Die Autonomie des Individuums


Gonzales im WMF

Juni 20th, 2002 | 0 Kommentare ...  

Die Autonomie des Individuums
Gonzales at WMF 19/5/2002, Photo © Dorfdisco 2002

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Gar nicht mal so oft hat man in Berlin die Gelegenheit Gonzales live zu erleben. Das letzte Mal war in der Volksbühne, glaube ich. Da sassen 25 Fans im weiten Rund und lachten über ‘Chilly’ seine Spässe. Diesmal war alles Tourmäßig angekündigt und eine lange Schlange vor dem WMF kündete von einem ja, grossen Ereignis.

Denn man mag denken was man will über den Mann, den es aus Kanada nach Berlin verschlug, um sich hier selbstbewusst und ironisch als selbsternannter ‘Präsident’ des hiesigen ‘Untergrunds’ aufzustellen. Wie sehr dann dieser Verein hier sowas nötig hat, demonstrierte er zusammen mit der exzellenten Vize Feist über eineinhalb Stunden und vier Zugaben voll prankigem Witz, Können und zwölf Finger Virtuosität.

Doch bevor der Meister mit Vize die flache Bühne zu einem schlaraffigen Intro in Safariuniform und Tropenhelm betrat, legte das Gonzo-wählerische Publikum gegen noch einen Elektrohit des Dj’s erstmal lautstarken Protest ein, ja es buhte die Clicks and Cuts geradezu aus, und das muss man dort auch erstmal erlebt haben. Ist hier mehr zu haben als nur Entertainment? Hat man wieder eine sichtbare Figur, die die festgefahrenen Musikstrategien nicht nur gekonnt unterwandert, sondern aushebelt, oder am Ende auch noch ad absurdum führt?

“The Entertainist” – gibt Gonzales dazu mit einem breit angeekeltem Gesichtsausdruck in Anführungszeichen zu verstehen, nachdem er ein gehetztes, in sich selbst hineingesungenes ‘Fighting off this thing I became’ vollführte. Das passt. Gonzales will kein fertiges Bild von sich ausmalen, Gonzales will neu überzeugen und explodieren. Zwischen den Broadway breiten Balladen zappelt sich Gonzales voll ins Zeug und prankt für die Kids im Club von der Kette. Er wischt einfach alles weg was ihm im Weg steht: Leadership, Logik, Erinnerungen, Skeptiker, Life Style Magazin Leser… Gonzo lebt seinen Punk als unifiziertes Selbst, transgressiv und interdiszipliär trashig in einer Welt, in der es keine Grenzen mehr gibt und die Inhalte folglich bei einem selbst liegen.

Doch halt! Gonzales ist nicht unser Kopfsteinpflaster allein. In ‘Shameless Eyes’ zeigte Feist, sie war in jedem Fall die Gewinner-in des Abends, erstmal selbst gnadenlose Augen und sang sich fest in’s Gedächtnis all jener, die nur ödes Geshoute gewohnt sind. Feist ist die irre schnodderig kecke Besetzung jenes East Side Story Musicals, das Chilly uns in seiner ‘Dr Jekyll and Mister Pride’ Manier aufführt.

Spaßzigarre:Gonzales als Schelm - Photo: Dorfdisco 2002

Spaßzigarre:Gonzales als Schelm - Photo: Dorfdisco 2002

Einzig die angekündigte Uraufführung von einem Stück, das Daft Punk gerne Remixen wollen, oder so geremixt haben (- witzische Einleitung – Guy Manuel von D.P. ruft G. an usw.), sackte dann doch zu sehr ab. Einen cheesigeren Hit für den Broadway kann man sich jedenfalls kaum vorstellen. Auch die Manipulation des Abends, Mozart (buh), also Scheiße zu finden und Salieri (yeah) Klasse, war für mich nur schwer verständlich, besonders, wo Mozart ein leichtfüßiger, verspielter, phantasievoller Spaßvogel gegenüber der trüben Tasse Salieri ist. C’mon Gonzales, du hast doch selbst mehr von Mozart, und führst gerade deshalb die ganze Crowd zusammen. Oder werden wir hier heimlich in die Rolle des unglücklichen Salieri gedrängt, denn wie dieser sind wir nur im Stande, die Größe deiner Musik zu begreifen, aber nicht in der Lage, sie zu komponieren?

So trug uns Gonzales sein Chilly in F-Dur am Flügel vor, die blauen Augen dabei tief in die vordere Reihe gesenkt und yeass, wir, die nicht in der Oper einschlafen, haben in Berlin mehr verdient als nur Marschmusik und Krachanfälle. Es ist zwar nicht so, wie ein grosses, bekanntes Berliner Programmheft schrieb, dass Gonzales mehr als alle Berliner Bands zusammen getan hätte, nein, Gonzales hat mehr als alle Berliner Bands zusammen für sich selbst und die trendy Clubkultur getan, indem er die Sprache des Popbiz aufbricht und sich ins WMF einen Flügel stellen lässt. Auf dem begeisterte er wieder einmal mehr die Crowd, mit zwei ‘Take me to Broadway’ Versionen, bei einer Nussknacker Suite mit, und einer ohne Beat, mit Balladen und Hip-Hop Klopper. Was Gonzales noch fehlt wäre das Stück über das Genie, das “so wenig in den Rahmen seiner Umwelt passt wie ein Naturereignis in den Rahmen des täglichen Lebens”.

Im Moment hat er es sich in seiner Suite zurecht gemacht. Für die Zukunft hat der Mann mit dem schwarzen Gürtel in Musik sicher noch einiges vor. Zumindest kann er sein jetzt intellektuell clever eingerichtetes Domizil wieder verlassen und, mit einem breiten Lächeln im Gesicht zu uns herunter auf die Strasse treten. Wir werden dann wieder sagen: “spiel’s noch einmal, Gonzales.” Und eines Tages wird er im oberen Barlounge-mit-Stimme Fach stehen, als Gonzo’s KV 030 in G-minor, Broad-way eben. Und dann erinnern wir uns wieder an seine Zeit in Berlin, da hat er uns First Class Entertainment gegeben, und, da sind wir auch sicher, wird er immer gerne an diesen strandigen Ort zurückkehren, denn für Perspektivwechsel ist er immer gut. In Europa ist er ja schon überall gewesen, nur Berlin (“I am proud to live in Berlin!”) ist ihm ans Herz gewachsen. Und ist es auch nicht die Wahrheit, so ist es immerhin schön erfunden.



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