Außergewöhnliches Klanggewitter


Ponytail, 28/02/09, West-Germany

März 4th, 2009 | 0 Kommentare ...  

Außergewöhnliches Klanggewitter

Von

Noch eine Band, die in die neue, wilde U.S.-Lo-Fi-Schublade gesteckt wird. Und wieder spart man sich den Bassisten. Stirbt dieser Stand jetzt eigentlich aus, oder ist die Wirtschaftskrise auch hier angekommen in Form eines ökonomisch, denkenden Musikerkollektivs, das den Tieftöner einfach wegrationalisiert? Wir werden die Entwicklung weiter beobachten!

Das Neue fand dann auch wieder im West Germany statt. Doch Ponytail sind nicht Wavves: Statt simpler, aber gefällig gestrickter Songwriterperlen gab es diesmal schwerere Kost, die aber mit nachträglich eingebautem Suchtfaktor präsentiert.

Mittels ihres entwaffnenden Lächelns und ihrer puren Energie versteht es Frontfrau Molly Siegel eigentlich hervorragend so ziemlich jeden, nicht komplett zum Zyniker mutierten Konzertgänger, locker um den Finger zu wickeln. Aber sie ist es eben auch nur annähernd so etwas wie eine Sängerin einer Gruppe, und da kann man so seine Probleme mit haben. Molly schreit, gluckst, quietscht, und schraubt dabei manchmal ihre Stimmlage in unerhöhte Höhen, bzw. schon fast lächerlich zu nennende Tiefen (gern auch mal unterstützt vom Mitmusiker zu ihrer Rechten), immer ganz genau neben dem zu treffenden Ton versteht sich.

Unbestritten dagegen das Können der Instrumentalisten da oben. Beide Gitarristen, Dustin Wong und Jeremy Hyman, lassen staunen: Ein Hochgeschwindigkeits-Tapping-Riff jagt das Nächste, ohne sich in Selbstgefälligkeiten zu verlieren. Vielmehr werden hier Loops kredenzt, die sich in alter Breakbeat-Manier, angetrieben von einem präzise prügelnden Schlagzeuger, entweder in explosiven Ausbrüchen oder einfach im Nichts auflösen. Diese ‘Erwartungs-Dekonstruktion’ ist manchmal nervend, weil in der Wirkung einfach nicht schlüssig, manchmal schlicht genial, weil bis ins letzte Detail durchdacht.

Ponytail, Photo: Dorfdisco 2009

Ponytail, Photo: Dorfdisco 2009

Dadurch benötigt es einige Zeit, bis dieses Gebräu die angemessene Wirkung entfaltet. Ob es daran liegt, dass man die unzugänglicheren Stücke an den Anfang stellt, oder ob es einer gewissen Eingewöhnungsphase meinerseits bedurfte (oder vielleicht auch nur ein paar Biere), lässt sich in der Rückschau nicht mehr genau sagen. Aber man ahnt es: der Skepsis folgte Begeisterung.

Ponytail setzen sich mit ihrem Sound so ziemlich zwischen alle Stühle die man aufstellen könnte: Für Punk zu virtuos, für Avantgarde zu eingängig, für Rock zu sperrig. Aber sie fühlen sich an ihrem Platz mehr als wohl, und dieses Gefühl wirkt ansteckend. Dann merkt man wie clever die Melodien und Rhythmen zusammengebastelt wurden, bis schließlich erst der Fuß und dann der ganze Körper zuckt. Spätestens dann, wenn sich die Intensität auf der Bühne in herben Klanggewittern entlädt, oder eben einfach ins Leere läuft.

In diese Melange fügt sich auch Mollys Organ ein. Ich habe mich zum Schluss sogar dabei ertappt, mir Ponytails Sound gar nicht ohne ihre einzigartige Stimme vorstellen zu können, die wahrscheinlich bei keiner anderen Band funktionieren würde, und eben Ponytail so einzigartig macht.

So stellt der ökonomisch denkende Schreiber am Ende des Abends seine Bilanz auf, und die ergibt unter dem Strich ein fettes Plus auf der Haben-Seite für eine mal wieder wirklich außergewöhnliche Band.

Ponytail



Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: