Credibility, wie haste dir verändert


Public Enemy in der Arena zum Abschluss des Berlin-Festivals

September 13th, 2011 | 0 Kommentare ...  

Credibility, wie haste dir verändert

Von Benjamin Cries

 

Ist das da Chuck D? Die einst wichtigste Stimme der black community in den USA? Aber warum werden nun behäbige Rockrhythmen gegniedelt? Sind das wirklich Public Enemy, dieser plötzlich etwas unbeholfen auf der Bühne herumstehende Trupp, nachdem ein überfordertes DJ-Team abrupt das Weite gesucht hat? Könnte so ein Auftritt nicht einen Spannungsbogen vertragen? Fragen über Fragen.

Erst als von der Seite ein Kobold mit Schrumpfkopf auf die Bühne tobt, wird klar: ja, das ist Flavor Flav, ja, dies sind Public Enemy. Aber warum geht es jetzt immer noch nicht richtig zur Sache? Stattdessen kündigt Chuck D’s ewiger sidekick an, dass gerade sein neues Buch erschienen sei. Und wirft sodann Gratisexemplare in die Menge. Das geht natürlich gar nicht. Hat das damals mit seinem MTV-Castingausflug denn nicht gereicht? Credibility, wie haste dir verändert. Gestandene Hiphopper im Publikum rollen mit den Augen.

Dann beginnt zum Abschluss des Berlin-Festivals in den frühen Morgenstunden des 11.09.2011 endlich das Konzert von Public Enemy in der Arena. Flankiert von einigen stummen und recht unbeweglichen Mitstreitern im Enemy-typischen Militarydress sind Chuck D und Flavor Flav von der ersten Minute an dabei, das Publikum mitzunehmen. Was natürlich gelingt – Kunststück bei dem Berg von Hammertracks, den die New Yorker abliefern – „Bring the Noize“ und „Don’t believe the Hype“, um nur mal zwei Klassiker zu nennen, die für große Begeisterung sorgen. Auch die letzten Alben waren ja nicht zu verachten und werden auszugsweise vorgestellt. Dabei klingen Chuck und Flav am besten, wenn sie zu Beats und Samples loslegen; der Unterstützung durch Bass-Gitarre-Drums dagegen fehlt doch etwas die tightness. An den Turntables hat DJ Lord den legendären Terminator X abgelöst; ob das nun eine Verbesserung darstellt, sollen andere beurteilen.

Was erstaunlicherweise ausbleibt, sind Statements jenseits von „Berlin“, „Public Enemy Nr. 1“ oder platter Publikumsanimation. Vielleicht war es auch verkehrt, in Chuck D eine über den HipHop hinaus im eigentlichen Sinne beachtliche politische Figur zu sehen. Und natürlich ist die black community auch viel zu heterogen, um die „eine Stimme“ zu brauchen. Ist andererseits nicht gerade HipHop die musikalische Spielart, bei der es auf Haltung, die deutliche Zurschaustellung von grundsätzlichen Überzeugungen ankommt? War das nicht stets ein zentrales Anliegen von Public Enemy? Und 9/11 gerade exakt 10 Jahre her, mit Barack Obama ein Staatslenker und Kriegsherr afroamerikanischer Herkunft im Weißen Haus – den Chuck 2008 für „den richtigen Mann“ hielt – : wenn das nicht kommentiert werden sollte?

Nein. Public Enemy lassen es hier und heute bleiben. Stattdessen bekommt DJ Lord noch die Möglichkeit, seine Künste unter Beweis zu stellen, er spielt „Seven Nation Army“ an, erntet dafür das hierzulande obligate Stadiongegröhle und zerlegt schuldbewusst den Plattenspieler. Zack, dann sind Public Enemy weg. So abrupt, wie sie kamen.

 



Kommentare sind geschlossen.