Die richtige Einstellung


Das Rock The Cancer Festival -erster Tag- im SO 36 mit Radio Havanna, Bionic Ghost Kids, Juri Gagarin, Egotronic ua.

März 8th, 2009 | 1 Kommentar ...  

Die richtige Einstellung
Friederike Herr, Juri Gagarin Photo: Mike Menzel Dorfdisco 2009

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Diese Woche fand – wie man auf den Bannern unserer Seite sehen konnte – das Rock The Cancer Festival im SO 36 statt, welche die Björn Schulz Stiftung unterstützt, die sich um schwerst- und unheilbar kranke Kinder und deren Familien kümmert. Alle Bands spielten ohne Gage für den guten Zweck, und laut Veranstalter sollten den Besucher “super nette Leute” und “großartige Bands” erwarten.

Nun sollte man besser gewusst haben, dass sich die Bands vom Donnerstag Abend gut in die Schubladen “NeuPunk” und “Elektro-Hardcore” packen lassen, Musiken zu denen sich gerne junge Raver hinreissen lassen, die mit der tödlichen Krankheit Krebs so viel am Hut haben wie eine beiläufig herausfordernde Frage nach einer Fluppe. Der Sinn der Veranstaltung wurde denn auch (augenscheinlich) nirgends kommuniziert, und auch von der Bühne kam während meiner ca. 4-stündigen Anwesenheit keine aufklärerischen Worte. Lediglich nach der 1. Band gab es ein kurzes Statement eines älteren Herren, da war das SO36 noch nicht mal halb voll.

Irgendwann bevölkerte die Bühne noch Johnny Rook, eine melodisch-flockig aufspielende kennt-man Punkrockband, die Dank der gut gestimmten Sängerin Franziska noch ganz erträglich war. Die anschließenden Radio Havanna aber, eine Parodie auf solch Vorbilder wie die Toten Hosen oder Green Day, begriffen die Bühne als Fitnesscenter und waren auch so voll von sich überzeugt, als dass sich ihre Existenz nie weiter als in den beschränkten Grenzen ausgetretener und auswendig abgenudelter Punkrocknummern bewegen wird, wozu Sänger und Campino Impersonator Fichte so Geschmeidiges wie “der nächste Song geht raus für Euch” von sich gibt, was für musikalische Verortungen in etwa so lahmlegend ist wie der Gang in den 12qm S036 Raucherraum, der an dem Abend einem geschlossenen Schüler – Café goes Hardcore Alptraum in nichts nachstand. Da das SO einem während der Veranstaltung aber den Weg nach draußen verbietet, bleibt einem Konzertraucher (erstmal) nichts übrig, als sich dort einen dicken Hals zu holen.

Mike Menzel

Bionic Ghost Kids - Foto: Mike Menzel

Einen dicken Schrei-Hals muss auch Chris Raven, die “Stimme” der Bionic Ghost Kids haben. Als Arzt würde man seinen Stimmbändern nicht länger als zwei Jahre geben, so sehr bemüht er sich alle Gesetze mit dem Umgang derselben außer Kraft zu setzen. Wenn ihr dunkler, durchgesägter Großraumghettogothtech aber nicht gleich laut und fett als wie Nephilim goes Prodigy abgemischt wird, sondern wie gestern mehr wie die nette Nachmittagsveranstaltung der kostümierten Art, sieht man sich zwischen all den ravenden Teens mit ihrem extra Make-Up und H&M Sonnenbrillen schon an Clubland oder, schlimmer, The Dome Veranstaltungen samt Schnuffelkitsch erinnert. Dabei könnten die Bionic Ghost Kids eher mal das Cover des Terrorizer Magazins zieren.

Die darauf aufspielenden Hamburger (wat, noch nicht in Berlin?) Juri Gagarin waren denn auch mein Tipp des Abends, der mir von Neu-Mitglied und Sängerin Friederike Herr nur bestätigt wurde. Herrs Erscheinung war ein Glücksfall, sie ist so ein bisschen Karen O., und, im richtigen, letzten Moment einer Silbe, reisst sie den Ton um eine halbe Note höher, das so den original Kim Wilde Appeal hat, der die Raver erstmals richtig einheizte. Gagarin sind auch alles andere als Russen-Polka, sondern reiner, leicht verdaulicher Electropop, was sich nach dem etwas überraschend frühzeitigen Abgang von Friederike Herr um die Mitte des Sets um so bemerkbarer machte. Die letzten Stücke als Duo gingen etwas erinnerungslos runter, kollektives Abtanzen war die Losung.

Die richtige Einstellung

Dann habe ich nach einer kurzen Diskussion feststellen müssen, dass man den darauf folgenden Act Egotronic besser nicht kritisiert, weil man damit Gefahr läuft von der (links ravenden) Szene gesteinigt zu werden. Jedenfalls arbeitet dort jemand Kraft seiner Ausdrucksweise stets an der “richtigen Einstellung”, wenn auch manchmal über die Verfassung hinaus. (Resttext gestrichen)

Zur richtigen Einstellung gibt es daher noch eine klare Aufklärungskampagne übers Rauchen: Qualmende Kids haben schlechtere Noten, sitzen mehr vor dem Fernseher und sind unzufriedener als Gleichaltrige, und ein Lungenkarzinom ist auch nicht grad wünschenswert, eine Erkrankung, deren häufigste Ursache das inhalative Rauchen ist.

Dummerweise fördert dies der Aufenthalt in einem kleinen, vollgerauchten Raucherraum um ein vielfaches mehr als das (Passiv)rauchen in einem größeren Clubraum wie dem SO36 selbst. Das Beste aber ist und bleibt die Prävention, und dazu gehört an erster Stelle Bewegung, immerhin etwas, dass von vielen tanzend ausgeübt wurde.



Kommentare / Comments:

  1.  
    1. Floh  

    Naaaajaaaa…
    Also die Bands sind ja bekanntlich Geschmackssache, aber es gibt da doch noch einige Kritikpunkte zum Artikel…
    Also zum einen haben wir den Zweck des Festivals durch Flyeraufsteller am Einlass und Bar sowie Spendendosen und Internet zur Genüge bekannt gemacht, denke ich. Zumal gerade Johnnie Rook auch sehr eifrig waren den Sinn des Abends mit Ansagen zu unterstreichen. Der alte Mann war übrigens kein alter Mann sondern der Chef der Björn-Schulz-Stiftung welcher sich auch als eben der zu erkennen gegeben hat. Und das die kiddies die zur Show kamen sich ernsthaft für das Thema interessieren…so naiv sind nichmal wir das zu glauben. Und für die die wirklich Interesse hatten gab es genug Anhaltspunkte, die anderen hatten ne schöne Show udn das ruhige Gewissen dass sie zumindest ein paar Euro fürn guten Zweck gespendet haben. Und dass dieses Benefizbewusstsein da war, das haben wir vom team in vielen persönlichen und belauschten gesprächen mitbekommen, waren ja die kompletten zwei Tage auch in der Halle unterwegs.
    Und der Raucherraum…tja, den find ich als Nichtraucher auch ganz udn gar nicht geil, aber der muss nunmal leider sein.
    Im Endeffekt, vorallem über beide Tage gesehen, war es ein sehr gutes Festival, wir konnten 4500€ spenden und hatten alle ne Menge Spaß. Von daher: Alles Richtig gemacht.

    liebe grüße, Floh | Rock The Cancer – Team

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