Betonschüssel in der Frontscheibe


Neun Jahre Am STARt mit Golden Diskó Ship, Julia Hummer, Pollyester, Up-Tight (Japan), Festsaal Kreuzberg 5.3.2008

März 11th, 2008 | 0 Kommentare ...  

Betonschüssel in der Frontscheibe
Julia Hummer bei 9 Jahre Am START, Photos by Tanja Krokos © Dorfdisco 2008

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9 Jahre Geburtstag feierte Berlins Konzertbooker Ran Huber seine AmSTARt Konzerte, die seit je her konsequent die privatesten Acts Berlins präsentiert. Eine schlummrig ausgeleuchteter Festsaal Kreuzberg bot die richtige Atmosphäre für vier Live-Acts alter Güte.

Pünktlich um 21h begann das Soloprojekt Golden Diskó Ship von Theresa, die laut AmStart “eines der größten Talente, das Berlin zur Zeit zu bieten hat” ist. Benannt nach einem in gold getünchten Schiffswrack vor den Toren Reykjaviks, knirspelt Theresa neben ihrer folkigen Gitarre noch eine Reihe anderer Instrumente wie Glockenspiel und Geige oder merkwürdige 8-bit drums zu ihrer durchaus warmherzigen Stimme, die von Vögeln die “tot vom Himmel fallen” summt. An einem Moment musste ich gar an die Sisters of Mery denken, aber der Gedanke verflüchtigte sich auch gleich wieder als sie ihre feinen Songstrukturen in kleine elektronische Häppchen zerlegte. Von ihren wundervollen Self-made Videos habe ich zwar nichts gesehen (man kann sich die “man sieht mich wenn dann nur von hinten im Gras” etc. Videos über ihre MySpace Seite anschauen), ein Bild aber, das mit der “Betonschüssel in der Frontscheibe” eines Autos ist mir in Erinnerung geblieben. Immerhin, man hätte auch die Stecknadel fallen hören können, so sehr gebannt waren die frühen Gäste, die sich kein musikalisches Gedeck entgehen lassen können.

Der Festsaal füllte sich anschließend merklich zu den Klängen von DJ Mooner, der nicht nur als Erkrankung durch Musique Labelinhaber, sondern wie wir alle auch mindestens 30 wichtige Interpreten der letzten 30 Jahre aufzählen kann.

Anschließend wurde die preisgekrönte Folk-Pop Sängerin Julia Hummer zu einem ihrer zur Zeit etwas seltenen Gastspielen erwartet. In ihrem unscheinbaren Kotti-look und neuer Frisur sah sie aus der Ferne aus wie eine Christiane F., dafür aber konzentrierter und mehr beisammen als je zuvor. Hinter ihrer großen Gitarre entfalteten ihre unprätentiös milden Powerfolkskizzen so was wie die loungige Blaupause eines Großstadtblues, die noch immer zehnmal zärtlicher und gefälliger vorkommen als vieles aus diesem vielfach verbrauchten Gefühlsgenre. Hummers Welt ist immer noch so exquisit, dass ihre Stimmung auf die besseren Bühnen der Stadt gehoben werden muss. Zwischendurch kündigte sie sogar einen über zwölf Jahre alten Titel an, als auch die Tatsache, dass man ihre Musik nun angeblich irgendwo downloaden kann. Da bekam ihr “Im not like everyone else” Universum doch noch ein paar Risse in der Kulisse. Gegönnt. Schließlich könnte sie einer der größten Sängerinnen Deutschlands sein.

Koshka Valerianka as Pollyester, ZomboCombo, Kamerakino,  Photo © Dorfdisco 2008

Koshka Valerianka as Pollyester, ZomboCombo, Kamerakino, Photo © Dorfdisco 2008

Zwischendurch registrierte ich einen zufriedenen Ran mit Wasserflasche durch den Saal streifen auf der Suche nach dem Unüblichen, was sich denn auch mit kräftigen Schlagzeug und Bass in Form der Münchnerin Performancekünstlerin Pollyester Koshka ankündigte. Im Kontrast zu den beiden Vorgängerinnen klang das schon fast wie die Happy Hardcore Version von Graswurzelfolk, schräger Punkfunk á la ESG oder einfach nur The Sparks treffen auf Ian Durys “Wake up and Make Love to Me”. Allerdings konnte das gut geübte Schlagzeugspiel und die irgendwie auch gut geschulte Stimmübung mein Tanzbein nicht gerade aus dem Schrank holen. Da sind mir die Altkreuzberger Ätztussis ja noch lieber, laberte ich meinen Nachbarn an und besorgte mir ein weiteres Bier, um mich für die japanische Psycho-Rock Gruppe Up-Tight zu wappnen.

Schon den ganzen Abend mit Sonnenbrille und Guitar Wolf Blick durch das Publikum staksend, steigerte sich die Band aus Hamamatsu, Japan in ein schleppendes, nicht allzu brutales Gewaltgemenge im Geiste von The Velvet Underground, Punk Fluyd, Sabbath und/oder Spacemen 3, nur unterbrochen durch das genaue Gegenteil mächtig verhallter Gesangsarien, die so schwerenötig wie nicht gerade fesselnd ausfielen. Auch gab es eine Art Show, die sich in einem sitzenden Bassisten und einem Sänger-Gitarristen in Ekstase oder Stocksteif ausdrückte. Es soll bei solchen Konzerten ja welche geben, denen ob der ganzen auf intensiv erlebten Ungewöhnlichkeiten die Birne aufgeht, ich hatte Visionen von fliegenden Red Bull Dosen, so Up-Tight war das Ganze.

Vielleicht aber war die Betonschüssel in der Frontscheibe eingangs auch schon Eindruck genug, um noch einmal Ran Hubers AmSTARt Konzerte hervorzuheben. Sie waren und bleiben eine Oase im Berliner Poporbit, und man kann mit gutem Gewissen behaupten dass gerade auch AmSTARt Berlin zu dem macht, was es seit Wowi sein will: eines der abwechslungsreichsten und vielschichtigsten Kulturorte der Welt.

AmSTART
www.myspace.com/pollyesterskoshka
www.myspace.com/juliahummer
Golden Diskó Ship
www.myspace.com/djmooner
www.myspace.com/uptight001



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