STEVE MORELL: Elvis is the Songwriter


Oktober 28th, 2008 | 3 Kommentare ...  

STEVE MORELL: Elvis is the Songwriter
Leck mich doch die Welt am A... , Steve Morell, Foto: Os, Dorfdisco 2008

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Wir trafen Berlins Szenepabst Steve Morell — in Rage. Im Interview spricht er davon kein Berlin Insane mehr veranstalten zu wollen, dass die Szene wütend ist, sich die Cramps wie Beethovens Neunte verkaufen und alles wieder Rock ‘n Roll ist.

Hi Steve. Du hast (mir) gesagt dass es kein Insane mehr gibt. Warum?

Es wird bestimmt wieder eins geben, aber so wie bisher geht das nicht mehr. Wenn ich hier im Office so ein Ding hochreiße, dann muss ich davon ausgehen dass ich damit Geld verdiene. Weil auch so und soviel Leute daran arbeiten, und wenn das nicht gegeben ist, dann muss ich sagen ist gut jetzt, ich hab kein Bock mehr.

Findest du nicht dass die Szene an sich kein Geld verdient?

Das ist ja der Punkt, mit Underground kannst du eben keine Miete mehr bezahlen, ich hab kein Bock mehr auf den Scheiß. Geht mir auf den Sack. Wenn die Leute nur mit ner Attitude rantreten – hier in Berlin sind die Gagen sowieso im Keller und das ist auch ok, aber ich hab keine Lust mehr, und das ist auch Label-general gesehen, es geht mir extrem auf den S.. gerade ständig für andere zu machen, und die Leute die hier arbeiten und auch ich irgendwie weiß nicht mehr wie ich meine Miete bezahlen soll, oder für den Tank 5 Euro.

Konnte man das denn vorher?

Noch besser als heute. Es liegt halt echt am Zusammenbruch der Musikindustrie…

Aber Underground hat mit der Industrie doch nicht viel zu tun, kann doch nicht sein, wenn es der Industrie gut geht, geht es auch dem „Underground” gut?

Nee, aber ohne Sponsoren geht so was nicht und dann muss man sich von denen anhören sie hätten für die Popkomm soviel hingegeben und dann, während die Popkomm läuft, sagen hätten wir euch doch mal gesponsort, das ist ja echt ein Trauerspiel. Wenn so ein Ding mache, muss ich Sponsoren greifen können wie ich will.

Kann aber auch nicht sein dass man nur von Sponsorn lebt. Dann gäbe es die Szene an sich nicht mehr.

Die lebt von der Hand im Mund, und was ich gerade sehe, es geht gerade viel mehr in Richtung Rock n Roll, und was der einzelne gerade lebt. Und der lebt gerade „wir haben keine Kohle”, und das hörst du auch in der Musik. Wenn du dir Call Me an Ambulance oder die 3 Girls An Experiment On A Bird In The Air Pump, die aus London rüberkamen und jetzt hier rumhängen, ansiehst, das hat soviel Tiefe und Frustration, das war vor Jahren nicht. Es ist kein Elektro oder Elektropunk mehr, Elektro ist noch, klar, auch, aber, jeder der noch vor 4 Jahren mit ner Backing CD performt hat, wird es heute nicht mehr bringen, weil es kein Mensch mehr sehen will. Damit müssen sich die Leute mal auseinandersetzen die auf so ein Event gehen, dass du wenn du ne Band hast, du gleich vier der fünf Leute werden. Einem einzelnen Act mit ner Backing CD kannst du so oder soviel geben, aber wenn du ne ganze Band hast, dann hast du Anfahrtskosten, und wenn’s nur vom Proberaum ist, die können nicht einfach mit ner CD kommen.

Schön, wie früher?

Ja wie früher, und da geht es auch gerade wieder hin. Und ich glaube das war dies Jahr auch so, die Leute haben eher erwartet dass es wieder viel Elektropunk, Elektrorock ist, das war es aber nicht. Wenn du eine Band hast wie Atelier Theremin, die schon mal ne Stunde braucht nur mal zum aufbauen, weil sie soviel Kram hat, und dann purer Krautrock ist, dann verstehe ich das dass n Arsch voll Kids das nicht verstehen. Und wenn man sagen kann, dass zwei Drittel extrem Gitarren orientiert sind dieses Jahr, dann haben das viele vom Publikum nicht verstanden.

Hat das Publikum nicht verstanden?

