Später kam sogar noch Gitarrist Frank Behnke (Mutter) dazu…
Harry Rag: Frank ist ein alter Freund, wir haben zusammen Film studiert. Als ich 85 zu den Dreharbeiten von David Lynch nach New York eingeladen wurde, also ich hatte kurz vorher nasse Füße gekriegt für drei Monate alleine nach Amerika zu gehen, da hab ich ihn gefragt und er war sofort dabei. Klar, David Lynch war unser Held. Wir sind dann zu zweit gefahren.
David Lynch, wie kam es dazu?
Harry Rag: Ich hab Lynch angeschrieben. Ich würde ihn gerne ein Jahr lang beobachten und dann über ihn ein Buch schreiben. Das Buch sollte „My Lunch with Lynch” heißen – (lacht), Das ging erst ein bisschen hin und her, und irgendwann hat er einen Brief geschrieben – Now is time, come over, in zwei Monaten fangen wir an zu drehen. Da ging alles ganz schnell. Ich war damals auf der DFFB und hatte mich für die Aktion ein Jahr beurlauben lassen, und als das Jahr fast rum war hat er mich eingeladen. Aber die drei Monate haben auch gereicht.
Und wie kam es dann dazu Filme zu drehen?
Harry Rag: Ich hatte in meiner frühen Jugend immer eine große Affinität für Malerei, und hatte darüber auch ein Faible für Filme entwickelt. Fassbinder Filme oder Godard fand ich Klasse, oder Schauspielerinnen wie Stéphane Audran usw. Das verschwand dann ein bisschen mit der Punkzeit, da war dann nur noch Musik. Ein paar Filme auch, „Blade Runner” und „Brazil” und so was. Dann habe ich aber gemerkt, dass ich innerhalb von SYPH die Rolle/Funktion des Organisers/Managers hab, ich hab die Platten zusammengeschnitten, ich hab die pressen lassen, ich hab die Rechnungen bezahlt, ich hab die Konzerte organisiert und, und, und. Ich machte das ganze Image mehr oder weniger, ich war der Hauptarbeiter für diese Band und die anderen haben die Musik gemacht. War auch ok, aber ich hab dann gemerkt, dass wenn mir was liegt, dann ist das in Anführungsstrichen das „Organisieren von Gefühlen”. Womit ich meine das Zusammenbringen von verschiedenen kreativen Elementen zu einem Ding. Und da hab ich mich gefragt, wo wird das am meisten benötigt, und wo kann man das am besten entfalten, wenn man so ein Talent hat? Da hab ich gedacht, Film, da kannst alles zusammen bringen, also Fotografie über Malerei zu Musik, Bild und Text. Film bündelt genau dieses Talent, und deswegen ich mich bei der Filmschule beworben.
Du lebst heute in Ljubljana?
Harry Rag: Ein Freund hatte einen Film über Slowenien gedreht. Wir hatten eine slowenische Mitarbeiterin gesucht, die uns übersetzt, und dann hab ich sie kennen gelernt. Wir haben uns verliebt, sie bekam bald ein Kind und dann haben wir geheiratet.
Kompliment. Und mit deinen Filmen, was kam dann?
Harry Rag: Für meinen Abschlussfilm hatte ich nicht viel Geld, und da war gerade diese Krise in Duisburg-Rheinhausen, als sie das Krupp Stahlwerk niederlegen wollten, 1987. Ich dachte machste nen Film darüber. Das war im Grunde genommen ein Dokumentarfilm, der aber wie ein Traum- oder Psychofilm geschnitten war. Daraufhin hat mich der Leiter der Duisburger Filmwoche gefragt, ob ich nicht Lust hätte einen Film über die DDR zu machen, und zwar in dieser Art, wie du diesen Kurzfilm gemacht hattest, es war ja gerade die Mauer gefallen. Er hatte mich dann mit dem WDR Redakteur Werner Dütsch zusammengebracht, der damals die große graue Eminenz im Dokumentarfilmbereich war, und der hat das dann finanziert und dadurch bin ich dazu gekommen meinen zweiten Dokumentarfilm zu machen, also nach dem David Lynch Film. Und der „DDR ohne Titel”, der war relativ erfolgreich. Danach hab ich einen über die Transsibirische Eisenbahn gedreht, weil ich wollte immer mal nach Russland, der war dann vollgepackt mit Musik. Uwe von S.Y.P.H., Chrislo Haas, Hacke zum Teil auch mit drin, auch die Band Rausch oder Christian Graupner, der auch gestern da war. Das ist 90 Minuten lang Musik, da fing ich an auf Filmmusik Bilder zu schneiden, wobei die Bilder nur dokumentarischen Charakter haben.
