Bedinungslose Leidenschaft


The Cheaters live im Wild at Heart, 14.3.2008

März 15th, 2008 | 0 Kommentare ...  

Bedinungslose Leidenschaft
Øyvind Skarsbø, The Cheaters Photos by Tanja Krokos © Dorfdisco 2008

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The Cheaters heute abend live im Wild at Heart. Eine Three – Piece – Band aus dem düsteren Norwegen, welche auf ihrer mit reichlich Vorschußlorbeeren bedachten, selbst-betitelten Debüt-LP temporeichen Garage – Rock mit ganz schön flinken Fingern spielt. Schmutzige, zu Proberäumen umfunktionierte Garagen sind in Skandinavien allem Anschein nach reichlich vorhanden. Anders ist die Fülle an Bands, die sich in den letzten Jahren von dort aufmachte, unsere Herzen und den Rest der Welt zu erobern, kaum zu erklären. Auf Nachfrage, weshalb man eine Band gegründet habe, geben Musiker aus dem hohen Norden sehr oft Langeweile, Einsamkeit und Frustration als Ausgangskoordinaten an.

Ein hervorragender Nährboden für packende Songs, triefend vor Sehnsucht, Weltschmerz und dem unabdingbaren Drive zu real gelebtem Hedonismus. Solche sind auf der Cheaters Platte nicht zu knapp vorhanden. Nach einer ersten Hörprobe auf dem heimischen Stereo – Equipment bin ich angefixt und gespannt gleich einem Flitzebogen, wie diese drei Minuten Kracher live zünden werden.

Erst einmal angekommen, empfängt uns die Kreuzberger Kultstätte mit gähnender Leere. Allemal ein willkommener Anlass, direkt in Richtung Bar zu steuern um einen Drink zu kippen. Mehrere Biere und einige Pernod später werden wir plötzlich wachgerüttelt. Es startet der Support-Gig einer lokalen Punkcombo, deren kurzes Intermezzo jedoch bestenfalls den gut gemeinten Charme einer Schülerband verströmt. Besser ist es, noch etwas zu üben, Jungs.

Wenig später dann The Cheaters. Sie sind der Grund weshalb die wenigen Gäste an diesem regnerischen, Wolken verhangenen Abend gekommen sind. Die Band ist eigentlich größeres Interesse gewohnt. Auftritte auf dem Roskilde Festival zu Dänemark und dem Ashton Court Festival pflastern bereits ihren Weg.

Nach einem furiosen Einstieg und dem zweiten Song Get The Picture ergeben die Rahmenbedingungen einen Sinn. Diese Band passt auf eine kleine Clubbühne wie die Faust aufs Auge. Ich kann mir ihren sixties-inspirierten Garage-Punk, der die Hives, Hellacopters und den Gun Club nicht nur vom hörensagen kennt, nur schwerlich als Anheizer für die Simple Minds vorstellen.

So geschehen in England. Das vierte Stück ist Reverberation, ein Cover der Psychedelic-Rock Magier The 13th Floor Elevators. Es hat heute abend mehr Kokain im Blut als das von dicken Dope – Schwaden umwaberte Original. Der mit allerlei Reverenzen gespickte, aber doch wenig eklektische Rock der blassen Jungs aus dem Land der Renntiere offenbart seine musikalischen Wurzeln mehr als deutlich. Die liegen in einer Zeit, in der sich ihre Eltern die Haare wachsen ließen und heimlich die ersten Joints qualmten. Oder eben nicht, wer weiß das schon.

Henrik Christiansens spielt seine Drums erfrischend tight. Die Vocals des Sängers mit dem schönen Namen, Øyvind Skarsbø, lassen nicht nur vor meinen Augen das ein ums andere mal Jim Morrison aus seinem Grabe auferstehen. So in etwa würden die Doors klingen, hätte man sie 1977 von der Leine gelassen. Ein Nostalgiker wie ich es bin, kommt da jedenfalls auf seine Kosten.

Die drei haben trotz der übersichtlichen Publikumsverhältnisse unverkennbar Spaß und genehmigen sich zwischen den Songs den einen oder anderen Drink. Ich halte ihnen wirklich zu Gute, das sie sich angesichts der Kulisse nicht auf ein schieres Abspulen ihres überdurchschnittlich tollen Repertoires verständigt haben. In einer Situation wie dieser manifestiert sich die Größe einer echten Band. Spiel vor zehn als wären es eintausend Leute. Die gleiche Weisheit gilt im Umkehrschluss.

The Cheaters interpretieren ihre spärlich arrangierten Songs durchweg mit einer bedinungslosen Leidenschaft, die in dem erhabenen I Found Love ihren Höhepunkt findet. Live noch um einiges packender als auf Platte. Der Drummer legt vor dem finalen Song gar ein waschechtes Solo hin. Gut und gerne 2 Minuten. So etwas hatte man schon lange nicht mehr.

Mit einer herzlichen Verabschiedung verlassen sie die Bühne, endgültig, ohne eine Zugabe zu spielen. Das Publikum tobt, soweit es unter den geschilderten Umständen möglich ist.

Wir sahen eine talentierte und kickende Band. Ein kurzweiliges Konzert, das weitaus mehr Resonanz verdient gehabt hätte, als die musikalische Trinkuntermalung für 20 verlorene Seelen zu geben. Unser Abend war indes noch nicht vorbei, er fand im benachbarten Jail einen ziemlich rauschhaften Abschluß. Auf dem Heimweg brummte in meinem Kopf immer wieder dieser alte, unkaputtbare Evergreen: It’s a long way to the top…if you want Rock’n’roll.

www.myspace.com/cheatersoslo



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