Blood, Guts, No Tears


Blood Brothers im Magnet, 2.4.2003

April 10th, 2003 | 0 Kommentare ...  

Blood, Guts, No Tears
Johnny Whitney, Blood Brothers at Magnet 2/4/03 Photo: Dorfdisco 2003

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Geniale, hoffnungsvoll übertreffend, Seattle’s Blood Brothers Screamadelica schwärzt Amerikas Sterne, reisst jedes Stück in Fetzen, speit, und brüllt mit Wahnsinn zur Methode. Wo ist noch Halt? Wo gibt es ein Ende? Sie scheinen weniger klug als clever, sie sind fast schöner um wahr zu sein.

Schonmal Poesie gelesen? Das geht ungefähr so: “Sterilize the black widow of it’s web silk, drain piano island of it’s pineapple milk.” Ok. Das war schonmal gut. Jetzt bitte kurz tief Luft holen und zu einem einzigen, feurigen Schrei ansetzen, dann ist man in etwa dort angekommen, auf der superfiziellen Durchreise der phänomenalen Blood Brothers, die nicht nur alle Kritiker bekanntester Mags im Sturm nahm.

Eigentlich entziehen sie sich jeder Beschreibung. Was sollte man ihnen noch andichten? Jeder ihrer Texte ist so eisig frisch, dass sie knacken (“We sought the sky’s amphetamines truth”), ihr Artwork ist extrem ausgefallen, schlicht überragend und wann immer man meint, das ist jetzt die Grenze, drehen Jordan Blilie und Johnny Whitney’s haarsträubender Doppelvocalstil die Welt noch ein unglaublich imaginäres Stückchen weiter. Basierend nur auf Gitarre, Schlagzeug und Bass gehen sie es ungelogen mit der Lockerheit ungezwungener Jugend an, können scheinbar alles, ausser sich irgendeinem fassbaren Songschema zu bedienen.

Das Magnet war einigermassen gut gefüllt. Ein höchst aufmerksames und berechtigt junges Publikum ehrt ihre Entdeckung. Vorn gibt es Ansätze von ausgelassenem Slampogue, darüber schwebt eine mentale Verinnerlichung keinen musikalischen Moment zu versäumen, sich nicht in der rasenden Achterbahnfahrt der Blood Brothers zu verlieren. Die Band findet das anscheinend sehr ok. Zwischen den Songs wird entweder mit dem Publikum kommuniziert: “Thank you Germany for being against the war.” – “In America now everything is renamed: french fries are freedom fries and french kisses freedom kisses. We don’t have no German expressions, but they would have been liberated as well”. Oder untereinander blödelnd grinsend abgestimmt. Eine Setliste gibt es nämlich nicht.

Jordan Blilie, Blood Brothers, Photo © Dorfdisco 2003

Jordan Blilie, Blood Brothers, Photo © Dorfdisco 2003

Dafür bricht jedes Stück heraus wie ein Paukenschlag. Schlagzeuger Mark Gajadahr kennt ungefähr drei Tempi: schnell, schneller, am schnellsten, oder intensiv, intensiver, am intensivsten. Dazwischen elegant eingefädelt ein paar gut gesungene Segelpassagen, bevor es mit dem letzten Einsatz weitergeht. Faszinierend auch dem perfekten Zusammenspiel von Cody Votolato (git.) und Morgan Henderson, Bass. Ab und zu spielt Henderson ein paar Griffe auf einer seitlich aufgestellten Orgel, währenddessen seine linke Hand der auf den Rücken gedrehten Bassgitarre ein paar zusätzliche dröhnende Noten abfühlt. Cody dagegen kennt keine Griffe, oder zumindest scheint dies so. Sein Spiel definiert sich durch permanente Überraschungen, wie eigentlich die ganze Blood Brothers Stil insgesamt. Langeweile kommt hier nicht auf.

Dazu fliegen die beiden Sangesbrüder Jordan und Johnny wie zwei förmlich entfesselte Klappmesser über die Bühne, deren Geister, die man gerufen hat, nun nicht mehr los wird. Auch wird die Band nicht müde zu behaupten, wie gut ihnen das anwesende Publikum gefällt. In England wären sie längst nicht so gut empfangen worden, wobei ich im Vergleich zu ‘zig anderen Berliner Live-Konzerten eher eine interessierte Zurückhaltung feststellen mocht. Vielleicht muss man sich doch erst an so etwas herantasten. Auf die Frage, wer bei dem letzten Berliner Auftritt der Blood Brothers im Herbst 2002 dabei war, hoben gerade mal drei ihre Arme! Warum sie allerdings live ausgerechnet ‘Under Pressure’ von Queen bis zur beinahe Unkenntlichkeit coverten, ist mir bei einem zufälligen Gespräch nach der Show leider nicht in den Sinn gekommen zu fragen.

Egal. Solange die Blood Brothers keine üblichen Nachahmer finden, etwas, dass ohnehin unmöglich zu sein scheint, ist ihr Stellenwert schwer auszumachen. In Amerika sind sie seit ihrem Vorgänger Album ‘March on Electric Children’ fester Bestandteil einer neu erwachten amerikanischen Konterkultur. In Europa bekommen sie spätestens seit ihrem neuesten, dritten Album Burn Piano Island, Burn grössere Aufmerksamkeit, werden aber trotz Produzent Ross Robinson (Korn, Limp Bizkit, Slipknot) eher kultige Aussenseiter bleiben, wenn auch ein schlechthin Hochprozentiger.



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