Schlußnummern waren ein Rockhammer und die Anlage zerrte solange an den Ohren der Zuschauer bis sie auch diese Band groß abfeierten.

Ab da habe ich dann abgeschaltet, den letzten Geheimtipp namens Crack Whore Society mit T.Raumschmiere am Schlagzeug verschenkt. Auf den vier Floors zogen jetzt jede Menge Djs mit diversen Showeinlagen ihre Fäden, doch mein 5tes Bier machte jede weitere Aufnahme dieser zunichte. Oder wie Morell, dessen Firma Pale Music außer “Eintritt” und “Beginn” kein deutsch kann, im Vorfeld mailte: “Dont miss the shit … you twat … I want to see your fucking ass at the volksbühne to celebrate with us a new definition of modern rock n roll” und “Hope to see your scumed dick there wasted enough to burn the volksbühne down” – auf deutsch: dreckiger Absturz ist (hier) Programm.



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