An der Volksbühne strandeten Gustavs Wale


Gustav & Band live in der Volksbühne, Berlin, 03.02.2009

Februar 8th, 2009 | 0 Kommentare ...  

An der Volksbühne strandeten Gustavs Wale

Von Philipp Brugner

An sich ist das Große Haus in der Volksbühne ja ein Theaterspielort. Groß angelegte Spielfläche, steil ansteigende Zuschauerränge und ein beidseitiger Vorhang, den man, wenn’s Gezeigte mal nicht so gut ist, schnell zuziehen kann. Die Kulisse dient aber auch Auftritten musikalischer Natur. Das Konzert von Gustav & Band am vergangenen Dienstag war so einer. Zum Vorhangzuziehen gab’s dabei absolut keinen Grund.

Eva Jantschitsch, alias Gustav, wurde 1978 im steirischen Graz geboren und lebt nun in Wien. Ihre Jugendjahre gehörten der Musik von den Lassie Singers und Madonna. Ihre musikalische Orientierung wandelte sich dann in der Zeit ihres Kunststudiums in Richtung Le Tigre und Aphex Twin. Glücklicherweise hat sie sich für ihr eigenes musikalisches Schaffen Anleihen aus der späteren Phase genommen, nicht auszudenken, hätte sie ihre aufregende Stimme mit Disco-Pop der Marke Madonna unterlegt.

So bietet sie uns allerlei Elektronisches gepaart mit Chansons und der nötigen Portion künstlerischer Eigenständigkeit. Unterhalten soll es, und das tut es auch. Dabei gibt sie sich aber keinen seichten Plattitüden hin, sondern transportiert gekonnt die viel zitierte „Message”. Politisches, Gesellschaftliches, Soziales, Umweltschutz oder Arbeitslosigkeit sind die Themen, zu denen sie ihre Meinung ohne Wenn und Aber kundtut.

Sie war angetreten, um uns diesen Dienstagabend zu versüßen und gleichzeitig Dinge aufzuwerfen, die zum Nachdenken anregen sollen. Wo sich bei anderen Künstlern Inhalt und Unterhaltung oft ausschließen, gelingt ihr dieser Spagat ganz hervorragend. Zurücklehnen und Aufmerksamkeit zurückschrauben ging gar nicht, hätte man doch Lebensweisheiten verpassen können.

Dass lediglich Gustav selbst und eine zweite junge Dame die Gerätschaften auf der Bühne bedienten, war eigentlich nicht so vorgesehen. Als Erklärung dafür, zog Jantschitsch ihr Handy aus der Tasche. “Unser Gitarrist lässt sich heute entschuldigen. Er wird heute Abend wahrscheinlich zum ersten Mal Vater, sagt uns dann aber gleich allen, ob’s ein Bub oder Mädchen ist!” gab sie freudestrahlend preis. Ob die Nachricht denn wirklich für die gesamte Zuhörerschaft der Volksbühne bestimmt sein sollte oder Jantschitsch sich diese Freiheit ganz einfach herausnahm, ließ sie ihre eigene Sache sein.

Gefreut hat uns diese Nachricht auf alle Fälle, rutschten wir so nämlich noch viel mehr auf den – eigentlich ja auch viel zu engen Sitzen für so ein fulminantes Konzert – hin- und her. Und dann: „Da, eine SMS!…… Okay, Leute, es ist, es ist noch nichts – nur mal die Fruchtblase geplatzt.” Hätten wir nicht ohnehin unsere Emotionen gezügelt, wäre dieser Moment wohl der unumgängliche Anlass dafür gewesen, im Kollektiv tanzend die Treppe hinunter zu hopsen. Aber leider, weder Bub noch Mädchen.

Mit „Verlass die Stadt” packt Gustav auch gleich den bekanntesten Songs aus ihrem neuen und gleichnamigen Album aus. Breiter Wiedererkennungswert unter der Gustav-Jüngerschaft war dabei garantiert.
Die Metro erreiche ganze Stadtteile gar nicht mehr, Asbest verseuche unsere Luft und Sprengstoff sei sowieso überall, lautete Gustavs etwas unbekömmliche Zustandsanalyse. Hörte sich regelrecht so an, als wäre es um die urbane Zukunft schlecht bestellt.

Würden wir nicht in Berlin sitzen, um eine der brillantesten Songschreiberinnen des deutschsprachigen Raums zu hören, hätte man das auch fast glauben können. Aber so, keine Chance! Mühelos wechselte Gustav zwischen balladenähnlichen Liedern, die sie von einem Klavier begleiten ließ, und solchen, die auch für die Tanzfläche taugten. Beat um Beat, das konnte man doch gar nicht sitzend ertragen. Die im Rhythmus der Musik wippenden Typen neben den Sitzreihen nickten. Lag wahrscheinlich nicht nur an der fein gesponnen Musik, sondern auch an ihrer Zustimmung: Ja, hier muss man tanzen!

Mit „Alles renkt sich wieder ein” und ihrem alt gedienten, trotzdem aber immerwährend aktuellen Hit „Rettet die Wale”, schenkte uns Gustav noch einmal Hoffnung und gab uns Weisungen für’s Leben mit auf den Heimweg. Die Hoffnung, dass alles wieder gut wird. Ihren Ratschlag „Liebe jeden Tag zu machen” beherzen wir auch gerne….

Dass Gustav & Band quasi auch nur mit halber Mannschaft bestens funktioniert, spricht für die sympathische Österreicherin und ihre universalen Fähigkeiten. Sei es mit Mikro, mit Laptop oder sonstigem Utensil, gute Figur gibt sie immer ab. Für die weiteren Tour-Termine kann noch eine zusätzliche Empfehlung abgegeben werden, dürfte dann wohl auch der männliche Part wieder zurückgekehrt sein. Und mit ihm die Gitarre, das Einzige, was wir diesmal vermissten.

http://www.myspace.com/gustavofficial



Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: