Die Ich-AG des Rock ‘n’ Roll


Doc Schoko im Pirate Cove 28/03/2008

April 7th, 2008 | 1 Kommentar ...  

Die Ich-AG des Rock ‘n’ Roll

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Da ist einer, ungeachtet allen Widrigkeiten des Kulturbetriebs zum Trotz, nicht von seinem Weg abgewichen und standhaft geblieben. Übrigens nicht erst seit gestern.

In Zeiten, in denen so manche Band ihre Berufung mit Beruf verwechselt, ist dies mehr als erfrischend. Einfach die Gewissheit zu haben, es gibt jemanden mit der richtigen Einstellung in den Adern, fern ab der Mimik aufgesetzter Posen.

Der Support kommt von den Nördlichen Gärten, einer Band aus dem benachbarten Neukölln. Der Name alleine hat mich schonmal aufhorchen lassen, noch ehe ihr erster Song erklingt.

Doch die drei Akkord Punk trifft Tocotronic ertrinken fast gänzlich in jenem undefinierbaren Soundbrei, mit dem auch der Doc im Anschluss hadern wird. Auf Platte oder Myspace gebe ich ihnen liebend gerne eine zweite Chance, an dieser Stelle verläuft sich das in einem übersteuerten Irrgarten.

Im Anschluss dann der Grubenarbeiter des Rock aus dem Kohlenpott. Doc Schoko. Ich liebe Menschen, die unbedingt Musik machen wollen, um jeden Preis, ohne dabei heimlich und verstohlen die persönliche Gewinn – und – Verlustrechnung aufzumachen. Mit seinem verträumten, aber punkigen Gitarrenpop, der in den besten Momenten all die zu unrecht vergessenen Shoegaze – Könige von Ride bis Slowdive in Erinnerung ruft, steht Doc Schoko zumindest im deutschsprachigen Raum einsam und allein auf weiter Flur.

Aus Dortmund, dem Herzboden der Working Class, zog es ihn Mitte der Neunziger Jahre nach Neukölln. Von hier aus zwar noch nicht um die ganze Welt, aber in Berlin klingelt dieser Name bei sehr vielen Menschen in den Ohren. Kein Wunder, spielte er hier in der Vergangenheit auch schon mal ganze vier Mal innerhalb eines einzigen Tages.

Texte sind dem Doc nicht nur eine vernachlässigbare Begleiterscheinung, sondern für die Ganzheit seiner Musik essenziell. Sie thematisieren oftmals den Kampf zur Überwindung von Missständen unserer Zeit, die so gut wie jeden von uns in der Seele treffen.

Sie wollen mit aller Vehemenz gehört werden und einen Eindruck hinterlassen. Es geht um die Aussicht auf ein souveränes Leben, “ohne zu kriechen und zu besiegen”, wie es in einem seiner Stücke, Ohnmacht, heißt. Ein Song wie Puppentanz ist ebenso geschmackvoll wie auch anrührend und atmet den Duft völlig autonom entstandener Kunst.

Da ist es schade, dass dies auf der Bühne nicht so recht explodieren will. Die Vocals werden von den Gitarren förmlich erdrückt, die Drums sind entschieden zu laut. Eindeutige Blicke der Band in Richtung Mischpult bleiben ungesehen, der Schoko-Doc nimmt das so gelassen wie es eben geht.

Das Publikum ist entsprechend verhalten, taut erst bei den letzten Stücken etwas auf.
Die Gruppe gibt viel im Verlauf des Abends und es wäre falsch, ihnen die geschilderten Missstände anheften zu wollen.

Das Konzert ist nach einer Stunde vorbei. Zurück bleibt eine leidlich befriedigte Kulisse.
Ich lade ein zum baldigen Vergleich in einer anderen Lokalität, die Besatzung am Mischpult dürfte dann wohl eine andere sein. Beim Pensum der Band wird diese Möglichkeit nicht allzu lange auf sich warten lassen. Freuen wir uns derweil auf das neue Doc Schoko Album auf Louisville-Records, das noch dieses Jahr erwartet wird.



Kommentare / Comments:

  1.  
    1. Lutz  

    Hast wohl recht mit dem Sound, Thorsten. Freuen uns dennoch über die Erwähnung. Kannst gerne mal bei myspace reinhören:

    http://www.myspace.com/noerdlichegaerten

    gute Grüße

    Lutz / NG