Anti-Boredom-League-: Pink Grease in Berlin!


Pink Grease im Magnet, 22/6/2004

Juni 30th, 2004 | 0 Kommentare ...  

Anti-Boredom-League-: Pink Grease in Berlin!
Party Hustlers: Rory Lewarne, Steve Santa Cruz von Pink Grease, Photo © Dorfdisco 2004

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Spätestens seit The Darkness ist ja Glamrock wieder hip. Doch was einst die New York Dolls, DEVO oder die Cramps waren, machen heute Bobby Conn, Scissor Sister und — Pink Grease! Sechs schreiend bunte Typen aus Sheffield mit der Aufgabe möglichst vulgär, schrill und breit-brünstig zu rocken dass die Kiste kracht. Würdest Du sie mit auf deine Party nehmen?

“Being German is no Excuse not to Dance!” rief Sänger Rory ins Publikum, danach gab es auch kaum Halten mehr. Von Remember Forever bis Into My Heart wurde die komplette neue CD “This is for Real” (Mute) hingelegt, als ginge es darum die Geschichte der Musik mal wieder neu zu schreiben.

Sänger Rory tauchte mehrmals unter seinen vielen “Aww-Yeahs” und Falsetto Einlagen ins blass erstaunte Publikum ab, Gitarrist Steve Santa Cruz sah aus wie eine mutierte Speedfliege vom Mars und Bassist Stuart Faulkner feierte seinen 25 Geburtstag auf seine Art: knick mir nochmal den Mikroständer – grinsend.

Auch der Rest wirkt nicht ohne Schau: Gitarre und Saxophonist John Lynch an der linken Aussenbahn in gelben Hotpants ist so dünn, dass man an ihm glatt die Wäsche aufhängen könnte, während Drummer Marc Hoad unter alter 68ger Frisur unbemerkt einen stur gerade treibenden Beat schlägt.

Nicholas Collier, Pic © Dorfdisco 2004

Nicholas Collier: Synthi Marke Eigenbau Pic © Dorfdisco 2004

Der Schlimmste scheint aber Nicholas Collier. Als Typ Zerbrechlich hat er sich einen Synthesizer namens “The Machine” selber gebaut, und zwar zum Umhängen mit angemalten Knöpfen aus einem von Mutti geklauten, in Stücke gesägten Besenstiel. An der Unterkante ist die Tonleiter aufgemalt und davor klebt ein Magnetband, das mit einer Haarnadel gespielt wird. Perfekt? Machine rauchte bei der allerersten Probe ab, funktioniert wieder, geht aber doch etwas verloren in ihrem Bubblegum-Rifferama.

Doch so abenteuerlich sie sind, so unbeeindruckt spielen sie immer noch auf. Gelangweilt von toter Szene und geisttötender Livemusik sind sie die geborenen Performer für allegorisch deftigen Sex auf dreckigen Parties. Irgendeine Fifties Doo-Wop Compilation namens ‘Pink Grease’ mit kreischenden Teenagern gibt dazu den Namen, Teenie Balladen um Sex, Tod und verlorene Liebe werden ihre Themen, energiegeladener, disco-lastiger Punk-Funk Rock ist ihr Ding.

Anfang 2002 reagierte das lokale Publikum noch ungläubig ob ihres schäbigen Glamours und Geschlechter übergreifenden Kleidungstils, doch bald standen Girls bereit, die sich um das Make-Up kümmerten und, auf die Bühne gezerrt, posen-beladene Backing Vocals beisteuern.

Anschließend ging wie immer alles ganz schnell: es werden ein paar Demoaufnahmen eingespielt die bei Horseglue Records in New York landen. Dort eingeladen beendet die Band den Gig im Zuschauerraum – und das Publikum auf der Bühne. Russell Simmins von den Blues Explosion nimmt vier Tracks auf, aus der das Minialbum “All Over You” entsteht und Nick, der “The Machine” spielt, zieht sich besoffen auf der Bowery aus, ein Passant ruft: “Zieh deine Klamotten wieder an, du dünner, knochiger White Trash motherfucker!”

Zurück in England bringen sie ihre Debutsingle “Manhatten On Fire/Working All Day” heraus. Prompt werden sie von Add N To (X) auf Tour mitgenommen, sind Vorband für Suicide/Liars und treten bei renommierten Parties des FACE Magazins in London auf. Dort angekommen schocken sie die Szene mit ihrem schreinenden Glam so sehr, dass die Future Rock’n’Roll Erfinder Sonic Mook “Shake” von Pink Grease als erstes Stück auf ihre dritte Hot Shit Compilation bringen. Überflüssig zu sagen, dass die Band mitlerweile zu den aufregendsten Live-bands der Szene zählt.

Das ging auch nicht mehr an Mute vorbei. Im Frühjahr gesignt nahmen sie ihr erstes Album “This Is For Real” auf, zwölf treibende Songs die Disco, Gitarrenwahn, Glam und Melodie zu einem der gefeiertsten britischen Albumdebuts kombinieren.

In Berlin brauchten sie deshalb “nur noch” aufzutreten. Typisch für eine Zeit, in der sich Bands weniger ernst nehmen, haben wir gesehen, was woanders so chaotisch und urkomisch geht. Nur nachhaltig wichtig zu sein scheinen sie noch nicht. Dazu fehlt ihnen noch etwas, wie soll ich sagen, Status, die sie vor der fortschreitenden Zeit beschützt.



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