1 Jahr Rafgier


1 Jahr Rafgier mit The Vanishing, Chloé, Incage, The Scandals im Luftschutzbunker der BEWAG Umspannwerk, 29.1.2005

Februar 15th, 2005 | 0 Kommentare ...  

1 Jahr Rafgier
Chloé, Photos by AC Horn © Dorfdisco 2005

Von AC Horn

1 Jahr Rafgier stand in Berlin letzte Woche auf dem Programm, das bedeutete zwar „nur” vier Parties bislang, aber die hatten es in sich. Kurze Rückblende: die Erste, wir berichteten, fand im 4 Stock eines Hauses mit u.a. Drama Nui (KitKatKlub) statt und schlug schon ein. Die Zweite in nächster Location brachte den Boden eines anderen Abbruchhauses zum beben und die Dritte fand im ehemaligen Verkehrsministerim statt. Aber alle hatten eines gemeinsam: sie waren knallvoll mit netten Leuten die nur eines wollten: toben.

Diesmal schneit es, die Strassen sind eisglatt und man schlittert mit dem Fahrzeug etwas wie in einem Playstation-Game den Prenzlauer Berg hinauf, um nach erfolgreichem Parken die monumentalen Torbögen des Bewag Umspannwerks zu durchschreiten. Kurz nach 24 Uhr gehöre ich zu den ersten Partygästen, die den Club über eine enge Steinstiege in die Backsteingruft hinabsteigen.

Mir drängeln sich sofort Gedanken auf, wie zur Hölle hier eine Evakuierung vonstatten gehen könnte…, man hört ja immer wieder von diesen US- oder südamerikanischen Clubinfernos bei denen Duzende durch Massenpanik den Tod finden! Hier ist aber alles meterdick gemauert, man ist sozusagen sicher wie im Luftschutzkeller, und um einen solchen handelt es sich auch.

Dafür hängen überall blutig designte Postermotive herum und in einem Raum reitet ein Laptop-Vj seine Videoprojektionswand. Zwischen den zwei beschallten Dancefloors ist es aber noch kalt, also hält man sich mit einigen Jägermeistern warm. Steve Morell ist aber auch schon da und macht Künstlerkontakte. Irgendwann beginnt er als „The Scandals” zusammen mit seiner Freundin seinem von Elektro und Gitarre inspiriertem Future Rock’n’Roll das Gemäuer anzufeuchten.

Jesse Evans, The Vanishing, Photo by AC Horn © Dorfdisco 2005

Jesse Evans, The Vanishing, Photo by AC Horn © Dorfdisco 2005

Inzwischen füllt sich die Location zusehendst, mehrere hundert Leute haben sich für eine der exzessivsten Undergroundparties Berlins eingefunden. Morell schmeisst den Laden wie immer gekonnt; ein Mann ohne den Berlin mir fast einer langweiligen Provinzposse gleichkäme! Gibt zwar ab und an ganz gerne mal den Ex-Junky vor wenn er seine Unterarm-Venen mit einigen gezielten Schlägen hervortreten lässt: Drug Propaganda à la Morell, der inzwischen allerdings abstinent unterwegs ist.

Danach gibt es von „Incage” eine Art Karaoke Show zu elektronischen Beats, nur ohne Monitor. Da sind von Käfigen noch keine Spur, also ist die Show etwas zu eintönig um mich bei der Stange zu halten und ich relaxe etwas an der Bar. Nach diesem alkoholischen Intermezzo kann ich mich mit voller Aufmerksamkeit dem Hauptact des Abends widmen: The Vanishing.

Für mich eine Band, von der man keinen Gig auslassen darf. Und ich habe sie alle gesehen: ob im Mad n´Crazy, im Deep-Club, im Zentral oder eben hier. Die Anlage ist zwar etwas überfordert, etwas das mir schon beim vorangegangenen Act auffiel, und das elektronisch-intonierte Soundbacking hat einige Ausfälle zu verzeichnen, was sich aber nicht weiter tragisch auswirkt. Brian Hock’s rythmisch aufpeitschenden Drums und Jesse Eva’s jazzige Saxofon-Orgien bilden in Verbindung mit einer exaltierten und leicht artistischen Stageperformance, den Kern dieser grandiosen Combo.

Natürlich treten auch wieder Gaststars auf: der allseits aktive Namosh gibt sich wie immer die Ehre, und diesmal macht sogar Chloé (Tensified Chaos) eine gelungene Einlage als kreischende Antidiva, die durch ihre eindrucksvolle Bühnenpräsenz alle Register des provokanten Trash durchspielt. Chloé, die kanadische Inkarnation von Courtney Love, Namosh und eine talentierte Jesse Evans zaubern in einer radikalen gesanglichen Style-Melange den Höhepunkt einer manisch, intensiven & chaotischen Show.

Chloé w. Namosh, Photo by AC Horn © Dorfdisco 2005

Chloé w. Namosh, Photo by AC Horn © Dorfdisco 2005

Danach gehts weiter mit Dj-ing und ich treffe einen der Bad Kleinen Macher, der oben im Eingangsbereich wohl eine Bierflasche über den Schädel gezogen bekam. Eine böse Platzwunde beendet seinen Abend etwas frühzeitig und ich checke den zweiten Floor, der irgendetwas von Dj-Academy hatte. Sven „Rafgier” Heldenbrand und seine Freunde stehen um die Pulte herum und lösen sich gegenseitig in kürzerem Turnus ab. Auf dem anderen Floor hat Morell sogar noch einmal die Turntables übernommen und fuhr die Partystimmung bis auf Anschlag hoch bis zum Höhepunkt, wonach er abbricht und die Decks an das Rafgier Team abgibt.

In jedem Fall ein gelungener Abend der unter der Eiswüste Berlins niemanden kalt liess, und wenn ich auch keinen Vergleich zu den anderen Parties hatte, merkte ich schon an der Zustimmung dass diese nicht die Schlechteste gewesen sein kann. In dem Sinne freut man sich auf die nächste Rafgier, hoffentlich nicht erst wieder als Jubilee Party in einem Jahr!



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