Auf jeden Fall. Die, die da waren, haben es auch verstanden, viele die da waren aber auch nicht. Viele die da waren haben wieder dieses Elektropunk Ding erwartet, das ist einfach nicht mehr in Berlin. Es hat mich so viel Kohle gekostet dieses Jahr, es haben 450 zahlende Gäste á 20 Euro gefehlt um auf Null zu kommen, da kannst du dir echt vorstellen, da hast du kein Bock mehr.

Heißt das jetzt du machst keinen Insane mehr, oder unter denselben Bedingungen machst du keinen Insane mehr?

Ja unter diesen Bedingungen mache ich kein Insane mehr. Und ich weiß auch nicht ob es nächstes Jahr eins geben wird, da müsste ich jetzt direkt wieder anfangen.

Aber du hattest doch Sponsoren, bekannte Medienpartner, usw,

Medienpartner geben dir kein Geld. Die einzigen die wir hatten war Bacardi, die hatten uns Freiwaren gegeben und ein bischen Geld. Aber auch nicht soviel, als dass du davon ne Volksbühnen Produktion bezahlen kannst.

Bei über 30 Liveacts ist aber auch gut auf Kredit geplant, oder nicht?

Nene, die Acts das war alles ok, die haben auch alle, weil sie spielen wollten für, sagen wir mal, Minimalgage gespielt. Aber die Produktion in der VB an sich war zu teuer. Und das geht nur wenn du fett Sponsoren hast. Und weil die dieses Jahr knapp dran waren wollte ich den Event vorher schon komplett wieder absagen. VB hat dann gesagt nee, jetzt ist es angekündigt und jetzt musst du irgendwas machen, und in der Folge wurde dann das Line-Up noch einmal komplett rumgedreht, innerhalb einer Woche komplett neu zusammengestellt.

Und es ist einfach zuviel Stress für zuwenig Geld. Muss ich einfach mal so hart sagen. Ich hab Leute die auch Geld brauchen, Morell braucht ab und zu auch ein bischen Geld, und davon lebt den halt niemand. Und wenn du dann zwei Monate an son Ding arbeitest, was sehr kurz ist eigentlich, also nachdem wir gesagt haben wir machens doch, hatten wir noch 1 ½ Monate, und das ist einfach viel zu kurz, und wenn dann 450 Leute fehlen, hast du danach echt kein Bock mehr. Wenn du mal hochrechnest mal 20 Euro, da bist du mal echt am Arsch.

Oder heißt das vielleicht dass die Namen nicht genug ziehen? Dass sie entweder zu unbekannt oder nicht gut genug sind? Es gibt ein paar Ausnahmen die persönlich auch sehr schätze, aber manche sind auch sehr ihre eigene Nische..

Du darfst nicht vergessen, wir leben am Anfang eines neuen Jahrhunderts, neuen Jahrtausends, noch dazu kann man das auch im Zusammenhang mit der Musikindustrie sehen, man darf nicht vergessen, immer am Anfang eines Jahrhunderts gab es in der Geschichte eine kulturell als auch eine technische Revolution, war vor hundert Jahren auch, also der Bauer hat halt auch…

Ehh… bedeutet doch nicht dass deswegen die Kunst schlechter war, schau mal die Zwanziger…

Wir sind aber noch nicht in den Zwanzigern, wir sind noch in dieser Zwischenphase, wir stehen am Anfang eines neuen Jahrhunderts. Da wird erstmal zurückgegriffen auf bewährtes das vermischt wird mit Neuem. Wir haben in den letzten sieben, acht Jahre eine Phase durchlebt, wo erstmal alles zusammengewürfelt wurde, aber irgendwo entsteht auch gerade was Neues.

Wo?

Es brodelt gerade in den Kellern, teilweise sind sie noch nicht soweit zu spielen, teilweise ist es aber auch so, da spielt der Zusammenbruch der Musikindustrie dazu, dass ne Kellerband, die gut ist, eigentlich gar nicht mehr weiß was sie mit ihrer Musik überhaupt machen soll. Sie kann sie nicht verkaufen, weil es keine Labels mehr gibt, weil alle Labels pleite gehen.

