Dies ist Micromusic !


Räuberhöhle im Kinzo, 04.02.2005

Februar 12th, 2005 | 0 Kommentare ...  

Dies ist Micromusic !
Räuberhöhle a.k.a. Krawalla Photo © Frollein K., Dorfdisco 2005

Von Frollein K

Vor mehr als zwei Jahren habe ich die Berliner Räuberhöhle zusammen mit Transformer di Roboter und Egotronic gesehen. Was hängenblieb von diesem Abend war allerdings nicht die Band selbst, sondern ein Stil, der sich Micromusic nennt und irgendwo zwischen Elektroclash und 8Bit-Atari-Mucke einzuordnen ist. Micromusic ist eine Nische. Hier und da gibt es Konzerte und Veranstaltungen, die dann eher zufällig ein überraschtes Publikum in wahlweise fiesen Techno-Schuppen oder alternativen Clubs treffen sowie einige wissende Fans. Selbst diese Eingeweihten sind überaus heterogen: Brillennerd trifft Anarcho trifft Trainingsjackenmädchen trifft Kunststudenten.

Räuberhöhle ist fester Bestandteil der Megapeng-Community und bestimmt die Mikromusic-Szene ein Stück weit von Berlin aus, hat aber auch mit Hamburgern wie Plemo oder Der Tante Renate zu tun. Micromusic-Parties finden regelmäßig in den großen Städten Europas statt, meist mit Live-Acts und Minimal DJing, organisiert von einer starken Micromusic-Community (www.micromusic.net). Parallel gibt es eben auch Konzerte in kleinen bis mittelgroßen Locations. Wie heute eben.

Der Kinzo-Club ist ein eher langweiliger Techno-Schuppen mit vielen Menschen ohne Ausstrahlung, die unsexy zum Beat vor sich hinstampfen und lange Zeit frag ich mich, ob ich auf der falschen Veranstaltung gelandet bin, trinke teures Bier und warte ab. Um zwei geht’s dann doch los. Krawalla, die eigentlich ganz allein Räuberhöhle ist, drei Katzen mit den Namen Astronaut, Moped und Bratbär hat und sich von Spielkameraden aus dem Megapeng-Umfeld unterstützen lässt, baut die Kulisse auf. Sie trägt einen roten glänzenden Bodystocking, goldene Stulpen, goldenen Umhang, hat ein Krönchen auf dem Kopf und bringt ein Kasperle-Theater, ihren Puppenfreund Bärchen, zwei fetten tanzende Ballerinas sowie einen Kinder-Laptop mit.

Noch wirkt Krawalla etwas unsicher. Sie kichert in den höchsten Tönen, die Übergänge zwischen den einzelnen Titeln sind durch Puppentheater-Einlagen gefüllt, die aufgrund der eher unverständlichen Sprachqualität eher eintönig sind. Jeder anderen Band würde man nach kurzer Zeit den Rücken zukehren, aber Räuberhöhle geht ab wie Sau und mit den ersten synthetischen Takten jedes neuen Titels vergisst man die für meinen Geschmack zu trashigen Übergänge.

Räuberhöhle Puppentheater - Photo © Frollein K., Dorfdisco 2005

Räuberhöhle Puppentheater - Photo © Frollein K., Dorfdisco 2005

Was man an diesem Abend nicht sehen kann: Die zarte Krawalla ist über und über tätowiert. Was man sehen kann: Mit elfengleicher Statur und verschmitztem Blick wirkt sie ein bisschen wie Björk. Ja, der Vergleich ist gewagt, drängt sich aber schon zum zweiten Mal auf. Ende 2004 gab es Krawalla als Keyboarderin bei Minipli 550 im Karl Lade Club und auch damals hat sie mit einigen Solo Stücken den Björk-Punk hingelegt. Krawalla singt, quietscht und instrumentiert gleichzeitig. Irgendwie Punkig, straight, minimal und während sie performt, ist ihre Unsicherheit wie ein glitzerndes rosa Wölkchen verpufft. Dabei präsentiert sie ein sehr spezielles Body-Workout zusammen mit dem Fett-Ballett und Bärchen, der gegen Ende des Konzertes sein Dasein als Kasperl-Puppe aufgibt und Krawalla in Lebensgröße unterstützt. „This is Micromusic” singen beide, springen auf und ab und verbreiten original Lebensfreude ™. Dabei versorgen sie das Publikum mit Wunderkerzen und schwenken synchron in großen Kreisen silberne Stäbe durch die Luft, aus dem es später glitzerndes Konfetti regnet. Das anfangs etwas überforderte Publikum ist längst dabei. Selbst ahnungslose Techno-Jünger nicken verhalten, eine Gruppe von 5 Jungs in der Mitte des Publikumsraums ist entfesselt. Die Veranstaltung hat das Potenzial, in einem leuchtenden Spaß-Inferno zu enden. Dafür ist die Location aber doch ein bisschen zu stier. Leider.

Dabei sind Räuberhöhle politisch und ein Schlag ins Gesicht der popkulturellen Deutschtümelei (Krawalla im Interview vom 11.1. mit Beatpunk.org). Die ganze Megapeng-Crew ist es. Das macht sie besonders und verdammt noch mal gut, denn im Gegensatz zu anderen Micromusic-Veröffentlichungen, die auf jeden Fall einen Mordsspaß machen, vielleicht aber nicht ganz so nachhaltig sind, haben Räuberhöhle auch noch etwas zu sagen, und zwar differenzierter und klarer als so mancher pseudointellektuelle Konsumkritiker, den die Musikszene des Landes hervorgebracht hat.

In den nächsten Wochen ist die Räuberhöhle erst einmal nicht in der Hauptstadt zu sehen. Da geht es auf Australien-Tour und zum dortigen Euro Trash Festival, finanziert von der EU zum Kulturaustausch – es geht doch! Bis Krawalla und ihre Räuber wieder zurück in Berlin sind, lassen sich aber bei www.megapeng.de einige Titel downloaden. Die technische Qualität ist Lo-Fi vor dem Herrn, in diesem Fall auch leider ungewollt. Aber nach der Australien-Tour gibt’s neue Musik und dafür geht’s dann auch ab in ein richtiges Studio.



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