Die Rückkehr der Gänsehaut


Soap & Skin, Festsaal Kreuzberg, 26.03.2009

März 30th, 2009 | 0 Kommentare ...  

Die Rückkehr der Gänsehaut
Soap & Skin, Festsaal Kreuzberg, 26.03.2009, Photo by Anne Behrndt

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Muss man wirklich noch einen Jubelbericht über diese junge Österreicherin schreiben, die schon nach ihrer ersten EP Erwartungen geweckt hat, die einzulösen einer wahren Herkules-Aufgabe gleichkommt? Muss man immer noch energisch darauf hinweisen, dass die ganzen Kritiker mit ihren Lobeshymnen auf ‘Lovetunes for Vacuum’ einfach Recht haben?

Ja, man muss! Unbedingt! Anja Plaschg, die als Soap&Skin zur Zeit durch deutsche Lande tourt, kürzlich allerdings einige Konzerte krankheitsbedingt absagen musste (zweifelsfrei dokumentiert mittels einem ärztlichen Attest auf ihrer My-Space-Seite), ist nicht nur eine unglaublich talentierte Musiker und Songwriterin, sondern vor allem eine Meisterin im Erzeugen veritabler Gänsehäute.

Irgendwie ist Soap&Skin ein kleines Phänomen in der heutigen Musiklandschaft. Inmitten all der hippen, jungen Bands aus englischen oder skandinvischen Garagen, schafft es ausgerechnet eine gerade mal 18jährige mehr Tiefe und Abgeklärtheit in einen Klavierton zu legen als sämtliche dieser zwischen Frühpunk und Joy Division unherirrenden Gitarrencombos zusammen.

Auf alle Fälle ist es ziemlich unwahrscheinlich Fräulein Plaschg in den nächsten Jahren noch einmal in solch kleinen Locations wie dem Festsaal Kreuzberg erleben zu können, der bereits Tage vor dem Auftritt komplett ausverkauft war. Ratlose Grüppchen ohne Karte standen da traurig an der Skalitzer Straße.

Der Festsaal komplett abgedunkelt, sogar die Bar blieb während des Auftritts geschlossen, schließlich sollte nichts die düster melancholische Stimmung trüben oder vom Geschehen auf der Bühne ablenken. Dort stand ein imposanter Flügel (natürlich in Schwarz), darauf der weiße Laptop, ganz vorne noch ein einsames Mikrophon. Gespannte Gesichter rundherum, fast schon klassische Konzerthaus-Atmosphäre mit andächtigem Lauschem während und tosendem Aplaus nach jedem Song. Die Darbietung fing überpünktlich an, so dass es der Schreiber gerade noch zum Beginn des zweiten Stückes in die Halle schaffte, den Effekt des ersten Erscheinens also dummerweise verpasste.

Ja, natürlich provoziert die Musik naheliegende Vergleiche: Die frühe Björk, bevor sie sich selbst vollständig zum Kunstwerk stilisierte; eventuell noch Tori Amos zu Zeiten als sie musikalisch noch einigermassen relevant war (also vor so circa 15 Jahren). Aber man höre sich nur das betörende ‘Spiracle’ an, das viel deutlicher an die Großtaten eines Conor Oberst aka Bright Eyes anknüpft. Zur Erinnerung: Auch so ein Wunderkind, der in ähnlich jungen Jahren bereits als der neue Dylan gehandelt wurde (und dies zumindest in Ansätzen auch einzulösen verstand).

Die tieftraurigen Elegien stehen irgendwo zwischen wohldosierte Entrücktheit und unterschwelliger Wut, dabei immer wieder diese kleinen Großartigkeiten wie der perlende Klavierlauf im famosen ‘The Sun’.

Da darf Anja Plaschg dann zwischendurch auch gerne mal den verstörten Quasimodo geben und zum fiepsenden Krachmonster ‘DDMMYYYY’ (der live bei weitem nicht so dezent rüberkam wie auf Platte) um den Flügel schleichen. Ob sie bei ihrer emotionalen Achterbahnfahrt überhaupt wahrnahm, dass da unten fast das ganze Publikum an ihren Lippen hing? Aber diese Musik braucht keine peinlichen ‘Alles klar, seid ihr gut drauf?’-Anbiederungsversuche. Ein kurz gehauchtes ‘Danke’ nach nur einer Zugabe und leider etwas sehr kurzen Spielzeit von nicht mal einer Stunde reichte. Unsicherheit kann man das sicher nicht mehr nennen, die Gute weiß mittlerweile wohl ganz genau um die Wirkung, die von ihr und ihrer Kunst ausgeht.

Dank Soap&Skin ist er zurückgekehrt: Der wohlige Schauer, den Musik ab und an auszulösen vermag wenn sie statt Hirn oder Beine mal ganz unpathetisch das Herz trifft. Hoffen wir, dass diese schmalen Schultern die Hoffnungen, die auf ihnen ruhen auch weiterhin tragen können.

www.myspace.com/soapandskin



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