1. Berlin Insane – die Bands


Berlin Insane, Live im Big Eden, 28.11.2003

November 12th, 2003 | 0 Kommentare ...  

1. Berlin Insane – die Bands

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Der Pegel stieg an, die Ziege wurde gehoben, nun musste die wilde Zukunft nur noch verrückt besungen werden. Mit Bussen wurden die Neugierigen aus dem White Trash hergekarrt, und innerhalb einer Stunde war das Eden so voll wie lange nicht mehr.

Die aus New York zugezogene Neu-berlinerin Dahlia Schweitzer machte mit einer Freundin den Anfang mit einer einfachen, more sluts – less science Eurotrash Nummer. Aber gäähn, zu langweilige Kost.

Mit The Things stand dann eine neue Formation um den Ex-Narcotics Sänger und Dj Lobotomy zusammen mit Freund Doc Schoko und White Trash Barkeeper Wolfgang Sinhart am Schlagzeug auf der Bühne. Sie versuchten sich an dem Konzept “nicht geprobt – aber gespielt” und klangen auch dementsprechend. Trotzdem brachte ihre krachig instinktive Intentionsshow parodierter Rock-action grosse Unterhaltung (und den Laden in Schwung), und ich hatte nicht das Gefühl, dass das hier wo aus dem Rahmen fiel. Im Gegenteil. Für mich galten sie als einer der Höhepunkte des Abends, und das soll bei der Dichte gehypter Acts was heissen.

Die sich dem anschließenden Sin City Circus Ladies waren natürlich mal wieder eine Klasse für sich. Letztes Jahr noch auf unserer 2 Jahre Dorfdisco Party und zuletzt zu Halloween an anderer Stelle unserer Website ausführlich gewürdigt kann ich nur Zugabe rufen. Kein Wunder dass sie mit fast einer Stunde Spielzeit ein grosses Stück Kuchen des Abends abbissen. Von ihnen wird man in Zukunft sicher noch mehr hören, wie auch von Nouvelle Vague, die danach drankamen.

Da sich mir die ‘Neue Welle’ aber zu trendy, berechenbar und altbacken Retro anhört und ich viel lieber noch eine jener magischen Bustouren zum White Trash (und wieder zurück) unternehmen wollte, war es für mich Zeit dem Big Eden erst einmal Lebe Wohl zu sagen. Draussen standen zwei Busse, von dem einer mit Alexander Hacke an Bord auch noch die Things, leider ohne Lobotomy back to Mitte fuhr.

Ich darf an dieser Stelle anmerken, dass Clubs nicht umsonst in möglichst bombensicheren Kellern und wenig Licht funktionieren. So eine Fahrt mit einem BVG Bus, der anstatt Automatikdröhnen und Schnupfenviren ein paar emotionale Nachbarn unter Partyzwang samt Gitarrenverstärker und Snaredrum am Schloss Bellevue vorbeischiebt, ist wahrscheinlich nur was Ecstasyanbeter. Gelockert wurde der Trip aber durch den ausserplanmässigen Halt an einer Tankstelle, bei der man sich unter den staunenden Augen mit Bier und Zigaretten eindeckte. Die anschließende Ecke im White Trash brachte aber nichts ein. Der Laden, der nur Stunden vorher noch ein Austragungsort harter Zweikämpfe war, gab sich ruhig wie nachmittags um halb vier, und lud eher zum gemütlichen absacken als Durchstarten ein.

Boy from Brazil, Photo © Dorfdisco 2003

Boy from Brazil, Photo © Dorfdisco 2003

Zurück im Big Eden (mir wurde eine leere Limousine mit Ledersitzen und Fahrer bereitgestellt weil alle mit dem Bus fahren wollten!), kam ich noch rechtzeitig zu Boy from Brazil, Electrocutes und Glamour to Kill. Nun war ich schon seit 18 Uhr auf diesem Rummel, und man möge mir verzeihen, wenn ich die letzten beiden Bands vor lauter Krawall- und Skandalversprechen einfach nicht mehr ganz mitschnitt.

Mit Boy from Brazil durfte ich aber noch einen der typischeren Berlin Insane Acts erleben . Der sich seit seinem zweiten Auftritt bei Dorfdisco im Kaffee Burger geradwegs vom Car-smasher zum Glas-smasher entwickelte Ex-Sänger der Golden Showers tänzelte schon recht erfahren über seine selbst verursachten Scherbenhaufen Showstopper dergestalt, dass man sich mitunter schon darüber wundern durfte, dass bei all den über der Bühne zerdepperten Sektgläsern und Bierflaschen niemand ernsthaft verletzt wurde. Sein “schmachtfetziger, pumpender und vibrierender Elektro-Sex-a-Billy für dümmliche Millenium’s Waschlappen” (Razi, wo hast du das nun wieder her?), entpuppte sich dann auch als nichts für schwache Geschmacksnerven, obwohl Brazzi seine sonst übliche “ich zeig Dir auch noch meinen Schwanz-Show” diesmal ausliess.

Das Publikum schien dies allerdings schon nicht sonderlich mehr zu schockieren. Sie bejubelten lieber diese oder jene Posse so als ginge es um eine Sportentscheidung, aber Empörung oder gar Krawall war Fehlanzeige. Dafür wütete zuviel mit geliehener Kraft und wo viele wilde Sachen schlicht retro sind verliert dieses auch an Anziehungskraft.

Vielleicht spürt man bei Boy from Brazil noch einen gewissen Willen, der die Phantasien für einen eigenen Stern offenhalten. Dabei wünschte ich mir aber über die deistische Vernunft hinaus die Fähigkeit zu etwas echter Predigt, dessen Appell bis in Bewusstseinsregionen vordringt, die der Vernunft nicht erreichbar sind, sprich, anstatt staunende Lacher zu ernten mitunter zu Tränen zu rühren. Schließlich mündet religiöse Manie ja auch in eine vorherrschende Form von Geisteskrankheit, dessen sich der Pop stets bediente.

Danach jedoch war Berlin Insane müde und abgebrannt. Die letzten Schaulustigen sahen noch Electrocute’s … und die sich zuletzt noch monströs aufbäumenden Glamour to Kill. Aber demnächst will Dr. Morell ja ein Teil als Package mit auf Tour nehmen, und dann, falls ihr in London, New York oder Tokyo wohnt, könnt ihr’s selbst entscheiden.



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