PATRICK WAGNER: Wir mögen Missverständnisse


Ein Interview mit Patrick Wagner von Louisville Records

September 4th, 2007 | 2 Kommentare ...  

PATRICK WAGNER: Wir mögen Missverständnisse
Louisville Records Doppelspitze: Patrick und Yvonne Wagner, Photo: Tanja Krokos © Dorfdisco 2007

Von

Patrick Wagner :
Der smarte Konsument, also unsere Zielgruppe sozusagen, wendet sich ab und das zurecht. Lustig ist, dass total spießige Musik wie La Fee, Ärzte, Bushido, Sido, Rosenstolz usw. Erfolg haben indem sie sich ein radikales Image verpassen lassen, während smarte Acts wie Arcade Fire, Klaxons, Blumfeld, die über solche Organe wie Intro, Motor usw. vermarktet werden, für ihr naturell so poppig wie möglich erscheinen. Und Nelly Furtado klingt auf Maneater rockiger und radikaler als Peaches. Bis jetzt gibt es zu all dem keine Alternative für Leute mit Musikgeschmack. Wir steuern mit unseren Acts übrigens hart dagegen.

Dorfdisco :
Aber Alternativen “ohne Imagekorrektur” gibt es doch genug. Fehlt es nicht eher an spannender Musik, an der man sich reiben kann, die aber auch viele kennen und vor allem mögen? Vielleicht würden dann auch kleine Labels mehr Gehör finden, und sich gegenüber Major Produktionen besser abgrenzen.

Patrick Wagner :
Natürlich gibt es auch tolle Alben, die sich auch nach wie vor angemessen verkaufen. Aber natürlich müssen auch wir mit unseren beiden frischesten Künstlern (Navel, Jolly Goods-red.) nach dem großen Markt schauen, da es außer im Darkwave und Metal keine funktionierenden Szenen gibt.

Dorfdisco :
Keine funktionierende Szenen? Es gibt da Intro, Spex, Visions, Sallys, MotorFM, Karrera, Fritz, Hamburger Schule, Festivals ohne Ende, die ganze sogenannte Indiewelt und alternativ Kultur, die ist doch bis zum geht nicht mehr durchorganisiert, ausgeleuchtet, durchgekaut…

Patrick Wagner :
Mit Szenen meine ich auch viel mehr echte Menschen, die sich für etwas begeistern und über eine bestimmte Art von Musik oder Mode miteinander sprechen, und nicht Labels oder Magazine. Gleichzeitig fände ich es auch zu langweilig nur für eine bestimmte Zielgruppe zu arbeiten. Lustig ist doch immer der Moment, wenn dir deine Nachbarin sagt, dass sie z.B. das Zelt von Jeans Team toll findet, obwohl sie sonst keine moderne Musik hört.

Dorfdisco :
Also bei Jeans Team schwingt aber auch so eine alternative Gemütlichkeit mit wohl um besonders sensibel, bedächtig und erleuchtet zu wirken,ist das der große Markt? Zur Zeit sucht man doch eher nach Charismatikern, die anstatt Familie Spannung kreieren und Geschichte machen.

Patrick Wagner :
Jeans Team ist zwar eine Band von Familienvätern, genau wie Louisville ein Label von Eltern ist – das bedeutet aber noch lange nicht trautes Glück am Herd, sondern ist nur eine viel bessere Basis, radikalste Musik auf die Menschheit zu ballern. Geh mal ins 8mm in Berlin, da läuft kein einziges Stück, dass nach 1990 veröffentlicht wurde – diese Rock’n Roll Haltung und Geste entspricht ungefähr derer von Rolling Stones Fans.

Dorfdisco :
Dummerweise rührt sich in mir spätestens nach dem vierten Bier auch eine gewisse Sehnsucht nach dem 8mm. Trotzdem, wir verfolgen heute fast nur noch Normen, wie die blassen Farben des Web 2.0. Beruht alles auf der inneren Annahme, nur mit dem Etablierten und künstlerisch Vorgekautem geht was, alleine verkriechen wir uns allenfalls nach Folkistan?

