Das kleine Bierflaschen Turbo Trash Desaster


Ein Unterhaltungsabend mit Bettina Köster, Robotron, Weltklang, Joy Desaster, Dreipunktbande u.a
29.3.2007, SO 36

April 9th, 2007 | 1 Kommentar ...  

Das kleine Bierflaschen Turbo Trash Desaster

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Was sich am 29.3. im SO 36 abspielte war mal wieder Veranstaltungs-Punk pur. Nur hatten es nicht alle Beteiligten begriffen, bzw. waren auch nicht allzuviel Beteiligte vor Ort, gerade mal ca. 80 Zuschauer standen etwas verloren im tiefen Raum des SO36.

Anton, übernehmen sie mal..

Anlass war die Gesellenprüfung von Anton Garber. Dass er in einer Lehre war ist schon verwunderlich, trifft man ihn gewöhnlich nachts auf den vordersten Konzerten und tags in den hintersten Küchen hipster Mitteszenefrauenzimmer. Was wiederum nicht so verwunderlich ist, denn Anton ist charmante 19 und legt Wert darauf nicht mit Schnorrerpunks in Verbindung gebracht zu werden. Nur mit seiner Band, der “Dreipunktbande” spielt er 1-2-3-4 die U-Bahn brennt, die Meute rennt Zeug, also alles was kürzer als 2 Minuten ist und im Refrain gerade mal Platz für zwei Rülpser hat. Eine exsistierende Single der Band enthält dann auch mal gleich 6 exsistierende Stücke…

Und dann ist Anton auch die perfekte Ablöse für Ratten Jenny, jener legendären, nie zu übersehenen und vor allem nie zu überhörenden West Berliner Punkerin mit lebender Ratte auf der Schulter, die Anfang 80 vor den Bühnen im Kiez das Publikum in Schach hielt, quasi vorgab wer cool war und was nicht und diesem Event hier ihren Namen verlieh. Nun war Jenny an dem Abend doch nicht zu spotten, aber Anton schickte sich an in Springerstiefel, Anzug und Krawatte überall aufzulaufen und das Geschehen neu anzugeben.

Robotron schafften schonmal gut an, Photo © Dorfdisco 2007

Robotron schafften schonmal gut an, Photo © Dorfdisco 2007

So lud Anton seine derzeitige Lieblingsband “wir sind nicht seltsam” Robotron aus Biesdorf-Marzahn ein. Die sind auch erst 19, stehen vor ihrem Abitur und haben nun mal gar keine Hemmungen mehr was das Schlachten von heiligen Kühen der Popmusik betrifft. Sänger Basti, Typ über-intelligenter Mad Magazin Charakter in dekorierten Arbeiter Overall und billiger Plastikbrille oder Pallettenglitzernden Hot-Pants, hüpft unaufhaltsam zu solch schrägen Titeln wie Schienenersatzverkehr oder Disco Disco herum, während Andi seine Gitarre an den unmöglichsten Stellen trifft und die Riffs so völlig unorthodox herausfeuert, als wäre er von Stromstössen getrieben. Daneben kamen noch ein obligatorische Theremin und neuerdings zwei weitere Freunde am Bass und Keyboards zum Einsatz.

Betrachtet man mal den allgemeinen Import-Trend zum Discoiden im Bananenkostüm, so liegt man in heimischen Gefilden ja noch etwas dünn, wenn nicht verpennt da. Aber falls es einer hiesigen Gattung dafür fehlt (Neu Rave wäre auch etwas zu plump), dann nehme man doch den Titel jener Veranstaltung, die Robotron im Januar “kaputt gespielt” haben: Turbo Trash.

Folglich hatten es ältere Herrschaften wie Exil System etwas schwer sich gegen solch junge Konkurrenz zu behaupten. Auch wenn sie es aus ihren jungen Tagen gewohnt sein mögen wünscht man ihnen als anerkannte Elektroniker prähistorischer Technosounds dann doch ein anderes Publikum als ein paar verprengt gröhlende Asipunks. Entsprechend waren auch Justine Electra beim spontanen Versuch ein paar akustik Songs auf elektrischer Gitarre zu zupfen als auch die Kreuzberger Band Goldfish untergegangen.

Bigger Noise of Köster

Bettina Köster, Photo © Dorfdisco 2007

Seltener Auftritt: Bettina Köster, Photo © Dorfdisco 2007

Kam als nächstes Bettina Köster, deren angeborene Souveränität gleich ganz anders wirkte. Zwar spielten auch hier gewisse Soundprobleme eine Rolle, aber ihre exaltierte Bühnenpräsenz macht dann doch vieles wett. Mit von der Partie waren auch Wilhelm Stegmeier an der Gitarre und Michelangelo an Elektronics, mit welchen sie momentan ihr neues Album namens Queen of Noise aufnimmt. Zu Crime Dont Pay durfte dann auch schon Anton Garber mit auf die Bühne, der in der Neufassung auch das Backing eingesungen hat. Das wollten sich die Punks da unten aber nicht gefallen lassen. Promt schüttete es Bier aus allen Flaschen wie zu frühen SO36 Tagen wenn die Band Scheiße war (siehe Bild oben ^).

Und dann kam Joy Desaster. Also ich konnte da schon ne Currywurst essen gehen. 80er-Wave-Retro-Gewucher, naja, es gibt ja welche die das noch nachsitzen müssen. Derweil beobachtete ich wie links ein Mädel blind in den vollen Becher eines hereintorkelnden Punks lief und rechts ein Synthie samt Kabelage aus dem Koffer glitt und auf den Boden krachte. Wäre es richtig voll gewesen, die Hütte hätte bestimmt gebrannt, so kannte mein Zynismus bald keine Grenzen mehr.

Anton Garber, Dreipunktbande (su.)

kam noch zum einsatz: Anton Garber, Dreipunktbande (su.)

Am Schluß trat dann doch noch Garber mit seiner Dreipunktbande auf. Bekannt dafür sich stets in irgendwelchen Gimmiks zu kleiden – das letzte Mal als ich sie sah stachen sie in unters Hemd gestopfte Ballons voll Suppe und versauten damit die Backline ihrer Gastgeber – traten sie diesmal in revolutionär sauberen Matrosenhemdchen auf. Das mussten die Irons Meidens wohl noch mehr aufregen, aber die hatten auch schon kaum mehr Bier zum verschleudern. Tja, die Zeiten wo es im SO Dosenbier für 1.50 zum auf die Bühne schmettern gab sind auch schon lange vorrüber. Ich warte auf die Zeit wo es Federn regnet, oder gleich tote Hühner.

Die könnte Bettina doch mal mit nach New York nehmen. Habe nämlich gehört dass sie dort so einen Laden wie das alte Eisengrau eröffnen will! Und im alten Eisengrau gab es schließlich auch verschimmeltes Essen im Schaufenster. Wenn sich das mal die alte Mitte trauen würde!



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