BLIXA BARGELD: Was ist für Sie Perpetuum Mobile?


Ein Interview mit Blixa Bargeld (und 2 Kunststudentinnen)

März 30th, 2004 | 0 Kommentare ...  

BLIXA BARGELD: Was ist für Sie Perpetuum Mobile?
Blixa Bargeld, Photo: T. Rabsch 2003

Von Monika Levinski

Die meisten Bands täuschen nur vor, Bands zu sein. Ich weiß wie der normale Arbeitsprozess bei solchen Hochglanzproduktionen aussieht und das hat nichts damit zu tun, dass sich fünf Leute treffen und etwas zusammen erarbeiten. Das ist ein vollkommen sinnentleerter und auch kreativentleerter Vorgang, der noch nicht mal mehr mit Manufaktur zu tun hat, sondern nur noch mit Herstellung von etwas. Der ja auch genau das widerspiegelt, was sich in der Musikindustrie, die keine Musikindustrie mehr ist, sondern nichts weiter als drei große globale Konzerne, die mit der Herstellung von Identität und der Vermarktung von Lebensmodellen beschäftigt ist. Die interessiert nur eine überschaubare Investition, die in überschaubarer Zeit den größtmöglichen Profit abwirft. Womit ist vollkommen gleichgültig. Ob das nun Musik oder Fashion oder Lifestyle oder Fastfood oder was auch immer ist. Und dieser Stil heißt Mainstream. Und der wird nach ganz anderen Mustern produziert. Alles andere fällt vom Tisch. Nicht, weil da jemand in der Chefetage sitzt, der das nicht gut findet, sondern einfach weil die Investoren und Anteilseigner innerhalb der Konzerne kein Interesse haben, ein solches Risiko einzugehen und jetzt diesen oder jenen Müll zu produzieren, der leider nur ganz wenige Menschen interessiert. Da wird einfach ganz klar kalkuliert.

In der Saison 2000 -das sind so offizielle Zahlen der Musikindustrie- hatten die gebündelt etwa 58.000 verschiedene Katalogtitel auf dem Markt. Ein Jahr später nur noch 28.000. Das heißt, sie verringern die Artenvielfalt von dem was sie tun immer weiter. Das ist Nichts als das Streichen von Menüpositionen, da bleibt am Ende nur noch Hühnchen übrig und dann regen sie sich darüber auf, dass keiner mehr Hühnchen will. Und die schwarzen Schafe sind die aus dem Internet, die sich dann Hühnchen runterladen.

Dorfdisco : Es war zu lesen, dass ihr mit diesem Album schneller fertig wart als sonst.

Bargeld : Ja, ich glaube das hängt ein bisschen mit dieser Überwachungssituation zusammen, bzw. damit, unter ständiger Beobachtung zu sein, weil das kreiert natürlich eine Semi-live-Atmosphäre. Die Art und Weise wie man spielt, ist konzentrierter, man will ja natürlich etwas präsentieren und das fast instantine Feedback, das man sofort zurück bekommt, hat einfach den Prozess beschleunigt. Dann kommen noch ganz triviale Dinge hinzu. Die Band ist einfach disziplinierter – wenn die Session um zwei losgeht, sind tatsächlich alle um zwei da – weil, is’ja Brotkasten. Und wir haben versucht, jeden Monat eine Übertragung anzubieten und haben tatsächlich jeden Monat gearbeitet, das würden wir normalerweise auch nicht tun.

Kunststudentin: Haben Sie schon Rückmeldungen bekommen von den Supportern?

Bargeld : Die sind schneller als die Polizei erlaubt. Die hatten das Mute-Album schon lange bevor es in die Läden kam. Aber sie kaufen es dann trotzdem. Es gibt noch einen ganz einfachen Grund, den man der Plattenindustrie zum Vorwurf machen kann. Allein für die Tatsache, dass wir dieses sogenannte D.G.-Pack benutzen, zahlt die Band. Das einzige, was die Plattenindustrie eigentlich erlaubt, ist das sogenannte Jewel-Case. Die Plattenindustrie könnte sich ihre ganzen ‘Internet ruiniert’-Quatsch sparen, in dem sie einfach haptisch ansprechende und großartige Verpackungen macht. Das ist doch genauso zu erzählen, der Fotokopierer würde den ganzen Buchhandel ruinieren. So, jetzt haben wir aber genug über die Industrie gewettert.

Kunststudentin: Ja, kommen wir lieber zur Kunst zurück. Würden Sie diesen Arbeitsprozess als eine moderne Kunstform beschreiben?

