Bigger Stones und ein bischen Abschiedsschmerz


Die Rolling Stones im Olympiastadion, 21.7.2006

Juli 25th, 2006 | 0 Kommentare ...  

Bigger Stones und ein bischen Abschiedsschmerz

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Dieser Berliner Sommer 2006 lebt von seinen Großveranstaltungen. Nach der WM sah die Loveparade fast mickrig aus, dann aber kamen ja noch die Rolling Stones. Die größte Legende des Rock’n’Roll einmal live zu erleben ist bekanntlich Pflicht, und nur wer sie in den letzten 10 Jahren gesehen hat weiß schon was ihn erwartet. Trotzdem bewegt die alte Frage, was können diese alten Herren jetzt noch bieten und um es vorweg zu nehmen: ich bin sehr beeindruckt.

Der ganze Bühnenaufbau, der Perfektionismus, und der Widerspruch dazu doch nur eine Rock’n’Roll Band zu sein die in ihren besten Momenten nochmal alles rausreissen kann ist die Essenz die zum Besuch ihrer Konzerte ansteckt. Der Gigantismus und ob der Reiz noch stimmt. Schließlich lebte man eine ganze Weile mit ihnen, in den 60gern die alles veränderten, die 70ger die viel manifestierten, den 80gern, wo die Stones fast untergingen und in den 90gern grandios zurück kamen auf Stadiontourneen, immer größer, bigger, better.

Um 21 Uhr war es dann soweit, ein paar kurze Knaller zu einem Videointro, dann die knappe Ansage: Ladies and Gentlemen, the Rolling Stones. Als wollten sie es noch mal allen zeigen und beweisen dass sie noch immer noch die größte Live Band sind rissen sie das Publikum gleich mit ins Intro von Jumpin Jack Flash, die Steine rollten in Sofort-Hochform. Nur manchmal blitzt noch etwas auf von kritischer Relevanz, so wenn Jagger sein It’s Only RocknRoll den oberen Hundert in der Bühnendeko entgegenschleudert, nur um danach nochmal ein ironisches Oh No its You Again ins weite Publikum zu hageln.

Das sass nicht nur, das stellte klar dass Mick Jagger nichts an mitlerweile selbstironischer Sophistikation verloren hat, wie er diese Stücke noch einmal herausholt, benutzt um sich selbst zu erklären: hier, dies ist mein Job, mein Leben! Ich kann nicht anders! Und er sang es nicht nur mit Leidenschaft und Bravour, er schwang es denen da oben laut ins Gesicht während es dem gemeinen Volke hier unten mit einem Schuss Selbstironie fröhlich stimmte. Also, wir haben uns lachend amüsiert und miteinander getanzt, während die angegrauten Singles um uns schonmal mit dem Fuße wippten.

Eigentlich bräuchten auch sie ein jüngeres Publikum. Aber dieses ist verständlicherweise nicht bereit dreistellige Ticketpreise zu zahlen. Dabei sind die Stones gezwungen vor vollen Arenen zu spielen, ein Wettlauf mit der Zeit, wenn man bedenkt dass hier niemand jünger wird. Und dann sind nur die Front of Stage Tickets wichtig, will man der Band direkt zusehen. Heisst, Lücken im weiten Rund des Olympiastadions tun da gar nicht gut.

Dennoch nehmen die Stones einen mit. Mit voller Wucht. Der Sound, die riesige Bühne, alles eine Klasse für sich. Alte Hits werden umfunktioniert in stadiontaugliche Partynummern, Lets Spend the Night Together und Sway, das auf dieser Tour angeblich zum ersten mal Live gespielt wird, alles wirkt durch die schiere Größe nur noch eindringlicher – und plötzlich erwische ich mich, wie auch ich die Band anbrülle und anfeuere in guten Momenten, über 100 Meter, los, macht es noch einmal … ob es wer gehört hat?

Charlie Watts, Keith Richards, The Rolling Stones 2006

Charlie Watts, Keith Richards, The Rolling Stones 2006

War es nun auch dunkel genug für mehr Lightshow geworden, brachen die vielleicht beeindruckensten Momente des Manns an, der noch gerne eine weitere Tour dranhängen würde: Jagger. Angie klang einfach groß und packend. Der Song machte aus einer vor dem angeheizten Party schon jetzt eine denkwürdige Abschiedsgala, die in Streets of Love ihren eigentlichen Höhepunkt fand. Als erste Single Auskopplung vom, naja, annehmbarsten Stones Album seit es die Stones auf CD gibt, war es noch einmal Mick der den Song alleine begann, und später laut Ron daran erinnerte, doch nochmal dieses schmierige Nachtprogramm Solo zu spielen.

Nach zwei weiteren “volle Band” Stücken Tumbling Dice und dem Ray Charles Cover Night Time Is The Right Time, mit einer wie immer aufgedrehten Lisa Fischer, stellte Mr. Jagger das Ensemble im Einzelnen vor. Der Applaus steigerte sich bis zu Keith, der sich dann aber vergass zu revanchieren. Stattdessen paffte er eine in die Kamera und erntete dafür extra Jubel. Before they Make me Run überzeugte mich aber nicht, und Slipping Away verkitschte den “Goodbye” Kontext: man projezierte Richards in musealer Hintergund Umrandung.

Hatte man bislang genug Bezugspunkte bekommen, hiess es fortan nur noch Party mit den Stücken Miss You, einem rotzigen Rough Justice und dann Start Me Up auf der mitten ins Publikum fahrbaren Bühne. Selbst das ultra-abgegrabbelte Honky Tonk Woman mit aufblasbarer Gummizunge funktionierte noch als Übergang zum uralten Sympathy for the Devil, bei dem ein in rot getauchter Mick vor der weltgrößten Videowand noch einmal “Geschmack” für sich einfordert, und das Publikum doch tatsächlich noch mal dieses Huh-huh antwortete. Und Paint it Black besticht zusätzlich durch die große Kulisse eines tiefen Abendhimmels. Der Song wird einfach nicht alt und katapultiert wieder einen weiteren großen Moment, während Brown Sugar abermals zur fetten Party verheizt wurde. Da war das Set auch schon so gut wi vorbei, bevor es mit einem langen und eindringlichen You Cant always Get what you Want zu Bildern allerlei Weltmetropolen in das obligatorische Satisfaction, das fast einer überlang gerockten Garagenversion gleich kam.

Die 2 Stunden waren wie eine Stunde gefühlt, während die Band ihr Programm in chereografischen Facetten perfekt getimt herunterspielte. Dazu erlebte man eine beeindruckende Show, von einer Band die musikalisch traumwandlerisch agiert. Das nachträgliche Pfeifkonzert von den 20.000 auf den Rängen passte zu meinem Gedanken wie schnell doch die Zeit vorbei geht. As Tears go By, It wont take long oder Laugh, I Nearly Died hätten dazu ebenso gut gepasst. Den Rolling Stones blieb nur ein Abschied namens Bigger Bang, einem großen Goodnight!



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