Die Goldenen Zitronen, 18 Jahre Galaabend


Die Goldenen Zitronen, SO36, 30.1.2003

Februar 10th, 2003 | 0 Kommentare ...  

Die Goldenen Zitronen, 18 Jahre Galaabend
Schorsch Kamerun, SO 36, 30/1/03, Photo © Dorfdisco 2003

Von Sebastian Riewe

Es ist der alte Hut mit der Linken und ihrer Traditionspflege, kaum ist ein Anlass in Form eines Ehrentages einer Ikone gefunden, sind die Dispute vom Tisch, und schon einigt man sich auf den kleinsten Nenner und findet zusammen.

Die Ikone ist in diesem Fall die vermeintlich letzte verbliebene Speerspitze linker Gegenwartskultur auf musikalischer Ebene, die Goldenen Zitronen, der Anlass ist ihr ach’zehnjähriges Bandbestehen (oder auch die an diesem Abend so häufig gehörte, ha, ha, Volljährigkeit), nebst sogenanntem Galaabend inklusive zahlreicher Gäste.

Wenn wundert es da, wenn die Leute im Publikum ein ebenso differentes Bild abgeben, wie die musikalischen Bezüge der Zitronen selbst, quer durch ihre Geschichte. Da stand der stumpfdumme Jungfunpunker neben dem verkopften Alt-Spexler in einer Reihe mit vergnügt-progressiven Radio1-Hörern, und gemeinsam bildeten sie die Schar der einverstandenen Gratulanten. Die Vertreter des Intellekts verziehen dem Spaß früherer Tage, alldieweil die Spaßfraktion der Angestrengtheit des Spätwerks offene Ohren lieh.

Man kam auch gar nicht drum herum. In der gut drei Stunden währenden Show wurde man mit so ziemlich allem konfrontiert, für das die Hamburger Combo je stand: vom Deutschpunk-Klassiker zur Akustikversion von ‘Conny Kramer’, vom 60s-Garagepunk ‘Die chinesische Schubkarre’ und ‘Psycho’ über den Wendepunkt ’80 Millionen Hooligans’ bis zum letzten Hit ‘Flimmern’. Gnädigerweise blieb einem ‘Für immer Punk’ erspart (an das sich lediglich gewisse Gäste in einem verfremdeten Medley trauten), denn wer möchte schon gerne alternde Gestalten in Transenfummel und Robespierre-Kostüm sehen, die Parolen jugendlichen Trotzes in die Menge grölen?

Robbie Spierre mit unvorhergesehenem Gast, Photo © Dorfdisco 2003

Robbie Spierre mit unvorhergesehenem Gast, Photo © Dorfdisco 2003

Mit den Gästen war das übrigens auch so eine Sache, denn um das Wort “Galaabend” und die drei Stunden Konzert mit Gehalt zu füllen bedurfte es zwingenderweise solcher, doch waren auch diese nicht immer leichte Kost. Das Konzept dahinter war in etwa wie folgt: die Zitronen spielen drei, vier Songs, Gast kommt auf die Bühne und spielt ein wenig alleine, Band kommt wieder und spielt mit Gast noch ein wenig zusammen. Zwar fügten sich die meisten recht passend ins Geschehen ein, doch mit anderen musste man sich, gelinde gesagt, arrangieren.

Bernadette la Hengst zum Beispiel war so jemand. Ich habe sie nie verstanden, nicht einmal bei Die Braut Haut Ins Auge. Mögen andere Positives über sie berichten! Dabei hatte sie gar einen recht großen Anteil am Gesamtgeschehen mit häufigen Gitarreneinsätzen, zwei Solostücken und einem Zitronen-Medley mit Nixe von den Mobylettes. Diese wiederum gab sich als Assistentin des Pausenclowns Manuel Muerte, der immerhin die einschneidendsten Erfahrungen dieses Abends lieferte. Ein fröhliches Hantieren mit Kunstblut, Messern und dem Verspeisen von Salzstreuern und Rasierklingen. Wer’s mag… Auf weniger Zähneknirschen traf die Gesellschaft der anderen Gäste. Da war zum einen Peaches, die mit Perücke verkleidet ein Duett mit Schorsch einging und ausnahmsweise Gitarre spielte, sich dann aber wie gewohnt auf dem Boden wälzte. Tobias Levin war zu sichten, Les Robespierres, von denen Ted Gaier ja ein Teil ist, gaben ihren Song ‘Mexico o E.Z.L.N.’ zum Besten und Kristoph Schreuf, ehemals Kolossale Jugend, der Vorwegnahme jedweder Hamburger Schule, führte uns einige Klassiker vor.

Ein Abend vorderster Kajüte möchte man also meinen und zunächst schien es auch so. In trauter Einigkeit wurde gelacht, wenn es lustig war, zugehört, wenn es wichtig war und rumgehüpft, wenn es schneller war. Aber hinter’m Schein verbargen sich hörbar Zweifel. Kann es sein, dass die Goldenen Zitronen nach 18 Jahren immer noch aneinander vorbeispielen oder lag es nur am miesen Sound? Ist ihr Auftreten subversiv oder nur albern, verkrampft oder ist das erwachsen? Am Ende vom Lied stand Aussage gegen Aussage, ohne eine allgemeingültige Erklärung, denn solange der Laden voll ist, ist das des Linken ziemlich egal.



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