Bargeld : Ach najaaa. Man könnte es sicherlich dazu ausbauen, aber ich kann Ihnen versichern, dass das, was wir da machen, natürlich für jemand mit Breitbandverbindung und Flatrate sinnvoller ist, als für jemanden ohne. Dieses technische Handicap ist auf jeden Fall da. Aber das geht alles in die richtige Richtung. Wir ziehen jetzt um. Wiederum mit dem Geld der Supporter ziehen wir jetzt in ein neues Studio, das wir von vornherein als Fernsehstudio ausbauen. Wenn man so etwas vor der Einführung der Privatfernsehstationen gesagt hätte, hätte es keiner geglaubt – da gab es nur die Möglichkeit, Piraterie zu betreiben. Das war ja selbst bei Piratenradios noch so.

Inzwischen ist diese ganze Monopolisierung der medialen Möglichkeiten vollkommen ausgehebelt und ich kann Ihnen mit Sicherheit sagen -das weiß ich aus Insiderkreisen- das nächste große Medienerdbeben wird garantiert innerhalb dieses oder Anfang nächsten Jahres stattfinden, wenn sich nämlich plötzlich diese ganzen Broadcastingmöglichkeiten schlagartig verzigfachen. Es werden die billigen technischen Geräte auf den Markt kommen, die es jedem erlauben, in Fernsehqualität zu senden. Es dauert keine zwölf Monate mehr, bis es jedem möglich ist, von der Hochzeitsfeier von Tante Uschi bis zu sonst was alles zu übertragen. Und das wird jede Reality-TV-Show komplett übertreffen.

Aber der Punkt dabei ist die plötzliche Aushebelung des Medienmonopols und ich denke, da befinden wir uns mit den Neubauten auf dem richtigen Weg. Das heißt, wir bauen im Moment ein Fernsehstudio und wir werden in der Phase II nicht nur uns selber übertragen, sondern anfangen, regelmäßig zu broadcasten. Wir haben glücklicherweise unter den Supportern einen DVD-Produzenten, der sich bei uns gemeldet hat, nachdem wir angekündigt haben ‘wir machen jetzt eine DVD’, und der muss sich jetzt mit unglaublichen Datenmengen herumschlagen. Wir liefern dem nach jeder Session drei Kameras à zwei Stunden, plus jeweils die gebrannten CDs vom Sound. Das hätte man früher alles gar nicht selbst machen, bzw. bezahlen können.

Dorfdisco : Ich würde gerne noch über die Texte sprechen.

Bargeld : Ich habe etwas gemacht, ich habe etwas in die Welt gesetzt, dadurch dass ich es jetzt veröffentlicht habe. Dieses Etwas enthält auch Text. Ich möchte aber nicht den Text erklären. Ich gebe jedem das Recht, den so zu verstehen und so zu interpretieren, wie Sie es möchten, aber vor allem möchte ich, dass Sie sich etwas da herausziehen, was für Sie in Ihrem Leben positiv ist. Auch wenn das nur bedeutet, dass Sie es dreißig Minuten auf einer Einkaufsfahrt unterhaltsam finden.

Dorfdisco : Sie wollen etwas Positives rüberbringen?

Bargeld : Ich will durchaus etwas Positives rüberbringen. Nämlich mindestens, dass Sie sich über den Zeitraum, in dem Sie das hören, nicht langweilen. Selbst das finde ich positiv genug. Aber es gibt auch Leute, für die bedeutet das viel mehr. Es gibt bestimmt Musikstücke, die Texte beinhalten, die in meinem Leben so wichtig für mich waren, dass sie mir überhaupt nur die Möglichkeit gegeben haben, der zu bleiben, der ich bin, in dem es mir genug Schub und genug Tatkraft gegeben hat, um auf meiner Vorstellungswelt zu beharren. Das finde ich auch sehr positiv. Aber ich möchte nicht derjenige sein, der dann sagt: ‘Sagen Sie mal, John Lennon, wie haben Sie das eigentlich gemeint, als Sie geschrieben haben so und so.’ Und dann fängt der an das zu erklären und hinterher sagt man ‘Ach, so profan ist das alles’. Es nimmt nur weg – es fügt dem nichts hinzu. Der Punkt ist dabei eher – normalerweise ist das, was ich schreibe, viel hermetischer weil ich das ja auch unter Ausschuss der Öffentlichkeit tue und am Ende eigentlich nicht verletzbar sein möchte und Nichts weggeben möchte. In diesem Fall war es offensichtlich, vom ersten Kerngedanken über alle Irrtümer bis zur letzten veröffentlichten Version war es nachvollziehbar. Obwohl man natürlich das Ausdenken und Schreiben von Texten schlecht über eine Webcamera über der Schulter übertragen kann. Trotzdem war es für mich nicht notwendig, die letzte Umdrehung zu machen und zu versuchen, das am Ende noch mal zu kodifizieren um sozusagen die Vulnerability, die Angreifbarkeit und Verletzbarkeit herauszuhalten. Es ist alles mehr oder weniger autobiographisch geworden, oder zumindest autobiographischer als andere Sachen vorher, und auch zugänglicher, weniger hermetisch.

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