BLIXA BARGELD: Was ist für Sie Perpetuum Mobile?


Ein Interview mit Blixa Bargeld (und 2 Kunststudentinnen)

März 30th, 2004 | 0 Kommentare ...  

BLIXA BARGELD: Was ist für Sie Perpetuum Mobile?
Blixa Bargeld, Photo: T. Rabsch 2003

Von Monika Levinski

Ich bekam den Auftrag den gerade sehr gefragten Mentor der Einstürzenden Neubauten, Blixa Bargeld zu interviewen. Kaum dass ich mich darüber gefreut hatte, fiel mir auch schon auf, dass das vielleicht gar nicht mal so leicht sein könnte. Schon gar nicht, als ich erfuhr, dass ich dort nicht alleine sein werde, sondern mit zwei Kunststudenten der Berliner UDK die knappe Interviewzeit teilen muss.

Au weia, ich mit zwei blutjungen Kunststudenten in einem Raum mit Blixa Bargeld. Na, egal. Wir sprachen uns kurz über den Ablauf ab und ich überließ es den Studenten, den Anfang zu machen. Mit hochroten Wangen und auf der vordersten Kante des Stuhles sitzend, legten sie los. (Sorry, ich bin alt und darf zynisch sein. Zum Trost für alle blutjungen Kunst-studenten: ich wurde dafür auch am Ende des Interviews von Herrn Bargeld abgekanzelt.)
Kunststudentin: Was ist für Sie ‘Perpetuum Mobile’?

Bargeld : Perpetuum Mobile ist eine Notlösung. Notlösung insofern, als z. B. einer der diskutierten, möglichen Titel für das Album ‘Luftveränderung’ gewesen ist. Der hätte es, zumindest für die Deutschsprachigen, wesentlich besser getroffen. Zum einen hätte er den Bezug gehabt auf Ortswechsel, aber auch Klimaveränderung oder die Veränderung schlechthin. Und er hätte von vorneherein die Anspielung auf die verwendeten Luftkompressoren gehabt und die ganze Arbeit, die wir mit Luft und Gebläsen usw. gemacht haben, die auf dem Album vorherrschend ist. Das hätte mir wesentlich besser gefallen, aber wir haben es mit unseren Unterstützern ausdiskutiert und für einen Nicht-des-Deutschen-mächtigen wäre eine Platte namens Einstürzende Neubauten Luftveränderung wirklich ein echtes Hindernis geworden. Und deswegen Perpetuum Mobile. Das ist sehr leicht in irgend eine europäische Sprache übertragbar, so dass wir dem den Vorzug gegeben haben.

Kunststudentin: ‘Perpetuum Mobile’ hat ja mehrere Bedeutungen…

Bargeld : Ja, ich habe auch erst mal alles durchgegoogelt…

Kunststudentin: Ja, jedenfalls, die lateinische Bedeutung ist ja ‘das sich ständig bewegende’. Wenn man nun diese klassische Übersetzung zugrunde legt – ist das die Arbeitsphilosophie der Einstürzenden Neubauten?

Bargeld : Nee.
(lange Pause)

Kunststudentin: Warum nicht?

Bargeld : Na weil wir ja in erster Linie nicht arbeiten und dann dazwischen irgendwo zwei Jahre Pause sind, bevor wir uns überhaupt wiedersehen. Da kann man ja kaum die ständige Arbeit erkennen.

Kunststudentin: Aber wenn man es kontinuierlich über die vergangenen zwanzig Jahre sieht, die Sie nun schon zusammen arbeiten – geht es dann nicht doch in die Richtung, dass Sie sich in gewisser Weise bewegen?

Bargeld : Ich bin sicher, dass wenn Du lange genug darauf rumreitest, es gelingen wird, eine wirklich lange Brücke zu schlagen, bis der Satz stimmt. Aber ich kann es nicht sehen, dass wir seit vierundzwanzig Jahren permanent in irgend einer Form von Bewegung sind. Ich kann immer nur sehen, den Wechsel von arbeiten und irgendwas machen und dann jahrelang Nichts tun.