Später habe ich dann filmische Portraits von Musikern die ich verehre gemacht, Lee Perry, Sex Pistols, Gary Lucas, der Gitarrist von Captain Beefhart, Jeff Buckley und zig anderen. Oder Damo Suzuki von Can, wie er zum ersten mal nach Amerika fährt. Das sind so meine fünf-sechs liebsten Filmchen, weil die bringen wieder meine beiden Sachen zusammen, nämlich Musik machen und auch Musik schneiden, und zugleich Leuten nahe kommen, die ich verehre, die ich gut finde. Dann entstehen die Filme auch beim Drehen. Es ist nicht so, dass ich da von vornherein fest gelegt bin.
Worin liegt denn der Unterschied zum Musikvideo? Liegt das nahe oder nicht?
Harry Rag: Also, das klingt vielleicht etwas vermessen. Wenn man will, waren meine ersten Filme Musik oder Videoclips bevor es Videoclips gab. Das hatte 82 angefangen, da ging MTV auf Sendung, und man sah die ersten Videoclips. Aber zur selben Zeit hatte ich schon welche gemacht. Und zwar hatte ich einfach Bilder auf Musik, die ich gut fand, gesetzt. Die Musik war quer durch den Garten, Jim Croce´s „Old man River” oder ein Punksong. Ich hab alles benutzt und bebildert. Das hat sich dahin gesteigert, dass ich mit „Der Wunderbare Mandarin” von Bela Bartok ein klassisches Werk verfilmt habe. Mit Campino, Frieder Butzman, Uwe Jahnke als Darsteller, Mike Hentz von Minus Delta T, alles nur Musiker. Und der war so gut geworden, dass die Erben von Bela Bartok dies zur Ausstrahlung freigegeben hatten. Das lief dann auf Arte, 3Sat, ZDF, wurde sechs, sieben mal ausgestrahlt. Weil „Der Wunderbare Mandarin”, – als ich das Stück gehört hab, dachte ich, das ist ja „Sister Ray” in Klassik, das ist der absolute Hammer das Stück. Das ist verrucht, fetzt und kracht, das ist Rock ‘n’ Roll was Bartok da gemacht hat.
Darin ist dann die Bearbeitung von Musik und Bildern kulminiert, das war der Höhepunkt sozusagen. Der Unterschied zwischen Film und Videoclip liegt darin, dass dies Filme sind, Bilder zur Musik, und deshalb kein Videoclip. Weil ich versuche mit den Bildern eine Geschichte zu erzählen, die zu der Musik eine neue Ebene addiert, was der normale Videoclip nicht hat. Und Musik ist die einfachste Methode Bilder zu bündeln. Das haben die Videoclipleute ganz schnell begriffen. In dem Moment wo du Musik einsetzt, funktioniert alles. Damit kannst du es spannend machen, du kannst es lustig machen, oder absurd, ist ja nichts besonderes, aber für mich war das die Einstiegsmethode um zu begreifen wie Film als Ablauf von Bildern funktioniert.
Apropos Bilder. Auf der S.Y.P.H. Webseite gibt einen Menupunkt namens Zukunft. Dort sieht man eine Landschaft mit wilden Blumen, darunter eine Katastrophencollage, mit einer leicht bekleideten Frau, die sich sonnt.
Harry Rag: Das ist eine Online-Spielerei gewesen. Ich habe mir andere Homepages angeguckt und da gab es als Menupunkt „Zukunft” oder „nächste Projekte”, und da mir dazu nichts einfiel, dachte ich mir, stellst du einfach ein Bild dahin, die mir gefallen, die ich auch selber gemacht hab. Das ist einmal Natur, als meine Zukunft und dann die Collage. Das waren nur Einzelteile von einer Collage, die ich mal machen wollte. Die hatte ich alle in so einer Klarsichthülle gesammelt, und die lagen zufällig in dieser Konstellation zusammen, so hab ich die auf den Scanner gelegt. Wenn ich die Klarsichthülle geöffnet hätte, wären sämtliche Einzelteile des Bildes auseinander gefallen. Das ist also nicht geklebt, das gibt es nur als Scan.
Teil 2 “Da könnte man ja Skat spielen”: Harry Rag zu Zurück zum Beton, Viel Feind Viel Ehr, SO36, mehr..







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