MONA MUR: der Funke ist wieder da


Mona Murs künstlerische Wurzeln liegen weit zurück: Anfang 80 formiert mit FM Einheit, Marc Chung, Alexander Hacke (alle Einstürzende Neubauten) und Gode B von Front, wurde die erste Platte plötzlich Single of the Week im NME. Zwei Jahre später spielt Mona Mur bis zu ihrer Auflösung ganz im Zeichen der 80er mit Lärm, Härte und Feuer. Erst ihr Beitrag zu Fatih Akins “Gegen die Wand”, und der darauf folgenden Compilation “Into your Eye”, ruft sie wieder ins Bewusstsein. Im Februar 2005 feiert Mur im Rahmen einer Retrospektive einen großen Abend, und seitdem ist der Funke wieder da. Wir befragten sie nach Motiven und dem aktuellen Status Quo ihrer Karriere.

Februar 8th, 2009 | 0 Kommentare ...  

MONA MUR: der Funke ist wieder da
Mona Mur & En Esch, Photo: Jan Riephoff

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Dorfdisco: Hallo Mona, demnächst kommt eine neue CD, 120 Tage – The Fine Art of Beauty and Violence von dir und En Esch, raus, nach Jahren langer Pause. Wie fühlt man sich dabei?

Mona Mur: Ich bin fasziniert davon. Eigentlich kann ich alles nach wie vor nicht so glauben, weil ich es weder intendiert hatte, vorher nicht gedacht „du musst ein Come Back haben mit diesen Songs”, oder da anknüpfen, nichts dergleichen, ich habe es nur nicht verhindert. Wenn Dinge sich ergeben, dann klopf auf alle Hölzer, wir gehen mit dem Fluss, go with the flow.

Dorfdisco: Wie kam es dazu?

Mona Mur: Ursprünglich auf den Gedanken gekommen bin ich vor drei Jahren auf der Release Party von Berlin 80s, als wir dort extra für den Abend in einer etwas abgewandelten Besetzung noch mal fünf Stücke spielten. Seitdem ist der Funke wieder da, oder das Feuer, die Glut, der Brand.

Dorfdisco: Hättest du da schon gedacht, dass es noch mal eine neue CD gibt?

Mona Mur: Damals? Überhaupt nicht. Aber En Esch und ich arbeiten jetzt seit zwei Jahren zusammen. Und erst war auch noch Nikko Weidemann aus der zweiten Besetzung (Mona Mur / 1984) mit dabei, auch bei den Aufnahmen. Erst als es dann anfing gut zu laufen, sagte Nikko, dass er lieber seine Solosachen vorantreiben möchte, wofür ich jedes Verständnis hab, es trotzdem bedaure. Dadurch arbeiteten Esch und ich noch konzentrierter zusammen, so dass das ganze Projekt nun auch so heißt. Das hier ist jetzt Mona Mur und En Esch, weil es  aufgrund dessen, was gelaufen ist die letzte zwei Jahre, verdient so zu heißen.

Dorfdisco: Ihr habt auf 120 Tage einige alte Stücke neu eingespielt, aber auch neues Material geschrieben?

Mona Mur: Neu sind Candy Cane, Vision and Lies, The Wound, und das schöne The Thin Red Line, das ist ja mein Favourite. Obwohl, ich liebe sie ja alle. Die haben wir, also Esch undich zusammen geschrieben und produziert. Und das ist das erste Mal, dass ich mit einem Herren im Duett sing, das hat niemand geschafft, bis jetzt!

Dorfdisco: Du meinst Esch?

Mona Mur: Ja, der Mann hat eine umwerfende Art musikalisch zu sein. Esch ist zum Beispiel studierter Orchesterpercussionist – unter anderem. Ich kannte seine Band KMFDM in den 80ern aus Hamburg… zauberhafte süße Jungs, die für ein Mona Mur Konzert eröffnet hatten, dann aber in die USA gingen und dort ein lange Zeit sehr erfolgreich wurden. Die waren damals mit Ministry auf Tour, was der Durchbruch der Industrial Szene in den USA bedeutete, die sich dadurch formierte, kann man eigentlich sagen. Also Ende 88/89. Und dann hat Rammstein für die eröffnet in den USA, haha!

