Das Geheimnis der Ärzte


Die Ärzte, 15 Jahre Netto, Mariannenplatz 21.6.02

Juni 30th, 2002 | 0 Kommentare ...  

Das Geheimnis der Ärzte
Farin Urlaub - die Ärzte, Mariannenplatz 21/6/02 All Photos © Dorfdisco 2002

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Die gute Nachricht mal zuerst: alle sind reingekommen! Ja, denn nicht grad breit angekündigt war das Konzert trotzdem ausverkauft: 35.000 standen dicht gedrängt auf einem weiträumig abgesperrten und eingezäunten Mariannenplatz, – in mitten von Kreuzberg.

Natürlich alles blanker Unsinn und Erfunden wollte ich vorher meinen. Doch dann kam der grösste Teil als Rocksacktourismus in Punkklammotten mit der U-Bahn angereist. Die Karten für 7.50 Euro waren wieder mal nach kurzer Zeit über die zahlreichen Fanclubs im Lande verkauft. Und wenn eine Band so viele Fanclubs hat, spiegelt sich darin etwas von einer Sehnsucht nach dem, was die Gruppe vermittelt: Reisen, lieben, saufen.

Als wir hinter der riesigen Bühne einen Parkplatz fanden, schrie die gesamte Ärztefanschaft auch schon auf. Die Jungs fangen pünktlich um 19.00 Uhr an, und hören erst nach drei Stunden auf. Dazwischen liegen “15 Jahre Netto”, die die Band einmal sogar bis an die Spitze der deutschen Charts gebracht haben. Naja, ihr wisst schon.

Aber man braucht dazu scheints kein größeres musikalisches Talent als vielleicht ein paar wirklich grosse Hits wie z.B. dem ‘Schundersong’ oder ‘Mach die Augen zu und Küss mich’ zu schreiben. Oder Live vor ‘Elke’ einen Schnipsel Sweet Child of Mine mit einem Schnipsel Der lustige Astronaut zu spielen. Aber das kriegt man kaum mit. Wenigstens kochen die Ärzte keine angloamerikanischen Nu-Metal Rockriffs auf, und wissen zum Glück noch, wann man ein Stück für Dee Dee Ramone spielt. Der Rest des Konzertes konzentrierte sich aber mehr auf die Ärzte Fangilde, die, wenn nicht gerade aufgefordert mitzusingen, zuweilen 13.000 Feuerzeuge hochhielt.

Ein netter Höhepunkt aber auch der Auftritt von ex-Ärzte Bassist und heute Tip Inside und Rolling Stone Schreiber Hagen Liebing. Wer weiss ob er jemals wirklich auf jenem Eierlikör stand, den er von Bela überreicht bekam, dem ich im Glambody samt Porno Boy Gürtel noch den Deko-Lehrling ansah, während durch Farin Urlaub’s wasserstoffblondiert toupierten Haare weiterhin der Geist einer sauber versauten Abiturientenparty schimmerte. Zwischendurch durfte auch die Sängerin der Lemonbabies Bela auf die bösen Finger klopfen. Aber was die Gruppe als Punk verkauft, ist ja so ein bischen eitler Poprock, versehen mit einer tabulosen Schreibe, die die Treppe zum Volk stets hinauf gestolpert ist. Bei den 16 Songs von Farin’s Solo CD z.B. geht es um LKW- Unfälle, Lebenseinstellung, die Smiths und ertränkte Perserkatzen…

Einmal aber wurde ich wach als Ärzte Bassist und Gitarrenkenner Rod Gonzales mit diesem Ding auf der Bühne stand. Zuerst dachte ich an eine Mosrite La Venturis, dann war ich mir nicht mehr ganz sicher.

Den Rest vom Konzert aber überlasse ich dem Eindruck irgendwie stolz über’s f*cken frotzelnden Ärzten, lachenden Bandmanagern, etwas zu sehr nach Schweiss riechenden Fans, und relativ harten Platzordnern. Da hat es mich gefreut dass Bela (also uns Felsi) nachher kurz noch den Rollheimern über den Zaun grüßt, und mich anschließend kurz in den Arm nimmt. Bleibt mir ihr Bekenntnis: “Alles ist möglich! Letztendlich sind wir immer noch die beste Parodie einer Rockband”.



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