Ich muss ja mit jeder neuen Platte der Mehrheit der Öffentlichkeit erst mal erklären, dass es uns überhaupt noch gibt. Und die Öffentlichkeit hat ja dann noch nicht mal Unrecht, denn zwischendurch gab es uns ja nicht in dem Sinne. Als wir 2000 mit der Tournee der letzten Platte fertig waren, war es für uns gar nicht klar, ob wir überhaupt noch mal eine Platte machen oder noch mal auf Tour gehen würden. Genaugenommen war es sogar so, dass Alex sagte “So, jetzt ist erst mal Pause, jetzt ist Schluss”. Abgesehen davon war unser Plattenvertrag mit dem Erscheinen der letzten Platte auch beendet und das war also genau der Punkt wo man sagen konnte ‘Let’s call it a day’. Und das haben wir dann auch für zwei Jahre getan. We did call it a day for a couple of years.

Erst der Vorschlag von unserer Webmasterin, die die Webseite neubauten.org zusammengeschraubt hat, war der ausschlaggebende Punkt. Die Neubauten waren bis 2002 noch relative Internetnovizen und sie hat eine regelrechte Präsentation gehalten um zu zeigen, was wir denn eventuell machen könnten. Und das hat uns dann erst dahin gebracht, zu sagen ‘Ja gut, dann versuchen wir’s doch noch mal, etwas zu machen’.

Kunststudentin: Das knüpft eigentlich ganz gut an die nächste Frage an, dass nämlich ‘Perpetuum Mobile’ ja eine Utopie ist, diese Maschine, die immerzu arbeitet, ohne Energiezufuhr…

Bargeld : Bist du auch so weit gekommen bei Google, den Maxwellschen Dämon zu finden?

Kunststudentin: Nein, da war ich leider nicht.

Bargeld : Then – that’s what you have to look up.

Kunststudentin: Wie heisst das? Max…

Bargeld : Maxwell’s Deamon. Das einzig nachgewiesene naturwissenschaftliche Modell eines denkbaren Perpetuum Mobiles.

Kunststudentin: Schau ich mir mal an… Wenn man nun aber diese Utopie im Hinterkopf hat, wollen Sie wegweisend ein Zeichen setzen mit dieser neuen Arbeitstechnik?

Bargeld : Yes. Wir haben es ja nicht mit Phase I abgeschlossen. Wir haben ja lange bevor diese Platte herausgekommen ist, mit Phase II begonnen. Und die Idee in der Phase II ist tatsächlich das modellhafte, dass es ja vorher in der Phase I schon hatte, immer deutlicher zur Plattform zu verbreitern. Für die Phase III und Phase IV heisst das, dass die Neubauten immer weiter in den Hintergrund treten.

Dorfdisco : Ist nicht Phase II eine DVD?

Bargeld : Die Phase II bedeutet, dass wir eine CD und eine DVD produzieren, ja. Die hat ja auch schon begonnen.

Dorfdisco : Und das läuft auf die gleiche Weise wie bei Phase I?

Bargeld : Jein. Die Tatsache, dass es eine DVD geben wird, die bedeutet auch, dass unsere Arbeitsweise schon wieder etwas anders sein muss – also wir können das nicht mit Webcams machen, sondern müssen’s mit Kameras machen. Und der Schlusspunkt in der Phase II ist auch in der Form angelegt – bis jetzt trägt es den Namen ‘Grundstück’- dass es ein Stück ist und das an diesem Stück die Supporterteilnahme besser organisiert ist. Dass es also ein Stück mit Unterstützerbeteiligung gibt.

Dorfdisco : Also ist ‘Grundstück’ Phase II?

Bargeld : Das ‘Grundstück’ ist die ritualisierte Aufnahme/Aufführung/Konzert/Performance, die Phase II abschließen wird. Klar, dass in Phase II noch mehr passieren wird. Wir sind in der Zeit auf Tour und wir werden das auch im Netz broadcasten – bei uns heißt das brotkästen im Jargon – die nächsten Brotkästen sind nächste Woche.

Kunststudentin: Ist es wirklich zeitgemäß, was Sie jetzt machen und was bedeutet für Sie zeitgemäß?

Bargeld : Also ich bin nicht derjenige der beantworten kann, ob das zeitgemäß ist.
Kunststudentin: Warum machen sie es dann so?

