Aufgedrehter Indie – schräg und mit hohem Wiedererkennungswert


Das BootBooHook Festival, Hannover, 22.-23.08.2008

September 6th, 2008 | 0 Kommentare ...  

Aufgedrehter Indie – schräg und mit hohem Wiedererkennungswert
1000 Robota auf dem Bootboohook Festival bei Hannover. Photo Mike Menzel © Dorfdisco 2008

Von Mike Menzel

Das 1. Bootboohook Festival von Tapete Records litt am strömenden Regen. Die liebevoll hergerichteten kleinen Ecken auf dem Gelände versanken in den Pfützen oder gleich ganz im Matsch. Trotz der regenreduzierten Wanderungen von der kleinen Club-Bühne zur Halle aber wurden die Erwartungen offensichtlich mehr als erfüllt, so dass man meinen kann, dass diese Art von Treffen der Tapete-Familie auch im nächsten Jahr ihre Fortsetzung findet.

Am frühen Freitagabend, mit leichter Verspätung begehrte ich um Einlass des recht großen Geländes. Gleich hinter dem Einlass sprangen mir schon 2 fröhlich grinsende Werbe-Fuzzis eines Geldhauses entgegen, die mir irgendwelchen Plastik-Müll überreichen wollten. Immerhin hatten die beiden nicht die Penetranz wie die Damen und Herren aus der Branche beim Berlin-Festival 2007, und so zog ich meines Weges. Der Weg führte mich auf die kleine Bühne des Mephisto-Clubs.

Dort eröffneten PopJohnPaul mit einem angenehmen und gitarrenlastigen GaragenSoulPunk. Dazu standen die Musiker unambitioniert, beinahe gelangweilt an ihren Instrumenten ohne weitere Aufmerksamkeit zu erregen, so dass die überdachten Raucher-Möglichkeiten draußen erheblich mehr Besucher angezogen als die musikalische Darbietung drinnen.

Danach aber ging es schon weiter mit einer Band, die ich unbedingt sehen wollte. Diese Band heißt 1000Robota, das Jahr 2008. Umhüllt von Nebelschwaden und in zuckendes, gleißend weißes Baulicht getaucht schrammelten sie in der sogenannten “60er-Jahre-Halle” mit Hingabe ihre Instrumente. Ihre Lieder sind Fräsen, die ins Bein fahren und ziemlich nah nach den original 80ern wie Gang of Four, DAF oder eben Palais Schaumburg (“Wir bauen eine neue Stadt”) klingen. “Es darf getanzt werden” wurde durchgesagt, um der extrem laut quatschenden Intelligenz den Grund ihres Kommens zu erklären. Aber half nicht, und mir wurde schlagartig klar, was ich an Hannover so hasste. Es konnten noch so mitreißende und sympathische Bands spielen – die Stimmung wird nicht euphorisch, sondern nur besoffener.

Zum Besoffen werden reichte die Dauer des Auftrittes von 1000Robota dann aber nicht. Vielleicht haben deswegen etwa 10-15 Fans nach einer Zugabe verlangt und bekamen sie auch. Ich will sie lieber dann doch noch mal in einem heissen Schuppen erleben wo es kocht und brodelt, und mal checken, ob die Band mehr schafft als ein beiläufiges Kurzprogramm.

The Horror The Horror, Photo Mike Menzel © Dorfdisco 2008

Popbrei: The Horror The Horror, Photo Mike Menzel © Dorfdisco 2008

Als wenn es an diesem Tage nicht schon genug geregnet hätte, betrat nun ein Projekt namens Wolke die Bühne. Sänger und Bassist Oliver Minck kann sich auch lyrisch ausdrücken, was ihm auch Beiträge als Musik-Journalist einbringt. Diese Lyrik, umrahmt von gefühlvoll vorgetragener Pop-Musik, lässt zwar niemanden johlen, aber für einen recht unterhaltsamen Abend reicht es allemal. Auch Benedikt Filleböck an Tasten und Beatbox ist eine Ohrenweide. Der Mann klimpert und schwappt mal fröhlich, mal melancholisch vor sich hin, und beinahe vergisst man die Zeit in den bewusst minimalistisch reduziert und verträumt wirkenden Stücken.

The Horror The Horror versprachen vom Namen her anderes als sie boten. Für’s Auge einiger Damen allerdings boten sie offensichtlich recht viel, wenn ich die Blicke richtig gedeutet habe. Musikalisch war hier für meinen Geschmack nicht viel zu holen, uninspirierter kann man kaum diverse Stile zu irgendeinem beliebigen Pop-Brei zusammen würfeln.