Dazu zählte übrigens auch Nainz Watts, der damals Mona Mur Sound Engineer war, und danach seinen Coming Out hatte als PIG, und teilweise auch als PIG mit KMFDM arbeitete. Als ganz junger Typ hat er auch Psychic TV auch gemischt, und Neubauten … Jedenfalls, den hab ich neulich auch getroffen und jetzt versuchen wir Watts auch wieder zu reanimieren sprich als Mona Mur, En Esch plus Herrn Watts wieder etwas auf die Beine zu stellen, das wäre sehr schön.

Dorfdisco: Schlagzeug?

Mona Mur: Als Schlagzeuger haben wir jetzt Johann Bley, der vormals bei den Zimmermännern getrommelt hatte, und Ledernacken, Holger Hiller, Große Freiheit, später mal unterwegs mit Juno Reaktor oder mit Killing Joke Tracks produziert, um anschließend in Goa Trance zu produzieren. Aber ich muss sagen, nach dem Konzert mit Herrn Bley will man nur noch das haben. Ist einmal die dritte Dimension, zweitens so ein anderer Druck, das macht das Ganze lebendig, lively, kein Vergleich. Und drittens ist Bley auch noch ein alter Freund von mir auch Esch. Bley hat soagr mal ne KMFDM Tour mit gemacht, eine unglaubliche Verstrickung ist das.


Mona Mur, Snake, 1985

Dorfdisco: Zurück zum Release, darauf finden sich auch einige Werke von Berthold Brecht und Kurt Weill, drei um genau zu sein.

Mona Mur: Surabaya Johnny, Der Song von Mandelay und Die Ballade vom Ertrunkenen Mädchen. Das ertrunkene Mädchen hatten sie uns vor einem Jahr verboten zu veröffentlichen, kategorisch ausgeschlossen, ich darf es weder aufnehmen noch live aufführen. Die Universal Edition Wien ist da die erste Station, die das verwaltet, und ich fragte Warum, warum – weil wir das restriktiv handhaben, war die Antwort, das gehört zum Berliner Requiem, das gehört zu einem ganz anderen Kreis als Surabaya Johnny oder Mandelay, das sind die populären Stücke. Das darf jeder so machen, das heißt, bis zu fünf, mehr auch nicht.

Ich hätte es also nicht veröffentlicht, trotzdem war ich verzweifelt, auch weil Ingo Krauss es schon gemischt hatte, weil, wir hatten es natürlich mit aufgenommen gehabt, weil ich hab so an mein Glück geglaubt und gedacht, das geht irgendwie, die kann man irgendwie überreden, mit der schieren Qualität überzeugen…

Ich habe dann, ich dachte, das gibt’s doch nicht, ich muss noch was versuchen. Und ein Freund von mir ist Theaterregisseur in Frankreich, und der hat Anfang der 80er den Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny aufgeführt, und zwar mit elektronischer Instrumentierung. Und das darfst du auch nicht. Da wollten die die Aufführung per einstweiliger Verfügung stoppen, und da hat er sich an die Kurt Weill Foundation in New York gewand, da thront noch eine Übergeordnete Stelle, das wusste ich gar nicht, so mit President und Vice-President, und das ist eigentlich der eigentliche Gral, der Ort des Weillschen Grals.

Und da gab es eine Frau, Carolyn Weber, 1983, an die hatte er sich gewand, und aus irgendeinem Grund – par ordre de moufti – heißt das, glaube ich, mit einem Federstrich, ok, du darfst. Und übrigens Hans-Peter Cloos, der Regisseur, das ist der Grund warum ich diese Stücke überhaupt singe, weil ich zwei Wochen lang auf den Proben für dieses Theaterstück gesessen habe, und diese Songs in diesen entstaubten, schicken Fassungen gehört habe, und gedacht, wie geil ist das denn, ist ja Wahnsinn. Und da hat er mir gesagt, versuch es doch mal da, und die Frau von damals, 1983 wohl bemerkt, hab ich geguckt und ach, guck mal an, Frau Weber ist ja immer noch dabei. Und dann habe ich mich an einem guten Tag hingesetzt und einen langen Brief geschrieben, und dazu habe ich Surabaya Johnny, das Mandelay, 120 Tage und Mon Amour, die waren ja schon fertig die Songs, gepackt, und Here is to prove my competence, and I find it frustrating to see Mr. Kurt Weill being put into a fucking museum, also fucking habe ich natürlich nicht geschrieben, und not in the middle of 2008, where his songs belong, and Im desperate about this decision und so weiter, und so fort. Da kam erst keine Antwort, bis drei Wochen später ein Brief von der Universal Edition Wien eintraf, und ich so, eh, was ist das denn schon wieder, was wollen die denn schon wieder, ich will das gar nicht sehen, das ist wie Finanzamt, ich hab Angst vor denen, und dann pack ich das aus, und lese so, hier ist ihre neue Bearbeitungsgenehmigung, vernichten sie die Alte, dann glotz ich da drauf und dann steht da kommentarlos Die Ballade vom Ertrunkenen Mädchen mit drin.

