Gediente Helden des subversiven Entertainments


Alan Vega / Heavy Trash in der Volksbühne, 23. April 2007

Mai 8th, 2007 | 0 Kommentare ...  

Gediente Helden des subversiven Entertainments
Jon Spencer - Heavy Trash. Photos by Tanja Krokos. © Dorfdisco 2007

Von Kurt Kreikenbom

Altgediente Helden des subversiven Undergound- entertainments im Doppelpack, bestuhlt und zu happigem Eintrittspreis (in Hamburg gab’s dasselbe für die Hälfte!) – da erwarten die Leute viel, sie wollen abhotten, schreien und sich so wie, oder noch besser als früher fühlen.

Besser als zu der Zeit, als die eigenen Lebensumstände die Klänge auf der frisch gekauften ersten Suicide LP, meinetwegen auch Collision Drive oder, für die noch jüngeren unter Euch – Crypt Style – mit einem Wust an Bedeutung aufluden und von manisch überdrehter Großstadtmusik den Soundtrack für das Hineinwachsen in den guten Beruf, das tolle Studium oder sonst irgendwas vermeintlich glückselig machendes erwarteten.

Voll der gehypte, heiße Scheiß also waren sie mal, die Protagonisten des Abends, von dem hier die Rede sein soll. Zu ihrer jeweiligen Zeit musste man sie einfach gut finden, unwiderstehliche Musik, laut, irre und garantiert nicht das, was die Idioten, die nach der Schule dann doch irgendwas sicheres durchgezogen haben, gut finden würden. Der Stoff also, auf dem sich ganze Thekenkarrieren aufbauen ließen, ein Lebensgefühl und das geheime Wissen, mehr zu kapieren als die ganzen spießigen Penner da draußen.

Hohe Erwartungen dementsprechend, man will sich selbst feiern und die eigene Sozialisation. Hipster und solche, die sich dafür halten, unter sich. Und was also gab’s für’s Geld?

Alan Vega und seine Freundin Liz führen das aktuelle Album “Station” auf. Beton-Techno, ca. Baujahr 1995, Berlin. Reichlich Trockeneis und ohrenbetäubende Lautstärke – also ziemlich gut als Statement einer 2-köpfigen Live-Band. Auf dem Album soll’s ja um nichts weniger gehen als die Rettung der Welt gegen Haß, Dummheit, Rassismus und Arschlöcher im Allgemeinen. Ich hatte das Ding noch nicht gehört, war aber von der Live-Darbietung ziemlich beeindruckt. Das ehrwürdige Experimentaltheater da abholen, wo es sich befindet, so to speak. Alan Vegas Piscator-Blues wirkte in etwa wie ein 20-facher Espresso, wie der hochgeschätzte Kollege Dirk S. es später formulierte.

Gespalten wurde der gar nicht mal so zahlreiche Teil des Publikums, der sich nicht bereits von der immensen Lautstärke aus dem Saal treiben ließ, vom Gastauftritt von Vega Jr., einem schüchternen, ca. 10-jährigen Knirps, der Paps und Mutti an der Mundharmonika begleitete. Darf der das? Darf der Papa das? Der war doch bei Suicide und Jahre später kommt er mit einer humanistischen Familienrevue ‘rum? Ich sag mal so: die Pionierleistungen Alan Vegas liegen ja auch schon 30 Jahre zurück und auch der härteste Viet Vet und Extremperformer stellt, nachdem er die Killing Fields, die Lower East Side und Ric Ocasek überlebt hat, irgendwann fest, daß er einen triftigen Grund braucht, den ganzen Kram weiter zu betreiben.

Dazu ist Alan Vega nicht der bauernschlaue Broterwerbstyp, der seine Evergreens abspult bis die Rente drin ist. Der sucht sich neue Aufgaben. Fand ich eher schön zu sehen, dass er heute nicht mehr das irre, einsame Drogenwrack, das irrlichternde Alien ist, sondern eine Familie hat, ein persönliches Umfeld, das ihn begleitet bei dem, was er tut, egal was er tut. Auch wenn der Junior freilich schon längst ins Bett gehörte und auf der Harp auch noch was üben sollte. Für einen konkurrenzlos guten Aufsatz zum Thema “What I did on my holidays” sollte ihm das aber reichen.

Die aktuelle Platte scheint Alan Vega sehr wichtig zu sein – als die Show vorbei ist und sein Publikum wortlos und eingeschüchtert in den Sitzen kauert, weist er, in einem letzten Trockeneisnebel eingehüllt, darauf hin, dass wir, also das Publikum, das gelangweilte, überforderte, nur an der eigenen Verdauung interessierte, die Leute sind, die bittschön diese Welt vor dem Untergang zu retten haben, wenn wir denn überhaupt merken, dass es da was zu retten gibt. Unspektakulärer Abgang, verhaltener Applaus, Pause. Jetzt erst mal eine rauchen, ein Bier trinken.

Heavy Trash, Photo Tanja Krokos, Dorfdisco 2007

Heavy Trash, Photo Tanja Krokos, Dorfdisco 2007

Als 15 Minuten später Heavy Trash die Bühne betreten, wird in kürzster Zeit wieder klar, wofür alle eigentlich gekommen sind – apokalyptisches Extremnerving: 0; Paaarty: 1

Tatsächlich fluppt das Konzert von der ersten Sekunde an. Wir sehen die Rockabillyband, die allen Berliner Fachkräften zu erklären in der Lage ist, wie man denn sowas nochmal richtig spielt, und es ist eine reine Freude! Die mit kompetent noch zurückhaltend beschriebene dänische Rhythmusgruppe gibt direkt Gas, ohne mutwillig zu dreschen, Matt Verta-Ray, Mr. Speedball Baby himself on his Vintage Gibson hollow body Guitar öffnet mit einem einzigen Akkord die Tür zum Himmel weit weit auf und Jon Spencer vermittelt diese hoch-alchemistische Kunst dem geneigten Publikum mit seiner persönlichen Mélange aus religiösem Marktschreier, Rocklexikon (with a pelvis!) und perfekt sitzendem, selbstironischem Showmanship.

Selbstverständlich hält es nach einer knappen Minute kaum jemand mehr auf den Sitzen, und es wird eine astreine Tanzparty, bei der sogar keine Rolle spielt, dass kaum jemand im Saal einen Großteil der Songs kennt, die gespielt werden, da das neue Heavy Trash Album erst im Herbst ‘rauskommt. Das muss man denen erst mal nachmachen! Sieht auch alles sehr gut aus, was die da auf der Bühne machen.

Selbst der Soundmann gibt zwischendurch eine Einlage zum Besten, Spencer zitiert gekonnt einen Großteil zumindest meiner Lieblingsplatten, und die Band lässt über die ganze Strecke ihres Sets nicht eine Verflachung zu. Am Ende ist es mir fast zuviel des Entertainments, der Sauerstoff wird knapp und das ehrwürdige Theater ächzt unter dem geballten Amüsierwillen im Saal.

Zusammenfassend: als Tanz-Event eindeutig verschenkt, andererseits: warum haben die diversen Rock-Clubs nicht laut HIER! geschrieen, als der halbgefüllte Tourplan der Band im E-mail-Postfach landete? Ich will ja auch gar nicht meckern, ich war spätestens bei Matt V.-Ray’s erstem Gitarrensolo wunschlos glücklich. Na, und im Herbst sehen wir weiter.



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