Als würden Sauerstoffatome einen zerreißenden Druck auf den Körper ausüben.


ANBB: Alva Noto & Blixa Bargeld im Berghain 17.09.2010

September 22nd, 2010 | 2 Kommentare ...  

Als würden Sauerstoffatome einen zerreißenden Druck auf den Körper ausüben.

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Über Christian Emmerich alias Blixa Bargeld ist wohl schon alles gesagt worden. Sänger der Einstürzenden Neubauten, ehemaliger Gitarrist bei Nick Cave and the Bad Seeds und Akteur in scheinbar allen Bereichen der zeitgenössischen Kunst. Weitaus unbekannter hingegen ist sein Partner Alva Noto mit bürgerlichen Namen Carsten Nicolai, mit dem zusammen er das Künstlerdou ANBB bildet.

Geboren 1965 in der ehmaligen Karl-Marx-Stadt studierte Nicolai Landschaftsarchitektur, wand sich dann den Bildenden Künsten zu und stellt erste Installationen in der Galerie Eigen+Art aus. 1994 gründete er das Label „raster-noton“ und experimentiert mit elektronischen Klängen in Kombination mit visuellen Künsten. Die Musik von Alva Noto ist ein Konglomerat aus progressiven avantgardistischen Percussionelementen auf wissenschaftlicher mathematischer Basis.

So sind seine Beats sorgfältig konstruierte Collagen aus scheinbar archaisch zusammengewürfelten Störgeräuschen und analogen Klängen des auf Technologie fußenden Alltags, z.B. das Piepen seines Faxes oder Rauschen eines Modems.

Wie in einem magnetischen Feld angezogen trafen die beiden interdisziplinären Künstler in San Francisco 2007 zusammen. Aus einer ersten improvisierten Performance entwickelte sich die dieses Jahr veröffentlichte EP „Ret Marut Handshake“, aus der wiederum das 10 Lieder lange Album „Mimikry“ entstanden ist, das am 4.Oktober erscheint.

ANBB kombiniert Alva Noto´s Klanggebilde mit Bargeld´s kryptischer Lyrik und der Arbeitsweise seiner Rede/Speech-Performance. So loopen sich die Textpassagen und Schreie zu einem dichten Brei, der neben der textlichen Ebene durch die Wirkung Alva´s rhythmisch nicht präzisen Beats noch mystischer erscheint. Wobei es in den Texten nach Aussage Blixas weitaus mehr um ein Spiel mit der Sprache geht, als um inhaltliche Tiefe. Eine Abgrenzung zu der Sprache der Neubauten ist nur nach mehrmaligen Hören bemerkbar, überwiegt bei ANBB doch eine gewisse Form von Objektivität.

In Vorfeld der Albumveröffentlichung performten Bargeld und Nicolai letzten Freitag im Berghain. Selten korrespondierte ein Ambiente so stark mit der Musik. Die Größe und Dunkelheit des ehemaligen Heizkraftwerks am Winzer Bahnhof untermalte den Charakter des Surrealen und Bedrohlichen, ebenso die minimalistische Lichtshow.

Blixa dehnte und strapazierte seine Stimme. Alva bereitete mit seinen Loops die Bühne für seinen Partner vor, so dass ein „Call and Response“-artiger Dialog zwischen beiden entstand. Doch hatte es den Eindruck als würden beide Künstler routiniert autonom agieren und der Zufall ein homogenes Klangfeld ergeben. Ebenso drängte sich der Verdacht der Monotonie zeitweise auf, zwar konnten Songs, wie Ret Marut Handshake, Bernsteinzimmer und One, ein Cover von Harry Nilsson einen markanten innovativen Charakter vorweisen, doch fand man sich oft in Gleichförmigkeit und Stillstand wieder.

Eine Stille der beunruhigender Bedrückung überfuhr das Publikum bei einem minutenlangen Schreis aus Blixas Kehle, der verstärkt wurde durch die Funktion One-Anlage des Berghains, sich von der Illusion zur Paranoia steigerte, dass dieser Schrei alle Geräusche ausgelöscht hätte. Als würde er die Luft zusammenpressen und komprimieren, so dass die Sauerstoffatome einen zerreißenden Druck auf den Körper ausüben.

Übermannt von dieser Direktheit und Intensität des menschlichen Leides hallte nach dem Konzert diese schreiende Stille als einziges Highlight nach. Alles in allem lebte das Konzert mehr von seinen dem Ruhm seiner Künstlern und der Location, als von der dargebotenen Musik. Zu selten überwogen die fesselnden Momente, deren Potential und Ausbaufähigkeit an der Lieblosig- und Leidenschaftslosikeit der Akteure des Abends scheiterte.

http://www.myspace.com/alvanotoblixabargeld



Kommentare / Comments:

  1.  
    1. danny roth  

    Mensch, warum muss sich der Carsten diesen alten arroganten, selbstgefälligen, pseudointellektuellen und völlig überbewerteten Bargeld antun? Da bleibt grosses Stirnrunzeln….

  2.  
    2. barbara  

    Das ist sehr interessant, wie untershciedlich man Konzerte wahrnehmen kann. Ich fand es sehr interessant und gerade abwechslungsreich. Und zudem fand ich, dass die beiden perfekt zusammen und gar nicht nebeneinander gespielt haben, obwohl Herr Nicolai schon ein wenig Herrn Bargeld umrahmt hat. Und frisch war es auch, was eigentlich dadurch bestätigt wurde, dass Bargeld in Interviews zugab, dass er sich lange nicht um andere Musik gekümmert habe und jetzt mal durch Nicolais Einfluss ein wenig aufgeholt hat. Hörte man, fand ich. Auch das Album gefällt mir (sowohl EP als auch Mimicry, die ich beide aber erst nach dem Konzert hörte, in das ich eher zufällig geraten war). Hier meine Review vom Konzert: http://www.popkontext.de/index.php/2010/09/18/anbb-blixa-bargeld-und-alva-noto-im-berghain-berlin/