Dorfdisco: Und jetzt…

Mona Mur: Ist es so, du darfst es nachspielen, nach Noten, und zwar, ich glaub mit Cello, Klarinette usw., die Instrumentierung darfst du nicht verändern, und es gibt von David Bowie eine Version auf englisch so Drowning…, ich glaube Meret Becker hatte mit Klavierauszug mal was gemacht, was ja auch seine Berechtigung hat, und jetzt kommen wir. Das ist für mich, ich wollte, ich sprang, ich schrie, ich hab mich gegeißelt, ich rollte übern Fußboden!

Und ich hab Frau Weber per E-Mail gesagt Danke, Danke, Danke, Danke. Wir sind außer uns, wir sind gerührt… . Und dieses Stück, dieses Berliner Requiem, geht ja über den Tod, ist ein Zyklus über den Tod, und der Song handelt unter anderem auch von Rosa Luxemburg, die tot den Landwehrkanal hinunter schwamm, nachdem sie von rechtsradikalen Killertruppen erschlagen wurde. Das Lied erschien 1928 zum 10-jährigen Todestag von Rosa Luxemburg, da ist schon ein Respekt vonnöten, aber ich finde trotzdem, dass es an der Zeit ist dass es mit modernen Mitteln mal angefasst werden darf.

Dorfdisco: Nach der CD ist vor der CD. Woran arbeitet ihr gerade?

Mona Mur: Wir machen jetzt gerade eine russische Version von 120 Tage, und die kommt in ein Game, und Esch und ich, wir werden gerade als 3D Gamecharacter modelliert! Wir sind die Band in einem Spiel namens Culpa Innata 2, das übersetzt heißt Die Erbsünde 2. Das ist ein Abenteuerspiel von Entwicklern aus Istanbul, und der erste Teil war sehr erfolgreich in Russland. Wir sind als Figuren da drin, ich habe uns auch schon gesehen und, es ist herrlich.

Dorfdisco: Warum handelt es sich in dem Spiel?

Mona Mur: Also das Spiel, bei dem ich auch die ganze Musik bin, geht so ein bisschen in die Richtung von Brave New World von Huxley, es gibt da so eine Weltunion, die von einem Konzern beherrscht wird, und es gibt diese Schurkenstaaten mit Russland, China und Indien, wer soll es sonst sein, und in diesem Culpa Innata gibt es eine Schurkenbar, da drin spielt eine Band, das sind wir.

Dorfdisco: Wie kamen die auf Euch?

Mona Mur: Ich hatte in dem ersten Teil für die deutsche Version eine Rolle gesprochen, da bin ich Chief Dagmar Morson von der Einwanderungsakademie, wo ich immer nur sage: sie werden das Ganze noch mal gründlicher recherchieren, wegtreten – haha! Das war ein wunderbarer Job, und darüber habe ich die Leute kennen gelernt, die Produzentin Laura McDonald. Wir haben uns sofort gut verstanden, und sie hat meine Musik gehört, und hat gesagt, hier, das wird die Musik für Teil 2, und diesen alten Song von mir, die 120 Tage, den musste sie unbedingt haben.

www.myspace.com/monamurenesch

Mona Mur & En Esch Record Release Show zu 120 Tage – The Fine Art of Beauty and Violence findet statt am 20.2.2009 im Live at Dot, Falckensteinstraße 47.



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