Das Grauen hat viele Gesichter


The Horrors im Lido, 10.11.2009

November 13th, 2009 | 0 Kommentare ...  

Das Grauen hat viele Gesichter
Foto: Mike Menzel

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Dank youtube hatte ich mir kurz vor dem Horrors Konzert noch mal schnell einen Eindruck verschafft, was die spindeldürren Frisurendarsteller so leisten auf der Bühne heutzutage. Das berüchtigte zweite Album ist ja doch ganz schön anzuhören, deshalb war ich neugierig, wie sie das live dem Publikum verfüttern würden.

Wieder mal zu spät zur Vorgruppe, war ich jedoch rechtzeitig vor Ort, um mir nach Blondie und Kraftwerk Songs gefühlte 3 Stunden lang einen echt anstrengenden, kreischigen Soundbrei über die Anlage anzuhören. Der war wohl so angelegt, dass er nicht mehr ganz so belastbare Zuhörer aus den Fans sieben sollte.

Im Lido, das mit mehr !! als weniger extravagant frisierten und gekleideten Menschen gefüllt war, wuchs die Spannung: hatten sich die Mädchen mit den Ringelpullis und Mireille Mathieu Frisuren deutlich genug als Fans des agilen Synthesizer-Bedieners Spider deklariert, den ich vorher noch in voller Aktion bei einem Open-Air Konzert im Internet beobachtet hatte?

Als die Band dann gekonnt gelangweilt auf die Bühne stiefelte, beantwortete sich die Frage schlagartig. Irgendwas lief hier falsch. Der vermeintliche Orgelspieler griff sich den Baß, den er dann – bis auf ein paar Instrumentenwechsel ( Bass/ Synthie/ Bass ) – eine Stunde lang als Tanzstil getarnt versuchte, dem Sänger in die Nieren zu jagen. Außerdem hatte er sein Styling geändert. Die neue Identität: Human League Popper. An den Tasten stand ein Assessor im Kraftwerk-Design wie eine Ölgötze und dachte nicht im Traum dran, seinen Körper rhythmisch einzusetzen. Der Gitarrist hatte eine massive Vorwärtsfrisur als Schutz vor feindlichen visuellen Übergriffen der Fans und ackerte sich durchs Programm. Am Schlagzeug saß ein Internatsschüler mit Metronom-Knopf im Ohr; er verdrehte sich schräg nach links vorn und spielte so gebückt den ganzen Abend gegen die Computertechnik an -sah irgendwie total unbequem aus.

Und nun zum Sahnestückchen der nicht mehr ganz so extravaganten Bandoptik – es sang tadellos, reckte die überschlanken Arme zackig zur passenden Stelle im Song, lief herum, murmelte Ansagen, hängte sich schlaksig ans Mikrofon und machte einen fast überzeugenden Joey-Ramone-Gesamteindruck – der Sänger. (Wie diese Jungs und ihre Lieder genau heißen, steht alles im Horrors Köln Tourstart/ Horrors Photogalerie).

Musikalisch hörte sich das so an: was Wolfmother sich für ihren Sound von den 70’s Rockbands ausgeliehen hatten ( Jimi Hendrix, Led Zeppelin, Deep Purple, Black Sabbath…), rafften die Horrors aus den 80ern an sich: New Order, The Cure, Nick Cave, Bauhaus, Human League, usw.

Das Programm hatte manchmal Längen, da geht man dann schnell Besorgungen machen, führte aber sonst dazu, den allgemeinen persönlichen Gemütszustand der Anwesenden enorm zu verbessern. Um mich herum nur lachende, aufmerksame, entrückte Gesichter und die dazugehörigen tanzenden, schwitzenden Körper.

Zur Zugabe spielten die Horrors dann ein paar Songs vom ersten Album. Herrlich (far)fieser Mord-und-Totschlag-Trash aus dem Hause „The Ultimate 60s Garage Sound for Bands of The New Millenium”. Das wurde vom Publikum feste bejubelt, bis der letzte Song nach 20 Sekunden zu Ende gebracht wurde. Winke-winke, das war’s. Ach ja, klar Mann, die Stunde ist um; es war eine amüsante Horror-Show.



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