1000 Millionen Bonuspunkte


Adrian Sherwood am 1.2.2007 in der Maria (CTM)

Februar 11th, 2007 | 0 Kommentare ...  

1000 Millionen Bonuspunkte
A. Sherwood 1.2. in der Maria Photo © Dorfdisco 2007

Von Ramin Raissi

Der Club Transmediale nächtigt alljährlich mit möglichst schrägen, obskuren aber elektronisch arbeitenden Solokünstlern in der Maria. Heute stand Minimalist Stefan Betke aka Pole auf dem Programm, dessen neue Platte angeblich alles Ornament entsorgt, und kaum mehr konkrete Referenzen aufweisend niemanden andienen will – als Verpackung aber nichts weniger als das Schloss Neuschwanstein in bunt vorstellt. Soll damit wer klar kommen, es war so gegen 3.00 früh, als die Reste meiner Geburtstags-Feieraktion und ich in einem Anflug von höchst ornamentalen Bewegungsdrang wegen Sherwood die Kurzstrecken-Droschke nahmen.

Eintritt war nicht mehr und die Maria bot ein halbleeres Bild. Nur noch knapp 100 Menschen, von denen etwa 2/3 ekstatisch, ihre blonden Wursties aka Dreadlocks im Takt eines älteren Herren ohne Dreadlocks aber Glatze schüttelten. Der Schweißgeruch war Frittenheim-besetztes Haus vom Feinsten! Nichts gegen Geruch in Clubs, aber bitte von duftenden Körpern!

Dafür ist Sherwood eine lebende Legende und verkörpert eine ganze Dub-Kultur. Seit Mitte der 70er ist er schon aktiv und produzierte so bekannte Künstler wie Prince Far I, die New Age Steppers oder später Dub Syndicate und Audio Active. Sherwood ist ein Klangforscher, welcher Dub von King Tubby, Scientist und Lee “Scratch” Perry gelernt, und auf eine eigene Ebene gebracht hat. Seine Handschrift ist unverkennbar und am ehesten noch mit dem metallischen Klang eines Scientists’ vergleichbar.

Dabei pflegt er immer die Balance aus Bässen, so tief wie der Mariannengraben, wenn z.B. von den jamaikanischen Roots Radics eingespielt, und schrillen Effekten, die eher dem Noise oder Positive Punk zuzuordnen sind, wie bei Mark Stewart and The Maffia, ex-Popgroup.

Anschließend hat der Mann vieles von Ministry, über Einstürzende Neubauten bis zu Depeche Mode veredelt. Dub meint veredeln, mittels Echo, Hall, sonstigen Klangeffekten und das Spiel mit den Spuren, Bass rein-raus-nur Höhen, um dann wieder beim Bass zu landen. Wie er das kann, hat er dann an diesem Abend mit seinen Platten, CDs und seinem seinen Bedürfnissen angepassten Effektrack eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Die Reste vom Schützenfest, die noch transmedial da waren, tanzten von den Bässen getrieben zu Klassikern des Reggae und eigenen Produktionen, aufgemotzt durch die Dubeffekte des Meisters. Dieser wischte sich in regelmäßigen Abständen seine Glatze mit einem Handtuch ab, um dann wieder die Effekte zu bearbeiten.

Wir selbst tanzten noch ca. 2 Stunden und tranken dieses holländische Bier… Aber wir nahmen, was wir kriegen konnten. Nach 2 Zugaben, die von frenetischen Schreien heraus gefordert wurden, trat der gute alte Mann ab.

Von mir bekommt er 1000 Millionen Bonuspunkte, weil er meinen liebsten Reggae/Dub Song spielte. C.Kalphats “African Land”, damals auf seinem “Hitrun” Label in den späten 70s erschienen (wer eine bezahlbare Kopie besitzt und diese loswerden möchte – ich gebe meinen kleinen Finger aus), gemischt mit dem 90er Aufguss von Dub Syndicate’s “African Landing” plus Dubeffekte – über 10 Minuten. Alleine dafür wäre ich durch die Spree geschwommen. Killer!



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