Viel besser wurde es mit den folgenden MEN AMONG ANIMALS auch nicht. „Aufgedrehter Indie – schräg und mit hohem Wiedererkennungswert“ versprach das bunte Werbezettelchen mit den recht kurzen Festival-Infos. Vielleicht war es zu wenig aufgedreht und zu viel Wiederkennungswert? oder einfach nur das falsche Konzept von Menschen unter Tieren und nicht anders herum. Ich nahm daher eine Auszeit und schlenderte mit einem Longdrink durch den tierischeren Regen.

Superpunk - Photo Mike Menzel © Dorfdisco 2008

Deoroller: Superpunk - Photo Mike Menzel © Dorfdisco 2008

Superpunk überraschten mich weniger mit Musikalischem, das war wie zu erwarten technisch gut, als vielmehr mit ihrem recht unterhaltsamen Ansagen. Und bei aller Liebe und Verständnis für diverse Rituale vor einem Auftritt: wer mit einer Kultur-Tasche (oder auch Waschtasche genannt) auf die Bühne kommt und sich unmittelbar vor den ersten Klängen noch mit dem Deo-Roller durch die Achsel-Höhlen fährt, hat für mich schon verloren! Nennt es kleingeistig von mir oder dumm! Es ist mir egal. So was geht gar nicht! Was ist das denn für ne Attitüde wo Indie, Rock or whatever nicht mehr stinkt? Zumal der Herr nach 2 Songs sein Hemd sowieso nass hatte. Da nützt der beste Roller nix.

Es wurde aber noch mal verdammt gut: Escape Hawaii! C64 und Gameboy trifft andere Sound-Maschinen, die von einem einzigen, überaus netten Herren, bedient wurden und zusammen ergibt das einen, mit (Sprech-)Gesang garnierten exclusiven Stil-Mix mit textlichen Seitenhieben auf z.B. hippen Indie-Trends. Mal scheint der Herr Haas im verspielten Daddel-Sound einzutauchen um sogleich in bester Hardcore-Manier ins Mikrofon zu schreien. Das Publikum war zum Teil nun endlich mal so richtig am feiern und tanzen – und das quer durch alle anwesenden Generationen und Stil-Grüppchen. So einfach kann gute und unterhaltsame Musik sein. Unglaubliche Symphatie-Wellen schwappten allein schon von mir Richtung Bühne! Den müsst ihr euch unbedingt mal ansehen wenn ihr die Chance dazu habt!!!

Zu guter Letzt gab es noch Rantanplan, die mit ihrem tanzbaren, aber auch irgendwann eintönigen Ska den Besuchern noch mal einiges an Kondition abverlangten, mich aber nicht von der Stange rissen auf der ich saß. Durch den kalten Regen stiefelte ich dann ins Hotel.

Am Samstag verpasste ich wohl 2 Perlen (Prinzessin Plastik und Regy Clasen) und mir persönlich wurde leider nur 1 Highlights geboten. Dial M for Murder waren zum 1. Mal in Germany und erinnerten mich mit geschlossenen Augen sofort an dunkle Joy Division-Zeiten und teilweise blitzte auch ein nicht ganz so schwermütiger Robert Smith in den Songs auf. Das Ganze wurde nur mäßig motiviert vorgetragen und wurde leider(?!) nur von einer elektronischen Drum-Maschine angetrieben. Mehr Lebendigkeit dürfte diese Art von Musik eventuell mit einem leibhaftigen Drummer bekommen der sich sicher dem Synthie-Sound unterordnen müsste, aber auch eigene Akzente setzen könnte.

Aber auch so wurde mir klar, dass die beiden Schweden, die ihren Sound selbst als Darkwave-Indietronica bezeichnen, auf jeden Fall im Auge zu behalten sind! Die erste Single wird wohl über Tapete Records auf die Menschheit losgelassen und wird den Weg in mein CD-Regal sicher finden.

Fazit: der Regen war heftig, aber nicht heftig genug als dass es wo reingeregnet und die Tapeten von der Wand gepellt hätte. Die Mischung aus altbekannten und weniger bekannten Acts funktionierte auch hier und spiegelte sich auch im Publikum wieder. 16-jährgige Anajo-VerehrerInnen schüttelten neben 40-jährigen Bernd Begemann-Fans gemeinsam bei Escape Hawaii die Haare. Ich genoss 1000Robota und meine Drinks gingen aufs Haus, dafür möchte ich mich noch einmal ganz herzlich bedanken! Bis nächstes Jahr, wenn es vielleicht wieder heisst zum Bootboohook nach Hangover zu stiefeln.

Alle Infos zu den Bands unter:
http://www.bootboohook.com
und
http://www.tapeterecords.de/



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