1x Baggy-Pants XL für The Black Lips


Black Lips, Deerhunter im Festsaal Kreuzberg, 17.8.2009

August 18th, 2009 | 0 Kommentare ...  

1x Baggy-Pants XL für The Black Lips
Cole Alexander, Black Lips in Köln am 15.8.2009

Von Stefan Kullmann

„Atlanta Calling”. Das war im Web 2.0-Portal Last.FM eine Zeit lang die kryptische Bezeichnung für das Konzert von Deerhunter und Black Lips am 17.08. im Festsaal Kreuzberg. Ob dieser Titel jemals offiziell war, weiß ich nicht.

Aber es stimmt: Es war ein Atlanta-Special. Beide Bands stammen aus der Hauptstadt des US-Bundesstaates Georgia. Die dortige Musikszene hat einen enormen und in der Regel hörenswerten Output. Es gibt eine Dokumentation darüber, sie heißt „We Fun“.

Bei last.fm wechselte auch der Headliner-Status. Erst waren es die Black Lips, dann Deerhunter. Auf Eventim-Tickets wurden Black Lips zuerst genannt und in Kreuzberg hingen Plakate, auf denen war von Deerhunter gar nicht erst die Rede.

Diese wundervolle Band, meine zweitliebste von allen, hatte ich ziemlich genau ein Jahr zuvor im Haus nebenan gesehen: im West Germany, in der Etage eines weitgehend leerstehenden Ärztehauses. Ein schlauchiger Club in übelster westdeutscher 80er-Zweckarchitektur.

Aber das Deerhunter Konzert im West Germany damals wurde himmlisch. Vor gut 250 Menschen spielte meine Fast-Lieblingsband zum Greifen nah, relativ lo-fi und mit ersten Stücken ihres erst noch zu erscheinenden dritten Albums Microcastle.

Jetzt also ein Jahr später im größeren Festsaal: Ein Triumph. Negativ: Die wirklich bezaubernde Ex-Gitarristin Whitney ist nicht mehr dabei. Deerhunter besteht nur noch aus vier Männern.

Positiv: Diesmal ist die Band willens und der Mittel befähigt, richtig, richtig loszulegen. Die Gitarren sind lauter, das Publikum ist euphorisch, die Stimmenverstärker und -verzerrer für Bradford Cox sind installiert, es gibt Endlosschleifen als Intro und Outro.

Ich hatte gar den Direktvergleich bei einigen Songs: Nothing Ever Happened, der Hit von Microcastle klang hier nicht mehr verhalten, sondern laut, fordernd und dauerte nicht mehr nur 3 1/2, sondern geschätzte 7 Minuten.

Meine restliche Beurteilung der Band ist gleich geblieben: Bradford Cox, Mastermind von Deerhunter und Head of Sideprojects wie Atlas Sound und Lotus Plaza, wirkte einmal mehr sehr nüchtern, sehr auf Perfektion, auch seitens seiner Bandmitglieder, aus. Es gab strafende Blicke von ihm gegen seinen eher angenehm bekifft wirkenden Bassisten Josh Fauver, als der seinen Pick zu früh an sein Gerät ansetzte, eine Rückkopplung provozierte, während Cox noch mit dem gesanglich sehr beeindruckenden Prolog zu Agoraphobia beschäftigt war.

Ähnliche Beobachtungen hatte ich schon 2008. Die Band gibt es nicht nur noch immer, sie mag die “Bradford Cox Band” sein, aber sie hält bestimmt noch mindestens für ein viertes Album in 2010 durch und sie hat heute vor einem richtigen Fan-Publikum gespielt, das teilweise die Texte mitsingen konnte. Es war schön.

Videos: Deerhunter (intro / cryptrograms)

(little kids / vox celeste)

Noch was: Jemand aus dem Publikum rief “I love you”, Cox antwortete: “Ick liebe dich auch”. Beschwert hat sich Cox nur über Berliner Wasser: “It tastes like Josh’s Cum”.

Dass trotz der beeindruckenden knapp 60-minütigen Show von Deerhunter die Black Lips den Headliner-Status als zweite Band des Abends inne hatten, erschien anschließend absolut berechtigt. Die Band spielte ihr ca. drittes Konzert innerhalb von 12 Monaten im Festsaal.

Menschenmassen im Vorhof des Festsaals - Foto: Dorfdisco

Menschenmassen im Vorhof des Festsaals - Foto: Stefan Kullmann

Allein ein Blick auf die Menschenmassen im Vorhof des Festsaals, in der Pause zwischen beiden Bands, offenbart einen Eindruck über die Ausmaße der örtlichen Begeisterung.

Außen war kaum mehr ein Stehplatz durchsetzbar. Die Temperatur indoor stieg auf ca. 50 Grad an. Es gab Crowdsurfing und jemand schmiss seine Hose auf die Bühne. Das Bandmitglied links rieb sich damit das schweißgebadete Gesicht ab und hoffte vielleicht dass die Hose aufgrund der Porno-affinen “Vice”-Labels, einer Frau gehört haben möge. Diese Baggy-Pants in XL sahen aber eigentlich nicht danach aus.

Die Black Lips lieferten eine sehr effiziente Show ab, aber die Band aus Atlanta hätte auch bloß dutzende Underground-Hits des Garage-Rocks der 60s covern können und hätte den gleichen Erfolg gehabt.

Andererseits erkannte das Publikum hier mindestens jeden zweiten Song nach dem ersten Gitarrengriff. Berlin liebt die Black Lips, das ist offensichtlich, und ich habe den Festsaal selten so euphorisch und so voll gesehen.

Video: Black Lips (Katrina):

www.myspace.com/theblacklips



Kommentare sind geschlossen.