Er sitzt am Boden und lächelt. Coco Rosie spielen da oben, das Publikum in der ersten Reihe nimmt Antony Hegarty kaum wahr. Dabei sitzt er direkt vor deren Füßen, lediglich die Bühnenabsperrung trennt ihn von der großen Flut. Menschen überall, die große Halle dürfte an diesem vorletzten Abend des Donaufestivals ruhig noch etwas mehr Platz hergeben. Seine Handtasche hat Antony Hegarty auch jetzt neben sich stehen, wie schon beim Konzert zuvor. Vielleicht hat er seine wunderbaren Songs, für die ihn alle hier so lieben, ja dort eingepackt. Einfach so, einzeln und der Reihe nach.
Antony and the Johnsons sind so etwas wie die Glückshormone der Musik. Der Mentor und seine sechs Schüler verleiten mit ihrer Musik zu Zuversicht, Hoffnung und Träumereien. War Antony Hegarty anfangs seiner Karriere noch solo unterwegs, begleiteten ihn bald darauf schon einzelne Instrumentalmusiker. Piano, Streicher und Saxofon, es kamen immer mehr Instrumente dazu. Bald darauf waren sie dann geboren, die Johnsons, sein ganz persönliches Kammerorchester. Nun ist man zu siebt, und man merkt, Antony and the Johnsons sind wie eine kleine Familie. Wo sonst die schützende Hand des Vaters dieses Gefüge zusammenhält, ist es hier die androgyne Stimme Antony Hegartys, jenes Mannes, der mal zartzerbrechlich, mal impulsiv drängend wirkt. Man nimmt ihm beide Seiten ab.
Antony Hegarty beginnt vorsichtig ins Mikro zu hauchen, ganz so, als ob er die ungeduldig wartende Menge mit einem zu plötzlich gestampften „Hello” ansonsten erschrecken könnte. Zum ersten Mal seine zarte Stimme. Sie gibt der Band ihren Charakter, ihre speziellen Konnotationen: Da fallen Wörter wie Seelenheiler oder sanfter Gigant. Seelenheiler, weil Antony and the Johnsons mit sanftem Kammerpop genau das erreichen, was sonst oft nur ein vertrauliches Gespräch unter Freunden vermag: Nähe und Intimität. Und sanfter Gigant, weil man Antony Hegarty und seinem korpulenten Körper eigentlich eine dunkle Bassstimme zutrauen würde, die er aber, so scheint es, noch nie für sich entdeckt hat.
„Alright”, den Anfang macht er mit der aktuellen Single „Epilepsy Is Dancing”. Er sitzt am Klavier, lässt sich von Gitarre und Geige begleiten und zaubert dem einen oder anderen unverhofft Tränen in die Augen. Zu schön ist sein Falsett, zu nahe gehen Textstellen wie „I Cry, „Glitter Is Love!” My Eyes Pinned Inside”. Auch wenn sein ganzer Körper, seine ganze stimmliche Kunst hinter solchen Zeilen steht, ist es niemals zu heftig. Vielmehr besticht Antony Hegarty durch Bedächtigkeit, mit der er sein Publikum erreicht. Während des Konzerts merkt man den Besuchern eine Leichtigkeit an, die sie am Donaufestival wahrscheinlich bislang noch nicht gespürt hatten. In diesen Minuten trägt niemand mehr eine Last am Rücken, alle scheinen glücklich und zufrieden. Das ist die große Kunst, die Antony and the Johnsons zu leisten vermögen.
Geradezu überschwänglich wirkt Antony Hegarty auch selbst, als er sich fingerschnippend kaum mehr auf seinem Sessel halten kann. Auch wenn er sonst eher ruhig und gar ein wenig schüchtern ist, würde er in diesen Augenblicken wohl auch nur zu gerne aufspringen, um sich mitten zu den Tanzenden in der ersten Reihe zu gesellen. „Kiss My Name” heißt die Anleitung dazu, die hauptsächlich vom Schlagzeug und den fidel gespielten Geigen getragen wird. Das traurig anmutende „I Fell In Love With A Dead Boy” passte so gar nicht in diesen überschwänglichen Abend.
Krems? Hat Antony Hegarty hier jene belebende Umgebung wiedergefunden, die ihn anfangs seiner Karriere schon in den Theatern und Kabaretts des New Yorker East Village so inspirierte? Auf einmal war sie da, seine Forderung „Turn up the sound, just fort this night”. Sie spricht eine eindeutige Sprache. Ja, Antony Hegarty liebte dieses Konzert, Krems und sein Publikum. Eine bessere Reverenz, als diese knappen 70 Minuten menschlicher Gefühlsauslotung, hätte er dafür auch gar nicht erweisen können.
Nun sollte Coco Rosie kommen. Coco Rosie sind die Geschwister Bianca und Sierra Casady. Geschwisterliebe bedeutet bei ihnen gemeinsames Experimentieren mit Kinderspielzeugen, elektronischen Samples und traditionellen Instrumenten wie Harfe und Flöte. Der Song „Noah’s Ark” machte sie richtig berühmt. Vor allem in der Folk- und Indieszene wird ihr unkonventioneller Zugang zur Musik geschätzt.
Aus der zweiten Reihe tönen Geräusche von allerlei Kinderkram, bedient von zwei Männern. Es fispelt, es knarrt. In den Kinderzimmern dieser Welt geht es ähnlich zu. Dort eine Kinderorgel, da eine Mundharmonika. Coco Rosie setzen solcherart Quietsch-Geräusche sehr bewusst ein. So lockert man starre Gefüge auf und so bekommt die Musik den entsprechenden Witz.
Balladen und Slow-Motion, das geht problemlos einher. Coco Rosie hätten diese Kombination aber ein wenig mehr vernachlässigen sollen, das Konzert geriet stellenweise doch zu zäh. Der Versuch für mehr Leben war ja da: Sowohl Bianca, als auch Sierra versuchten sich in den unterschiedlichsten Tonlagen ihrer Stimmen. Für den Tanz trällern sie. Fürs reine Zuhören streichen sie so dahin. Dazu gibt’s dann entweder Beats aus dem Computer, oder eine gezupfte Harfe. Coco Rosie könnte man sich auch in einer improvisierten Opernvorstellung denken, hier aber waren sie am Donaufestival. Und da hätte man sich doch mehr Dynamik erwarten dürfen.
Bezeichnend, dass erst der abermalige Auftritt Antony Hegartys zum längst überfälligen Höhepunkt wurde. Die ergänzend gesungene Zugabe „Beautiful Boyz” gehört eindeutig zu den Klassikern Coco Rosies, so wie es „Rainbowarriors” oder „Noah’s Ark” auch welche sind. In diesem Sinne auch eine „Fake Reality” – Coco Rosie hätten doch eigentlich ganz anders gekonnt.
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