Die Wahrheit liegt zwischen Beats und Breaks


Leila, Luke Vibert und Aphex Twin, Antony and the Johnsons und Coco Rosie beim Donaufestival, Krems, 30.4.-1.5.2009

Mai 12th, 2009 | 0 Kommentare ...  

Die Wahrheit liegt zwischen Beats und Breaks
Aphex Twin (man kanns nur nicht erkennen) Foto: Donaufestival.

Von Philipp Brugner

Völlig aus dem Häuschen. Die körperliche Beherrschung ist aus der Hand gegeben, der Rhythmus schüttelt die Leiber durch. Aber nicht nur das Publikum verschachtelt sich in einem Gewirr aus Händen und Füßen, auch die Visuals zeigen Körper: Aufgeschlitzte Bäuche, aus denen Gedärme hervorquellen und seltsame Gestalten, die diese dann im Schnellverfahren wieder zunähen. Aphex Twin ist bekannt für seine artifiziellen Videos, die gerne mal das Grauen strapazieren. Wenn er dazu noch in die tiefsten Schubladen der elektronischen Musik greift, um seinen so typisch verfahrenen Stil-Mix loszutreten, dann geht das mit einem Realitätsverlust einher – ganz so, wie es die Macher vom Donaufestival ja auch wollten. Neben ihm hatte man sich Größen wie Sonic Youth, die Butthole Surfers oder Spiritualized für die fünfte Auflage des Festivals geangelt. Über zwei Wochen hinweg durfte in der niederösterreichischen Kleinstadt zu Musik von Post-Punk bis Breakcore getanzt und darüber reflektiert werden. Das dazu passende Motto: „Fake Reality”

Für Aphex Twin sind Acid, Techno und Drum & Bass ein- und dasselbe. Keine Spur einer Grenze zwischen elektronischen Elementen wie 4/4-Takt, repetitiv peitschenden Snares und Breakbeats, keine Scheu vor einer Musik, die klingt wie ein einziges großes Sample. Richard D. James macht vor einer Verzerrung der elektronischen Musikgeschichte genauso wenig Halt, wie vor einer Entstellung seiner eigenen Person. In seinem Track „Windowlicker” ist er als vollbusige Dame mit grässlichem Gesicht und Bart zu sehen.

Dafür, dass diese Clips dann auch künstlerische Ansprüche stellen können, sorgt Chris Cunningham. Der britische Regisseur, der mit seiner verstörend wirkenden Video-Kunst auch schon Björk und ihren Roboter-Liebe-Song „All Is Full Of Love” bediente, ist meist für die bildliche Unterlegung des Aphex Twin’schen Klanggewitters zuständig. So wird auch aus dem anfänglich noch etwas fragwürdig erscheinenden Herumschnippeln auf einmal ein künstlerisches Schöpfwerk. Trotzdem, das makabre Gefühl ist schwer loszukriegen.

Donaufestival

Leila Foto:Donaufestival

Knappe fünf Stunden vorher sah man, warum Bandauflösungen nicht nur Fragezeichen aufwerfen, sondern manchmal sogar gute Seiten nach sich ziehen. Über Stereolab wurde gemunkelt, sie hätten sich kurzfristig getrennt. Dem Donaufestival-Management blieb nichts anderes übrig, als schnellen Ersatz für den Gig in der Minoritenkirche aufzutreiben. Mit dem Auftritt von Leila geriet man dann sogar weit über die Erfüllung dieses Pflichtsolls hinaus. Vor ihr auf der Bühne platziert: Eine durchsichtige Plexiglaswand. Was diese da verloren hat, bleibt ein Fragezeichen. Sie war sodann auch das einzige Hindernis für die Iranerin, die sich mit ihrem von Ambient getragenen Sound nahezu kitschig harmonisch zwischen die Säulen der Kirchenhalle einklinkte.

Aber nur nahezu, den Kick fürs Publikum hätte es wahrscheinlich nur ohne Plexiglas gegeben. So taucht sie leider zu sehr hinter der Wand ab, um von dort ihre Schrauben und Knöpfe zu bedienen. Heraus kommen dabei meist Beats rund um die 180 BPM, die Anleihen an der schnellen Tanzmusik nehmen. Damit ist das Maximum aber auch schon erreicht, weder spielt sie einen Loop, noch lässt sie einen Track explodieren. Stattdessen gleitet sie wieder in ihre vielschichtigen Soundstrukturen über, deren diffiziler Charakter dem Publikum sehr viel Konzentration abverlangt. Nur so kann man die sphärisch-komplexe Musik der zarten Frau hinter ihrer Plastikwand auch als solche erkennen und Stücke wie „Mettle” oder „Different Time” nicht als reine Noisescapes abtun. Spätestens beim Livegesang, von dem sie sich hier gerne unterstützen lässt, brechen die Klanglandschaften dann auch wieder auf.

Bleibt noch Luke Vibert, ein Mann den man auch unter Namen wie Wagon Christ oder Plug kennt. Mit ihm beginnen die letzten Stunden dieses Festivaltages, die ihrerseits vor allem noch eines für die Besucher bereithalten sollten: Breaks. In der großen Halle nun Luke Vibert, danach Aphex Twin. Die beiden verbindet nicht nur die Liebe zum gebrochenen Beat, sondern auch das Label Rephlex. Aphex Twin ist dort Hausherr und hat das Label zusammen mit einem Freund 1991 gegründet. Ein gern gesehener Gast bei Rephlex: Luke Vibert. Für das Londoner Label nimmt der 36-jährige Brite auch schon mal seine ganz neu produzierten Tracks her, um sie dort zu veröffentlichen.

Nun also das Set beim Donaufestival. Luke Vibert spielt sich quer durch die Genres. Ständig sind Technoelemente zu hören, die gerade Bassline gibt nicht auf. Will man ihn schon für den Augenblick festnageln, löst sich der strikte Faden auf einmal in gefrickelten Minimal auf. Wo sich andere mit einem Effekt durch ihren ganzen Auftritt winden, greift Luke Vibert zu und pickt sich seine Teile heraus. Eklektisch ist es aber nicht, eher eine Zusammenstückelung, die trotz ihrer Elemente aus allen verschiedenen Spielrichtungen der elektronischen Musik einen Anspruch auf Neuheit stellen darf.

„Asheed” beginnt wie ein Minimal-Stück, geht in gepitchte Drumeffekte über, wird dann kurz klanglich-sphärisch, um sogleich aber auch schon wieder mit kurz eingespielten Beats auszulaufen. Mit dem dumpfen Bass wirbelt Luke Vibert die Halle ordentlich durch. Die Leute schreien, die Arme strecken sich nach oben. Damit erreicht er genau jenen Zustand, der mit Aphex Twin danach aus dem Ruder laufen sollte.

Es blitzt, die Lichteffekte verstärken das Bild abgehackter Bewegungen, durch die sich die Tanzenden zu bewegen scheinen. Die sequenzartigen Abläufe wirken unnatürlich und gekünstelt, Aphex Twin beschließt den Abend. Das ist Tatsache. Wo dazwischen Fiktion und Realität lagen, durfte jeder für sich selbst entscheiden.

www.myspace.com/lukevibertacid

www.myspace.com/aphextwins777

www.myspace.com/leilaarab

Teil 2:

Antony and the Johnsons und Coco Rosie beim Donaufestival, Krems, 01.05.2009

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