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Kommentare / Comments:

  1.  
    1. nona  

    komme gerade zufällig mal wieder vorbei und muß da jetzt mal reingrätschen:

    Ich hatte mich sehr gefreut auf insane und dort insbesondere (altersbedingt) die dernier garde – mona mur etc. Ich habe es dann kurzfristig wieder gestrichen weil mir diese pseudo-bohemien-Zeitplanung (nicht nur pale, aber pale meistens) echt auf den Senkel geht:

    Nirgendwo standen die konkreten Zeiten; ich habe diese gottseisgedankt (apropos …getrommelt hätte ich auch gerne nochmal gesehen) kurz vorher per email bei pale angefragt und war ENTSETZT.
    Ich bezahle mit Mitte 40 + “straight edge” (= ohne die Gnade wachhaltender Substanzen) nicht 20 EUR plus eine Woche Regenerationszeit für ein in Berlin stattfindendes Festival, das trotz Kapazität (stattdessen Filmvorführungen im großen Saal!) von vornherein um 00:00, 1:00 BEGINNT. Da hätte man ja vielleicht die Konzerte auch nach vorne legen und die DJ-Geschichten und hippe Hüpfer nach hinten.

    Und ich muß noch nicht mal jeden Tag früh aufstehen sondern nur einige wenige.

    = Wenn Ihr partout alle Leute ausschließen wollt, die auch am Tag ein interessantes Leben führen (wollen), heult hinterher nicht rum! ];->

    ciao
    NoMy

  2.  
    2. Rosi  

    Etwas spät, aber heute erst gelesen und deshalb auch mein Senf zum Interview:
    Kann mich nona nur anschließen; ich war allerdings da. Fragte mich als 40+ :-) aber auch, was das soll, warren suicide (derentwegen ich hin bin) um 4:00 Uhr antreten zu lassen – in der Gewissheit, dass ich 3 h später wieder meinen Spießer-uncoll-antikreuzbernixprenzlbergmittagserstenkaffee-Job antreten muss. Wieso ging das nicht zu einer zivilen Zeit?
    Ärgerlich auch, dass es die Abend-CD angeblich nur vor Ort gab – ich hab nix gesehen … dafür wird dann ja auch nicht mal meine E-Mail an Pale wg. dieser CD beantwortet, für die ich gerne 15 Taler auf den Tisch gelegt hätte ….(es gibt Leute, die Eintritt zahlen und wissen, wie ihr alle rumkrepelt …).
    So, Ärger off. Zur Sache:
    Dass Gejammere verstehe ich. Aaaber: Wer nicht in Eurer Szene verankert ist – und das meine ich jetzt genau so – erfährt auch schlichtweg nichts von solchen Veranstaltungen. Ich habe danach in der Firma davon erzählt, wie gut ich es fand. Meine Kollegen – alle musikinteressiert – meinten, ach, hättest uns mal mitnehmen sollen. Ihr leidet nicht unter dem Kollaps der Musikindustrie, sondern an dem totalen Überangebot in Berlin (… wer soll noch zu all den Konzerten gehen?) und dem grottenhaft miesen Marketing, dass der Anfang von allem ist. Wenn ihr von euren Aktivitäten leben wollt, müsst ihr zum Kunden. Ich als 48jähriger, der sich wie viele andere in meiner Generation für “junge” Musik interessiert, erfahre aber von 99,9 % der Sachen nix, weil ich keinen Zugang zu eurer Szene habe und scheinbar es auch ohne diesen Zugang nicht geht. Wenn ich weiß, was abgeht, gehe ich auch gerne hin und zahle brav Eintritt. Wenn ich aber “tote” hp’s wie die von Pale oder sonstwas durchforsten muss, geht das einfach nicht. Auf insame bin ich auch nur gekommen, weil ich im Sommer auf MotoFm warren suicide kennen lernte, über deren myspace vom insame las u.s.w. … So kann das aber nicht funktionieren … Entweder rauß aus dem selbstgeschaffenen Ghetto oder im Übungskeller bleiben … Ich weiß, dass ist bitter, aber anders geht es eben nicht.
    Schönes neues Jahr

  3.  
    3. Oliver  

    Hi Rosi,
    wir können nicht mehr als Bands und Veranstaltern unsere Möglichkeiten wie ZB. freier Eintrag im Kalender, anbieten. Wenn davon nicht Gebrauch gemacht wird, können wir denen nicht extra nachlaufen, obwohl wir selbst das manchmal tun. Im Fall von Insane zB. hatten wir umsonst Banner geschaltet und Vorabmeldungen geschrieben. Mehr geht leider nicht.
    (bzw. lesen dieses interview mit einem renommierten konzertveransalter: http://www.kb-k.com/HTML/ueber%20uns.htm > “Macht heut nacht München zu”)

    Dass Dorfdisco (“Eure Szene”) an sich nicht so bekannt ist liegt auch daran dass Dorfdisco kein Umsonst-Werbeblättchen auf der Treppe zu deinem Club sein kann und sein will. Im Netz will man entdeckt werden, wer dies tut kommt auch wieder zu uns zurück. Danke* OS.