Dorfdisco : Du vertrittst die Musiker sozusagen?
Steve Morell : Irgendwo schon. Ja. Und ich halte auch an diesen Sachen fest, die macht mir auch keiner kaputt. Es dürft keiner kommen und sich mir gerade in den Weg stellen.
Weil die Zeit ist viel schneller, in der wir leben. Und die Leute müssen das jetzt tun. Weil wenn sie es jetzt nicht tun, dann gehen sie unter. Und es macht keinen Sinn einfach, diese Menschen zu halten, weißt du wie ich meine? Und es ist so wie Energie, die wird zum Schneeball, es wird zum Selbstläufer. Und gerade sind wir wirklich an dem Punkt, wo es wirklich zum Selbstläufer wird.
Wir haben diesen Vertrieb gefunden, das war früher der grösste Trance, Techno und Elektro Vertieb: Discomania („Dance aus Deutschland: Trashwelle mit … billigen Coverversionen und schlechten Vocals” – Anm. Discomania, Website). Wir waren bei denen im Office und, die waren einfach so begeistert, weil, auf der einen Seite it’s over, auf der Seite singt Goldfisch „The show must go on”. Und das raffen diese Leute auch, weißt du so, die sehen Fuck, der Typ hat so ne Energie und diese Musiker stehen komplett hinter ihm. Es ist wie so ne Wand, du kannst es nicht verneinen, dass es gut ist.
Dorfdisco : Ich will nicht verneinen dass die Sache an sich gut ist, aber manchmal habe ich meinen eigenen persönlichen qualitativen Anspruch, nenn’s Geschmack. Darüber hinaus finde ich Berlin so chronisch überveranstaltet. Jeder hat sein eigenes Fürstentum, sein eigenes Festival…
Steve Morell : Das siehst du jetzt so. Aber schau mal bitte in New York, oder schau mal in London oder in Paris oder in Tokio, da ist es definitiv nicht so. Da ist nichts mehr los. Und das spricht für diese Stadt. Das ist ein Zeichen, dass es hier passiert.
Dorfdisco : Trotzdem fühlt man sich wie auf nem Dorf im Lande. Kann es nicht auch Umkehreffekte geben, dass die Leute draußen oder außerhalb dieser Szene deshalb irgendwann die Schnauze voll haben von diesem Berlin?
Steve Morell : Das glaube ich nicht. Weil Berlin ist seit Anfang der Siebziger wo ich denken kann die Stadt gewesen wo Leute hinkommen um neue Sachen zu kreieren. Ob es Lou Reed war, der sich hier ohne Ende Amphetamine weggeballert hat und die Berlin Platte gemacht hat, seine Solo-Platte, die ausschlaggebend war für seine Solo-Karriere und er Stefanie gesungen hat, die ihre Kinder irgendwie auf nem Speed Wahn eingeschlossen hat, oder ob das später David Bowie war der Iggy Pop in den Arsch gefickt hat, keine Ahnung, es ist einfach definitiv so. Freddy Mercury hat hier Marc Bolan getroffen, und was die zusammen gemacht haben, da wollen wir gar nicht drüber reden…
Dorfdisco : Was, die haben auch?
Steve Morell : (Gelächter) – stand sogar in der Bravo. Ja, und das ging so weiter, ob das Anfang der 70ger oder Mitte der 70ger war, wo dann hier das Punk Ding neben London geboomt hat, was keine deutsche Stadt kapiert hat. Und hier entstand New Wave, Malaria, da hat Berlin hier definitiv Geschichte geschrieben, definitiv.
Dorfdisco : Hat sich Steve Morell jemals betrogen gefühlt?
Steve Morell : Betrogen? (Lange Pause) Nee, ich fühl mich manchmal ausgenutzt. Aber nicht von den Künstlern sondern, wie ich es jetzt schon wieder vor kurzem hatte, wenn du Menschen ein gewisses Potential an Freiheit gibst und du einfach merkst, Menschen können mit Freiheit nicht umgehen.
Dorfdisco : Könntest du das noch etwas konkretisieren?
Steve Morell : Also wenn hier jemand anfängt zu arbeiten, dann ist der erste Satz den ich ihm sag: tue was du willst und tue was dein Gefühl dir sagt. Aber andererseits steht da oben auch noch: A team of dedicated individuals make a commitment as one – the sky is the limit. Aber manchmal halten die nicht diese zwei Sätze zusammen oder bei manchen läuft die Kommunikation nicht, dann ist das nicht ne Frage ob ich mich betrogen gefühlt hab, sondern dann fühle ich mich ausgenutzt.
Weil betrogen oder ausgenutzt, das ist mir son Zwischending. Einfach leck mich Arsch, irgendwie. Hier kann jeder machen was er will im Prinzip und manche Leut meinen, eh, ja, ich muss ja jetzt nicht machen, weil mein Gefühl sagt mir, das und das, ist ja auch ok in dem Moment, aber, es wird sie ein anderes Gefühl wieder einholen. Das ist der andere Punkt. Das ist so ne Philosophie von mir: A team of dedicated individuals make a commitment as one – the sky is the limit. Und wenn du dich da draußen bewegst, mhm, ja, das ist wie, guiltyness ist lonelyness, wenn man sich ständig schuldig fühlt wird man irgendwann total allein sein, weil einem das jeder ansieht.
Aber es geht einfach darum, das zu akzeptieren was der andere tut. Und irgendwo den Menschen zu sehen und zu sagen hey, was ist los? Miss Yetti hat mich jetzt gefragt einen Remix zu machen. Ich arbeite aber nur mit Gitarren und Schlagzeug. Weißt du was ich meine? Das ist was ganz anderes. Und das ist schon immer in Berlin definitiv gewesen. Dass sich die Leute gegenseitig akzeptiert haben. Dass sie nicht das nieder gemacht haben was der Andere macht. Sondern sich irgendwo schätzen und dann passt es auch wieder zusammen. Dann können sich verschiedene Künstler auch von verschiedenen Genres auf einmal auf einer Platte zusammen finden.
Dorfdisco : Ich sehe hier auch einige dicke Bücher von zB. Greil Marcus, der Bands auch gerne mal hinterfragt hat. Heute muss man wohl das Muikgeschäft als solches hinterfragen. Oder darf man es nicht hinterfragen?
Steve Morell: Doch, denn das sind dann gerade die guten Fragen.
Die CD “Berlin Insane 2″ ist am 10.10.2004 auf Pale-Music erschienen.