Bargeld : Na, ich hab ja nicht versucht, zeitgemäß zu sein, ich versuche nur, etwas für uns Sinnvolles zu tun. Wenn Sie finden, dass das zeitgemäß ist, habe ich nichts dagegen einzuwenden, aber ich bin ja nicht da rangegangen um besonders modern zu sein. Es war ja noch nicht mal eine künstlerische Entscheidung. Wir haben uns zunächst ja auch nicht entschlossen, möglichst ungewöhnliches Instrumentarium zu entwickeln, um besonders ungewöhnlich zu sein, sondern es waren rein ökonomische Entscheidungen, die durch unsere Lebenssituation hervorgerufen wurden. Und in diesem Fall ist es jetzt auch nicht viel anders. Wir hätten irgendwann sagen können, wie gesagt, ‘we call it a day’ oder wir hätten anfangen können wieder Verhandlungen mit Plattenfirmen zu führen usw.

Dorfdisco : Also geschah es mehr aus finanzieller Not?

Bargeld : Naja, Not habe ich ja nicht, wenn ich keine Platten mache. Aber um ein neues Album zu machen hätten wir Geld gebraucht, ja.

Dorfdisco : Und so seid ihr mit dem fertigen Projekt zu Mute gegangen?

Bargeld : Jein. So war die theoretische Vorstellung am Anfang. Am Ende war es dann aber doch so, dass auch das Geld von Mute, dass wir dann auch noch obendrein bekommen haben, gerade ausreichte um das zu bezahlen, was wir machen. Wie immer. Wie bei allen anderen Platten vorher auch. Jedes Mal, wenn wir versuchen eine Platte zu machen, fangen wir damit an und rechnen und dann bleiben am Ende irgendwie 5.000 Euro übrig oder was auch immer -setzen Sie die Zahl X ein- und jedes Mal schaffen wir es, alles auszugeben. Und das ist in diesem Falle auch nicht anders gelaufen.

Kunststudentin: Um noch ein bisschen bei dem Zeitgemäßen zu bleiben, interessiert mich doch, was Sie von der Art und Weise von den Superstars und Popstars unterscheidet. Damit meine ich den Bezug zu den Medien. Denn die sind ja auch von den Medien gemacht worden und haben sich auch über die Schulter gucken lassen.

Bargeld : Das kann ich so nicht hundertprozentig nachvollziehen. Dass wir unter Anteilnahme und der Möglichkeit, dass unsere Subskriptenten dabei zuschauen arbeiten, macht es nicht zu einer Reality-TV-Show. Die gucken uns nicht dabei zu, wie wir Kaffee kochen, oder wie wir auf der Couch sitzen oder ähnlichen banalen Kram. Umgekehrt -ich habe jetzt die Sendung nie persönlich gesehen, aber ich vermute das mal- dürftest du bei ‘Deutschland sucht den Superstar’ -heisst das so?- nicht dem Produzenten über die Schulter gucken, wie er versucht, irgendwie den Humtata-Rhythmus zu kreieren. Um diesen Aspekt des schöpferischen Gestaltens öffentlich oder semi-öffentlich zu machen, muss genug Substanz da sein. Ich würde mal vermuten, 80-90% aller heutzutage noch unter dem Begriff ‘Band’ vermarkteten musikalischen Produkte könnten es sich nicht erlauben, in der Form halböffentlich ihr Schaffen ins Netz zu stellen, oder ins Fernsehen. Es wäre eine grandiose -und dabei kann man jetzt das Wort auch ganz, ganz wörtlich nehmen- EntTäuschung, wie dieses Schaffen denn in Wirklichkeit aussieht. Und deshalb hat das, was wir tun, eben auch einen modellhaften Charakter. Es bringt nämlich das, was wir da machen, wieder auf eine Stufe zurück, in der die tatsächliche Erzeugung zwar theoretisch entmystifiziert wird, auf der anderen Seite passiert aber auch das genaue Gegenteil. Da wird nämlich wieder etwas deutlich, was eben auch benjaminsche Aura hat. Das ist ja was diese Produkte nicht haben, was sie nur vortäuschen.

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