Patrick Wagner :
Die Relevanz, und damit das Selbstvertrauen von Musik(ern) ist weniger eine Frage des Stils, sondern mehr eine Frage der Substanz: Im Moment setzen sich am Markt – egal auf welchem – ausschließlich Songs und Künstler durch, die sich innerhalb von 30 Sekunden erschließen. Wenn ich mir das Louisville Rooster anschaue, so muss ich zugeben, dass keiner der Künstler sich so schnell vermitteln kann – und will. Und leider verspüren wir nicht die geringste Neigung in Zukunft Fußball Songs á la Stiller oder kalkulierten Gutmensch Indierock á la Grand Hotel Van Cleef zu veröffentlichen, nur damit auch ja nichts schief geht und kein Mißverständnisse auftauchen kann! Wir mögen Missverständnisse!

Dorfdisco :
Klassiker erkennt man aber auch immer sofort. Oder hängt diese 30 Sekunden Entscheidung mitlerweile mit der normierten Kürze digitaler Vorhörfiles zusammen?

Patrick Wagner :
Mit Sicherheit liegt das daran, wie auf diesen Social Seiten Musik dargeboten wird und natürlich auch am grundsätzlichen Lebensstil. Auf Grund dieser ganzen Gadgets und der ständigen Erreichbarkeit langweilt man sich nicht mehr, und kommt kaum noch auf die Idee sich mit einem Textblatt in der Hand eine Platte 2-3 mal hintereinander anzuhören. Und von Labelseite sieht das dann so aus, dass kreative Leute damit beschäftigt sind Millionen Metadaten und Files auf tausende Server hochzuladen, bei denen dann jeweils 3 Songs herunter geladen werden. Und all diese Firmen treffen sich dann auf der Popkomm, um voreinander zu prahlen, wie viele Millionen Songs jeder hat. Was für eine Verschwendung!

Dorfdisco :
Und das spüren all jene, die sich diesem Diktat nicht anschließen wollen, dann aber auch keine Bands mehr verkaufen können und folglich eingehen?

Patrick Wagner :
Ich glaube nicht, dass Louisville Records eingehen wird. Ich habe das dumpfe Gefühl, dass wir sehr bald sehr erfolgreich sein werden, gerade weil wir uns nicht diesem Diktat unterwerfen. Oder ums mit Navel zu sagen: “Wenn wir bald sehr reich sind, haben wir was falsch gemacht und wenn nicht, hatten wir zumindest Spaß.”

Dorfdisco :
Apropo Erfolg, in Österreich hat sich gerade eine Initiative gegründet, die sich der Etablierung fairer Regeln im Musikleben und die Stärkung der Stellung von Künstlern und Hörern verschreibt. Dort sollen Musterverträge entwickeln werden und jene Musikunternehmen, die dann danach handeln, das Siegel “fair music” bekommen [www.fairmusic.net]. Wäre das auch was für Louisville?

Patrick Wagner :
Louisville Records braucht bestimmt kein Fairness Siegel um erfolgreich zu sein und unsere Verträge sind alle BioBio.

www.louisville-records.de

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Kommentare / Comments:

  1.  
    1. Höflich  

    Das kommt zwar etwas verspätet, aber:

    LOlololOL!

    “Also erstmal finde ich den Preis von 15-17 Euro für ein gutes Album ok”

    LololololololololololololLOLOLOLOL!!!!

    (Ich habe da noch diesen Bertelsmanntyp im Ohr, der während der 90er Jahre hausse so um 1996 gemeint hat, man könne für eine CD doch durchaus soviel wie für “ein gutes Buch” zahlen, also, nach seiner Rechnung, damals, so um die 50 Mark. Was nicht nur beweist, daß diese Typen sich nie Bücher kaufen (welches Buch kostet schon 50 Mark, 25 Euro, LOLage!), sondern auch wie entfernt diese Deppm von der Realität sind. Naja. Dann kamen erst die CD-Brenner, dann Napster und dann BitTorrent. LOL! Tomte sind übrigens ziemlich gut, besser jedenfalls als diese ganzen Patrick Wagner Kasperaden. Den Namen seiner Band habe ich mittlerweile vergessen, die “Cockbirds” waren auch ein schlechter Witz… Schon der Name… von den Spermbirds geklaut. LOL!

    Höflich.

  2.  
    2. Oliver Shunt  

    Die "Cockbirds" kamen auf Staatsakt raus; und wie ein schlechter Witz, in der Tat.