S.Y.P.H.: Da könnte man ja Skat spielen


November 30th, 2009 | 1 Kommentar ...  

S.Y.P.H.: Da könnte man ja Skat spielen

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Einen Tag nach dem erinnerungswürdigen S.Y.P.H. Konzert am 30.10.2009 in Berlin traf es sich mit  Sänger und Texter Harry Rag ein Interview zu bekommen, im HAU2, das aber voll besetzt war. Stattdessen setzten wir uns nach draußen und sprachen in Eiseskälte über eine Stunde lang über den Werdegang von Peter Braatz a.k.a Harry Rag, und wie bei S.Y.P.H. Musik funktioniert. Hier die so gut wie ungekürzte Fassung, weil es eigentlich nichts zu kürzen gab.

Hallo Harry. Du bist gestern ja seit langem mal wieder aufgetreten, wie war’s?

Harry Rag: Ich war sehr angespannt und auch sehr aufgeregt, weil es hat sich alles unheimlich hingezogen. Die Soundchecks haben ewig gedauert und es hat auch zwei Stunden später angefangen als wie es sollte. Das führte dazu, dass ich von kurz nach 15 Uhr bis 4 Uhr morgens in dem Laden verbracht habe, also 13 Stunden. Und in den 13 Stunden konnte ich nicht richtig feiern oder tanzen oder mir Musik anhören, weil ich ja meinen Auftritt noch vorhatte. Und mein Auftritt brauchte, sag ich mal, eine gewisse Explosion von Kreativität oder Ideen, mit anderen Worten, ich musste da was bringen.

Hast dich aber schwer ins Zeug gelegt, also, hätte ich so nicht erwartet..

Harry Rag: Ich konnte mich ja nicht einlassen auf irgendwelche Stücke die wir gelernt haben, sondern ich musste mich darauf verlassen, dass ich in dem Moment, wenn es passiert, einen genialen Einfall kriege oder sonst was. Deswegen war ich unter Druck und angespannt. Um diese Anspannung zu lindern hatte ich am Ende von Doc Schokos Konzert, das heißt, wo ich dachte, das wäre jetzt zu Ende, einen Whisky getrunken. Dann kam das Konzert aber nicht zum Ende, und dazu die Umbaupause, auf einmal war ich ziemlich angetüdelt.

Ich fand das authentisch. Hast dir teilweise die Seele aus dem Leib gebrüllt..

Harry Rag: Ja, also, auf  Tour würde ich schon mehr haushalten mit meine Kräften, da würden sich ja auch Stücke oder Herangehensweise herauskristallisieren. Gestern würde ich natürlich nicht jeden Abend machen. Das war einmalig.

Wie kam es dann zu dem neuerlichen S.Y.P.H. Konzert, ihr hattet ja länger nichts mehr von euch hören lassen, oder ist dies falsch?

Harry Rag: Also wir haben die Hoffnung nicht aufgegeben ab und zu auch noch mal Musik machen zu können. Und da ist eigentlich ein Anlass immer Grund genug um es dann realisieren zu können. Bei diesem Konzert war der Anlass Schoko’s neue Platte, den wir alle sehr verehren und schätzen, das nun schon so weit geht, das Jojo und Uwe fester Bestandteil seiner Band inklusive Platte geworden sind, und ja, dass Doc’s Platte (Schlecht dran, gut Drauf – Red.) endlich nach drei Jahren rauskam. Er hat lange ein Label gesucht, was schwierig geworden ist auf diesem Indiemarkt überhaupt noch ein Label zu finden, für eine Musik die eigenständig ist, obwohl sie alle nach eigenständiger Musik geradezu schreien. Genau das macht Doc, und deswegen schätzen wir ihn auch so. Er meinte lass uns doch ‘ne Record Release Party mit mehreren Acts und S.Y.P.H. als Headliner machen, und da haben wir gesagt, klar, machen wir. Das heißt, wenn die Reisekosten drin sind, können wir zusagen. Zum Schluss hat sogar noch Ralf (Bauerfeind – Red.) zugesagt, und dann waren wir tatsächlich „intakt” als Band, haben uns aber auf der Bühne erst getroffen, also ungeprobt.

Und dann sagt ihr im Info, so, wir kommen um eine Runde Skat zu spielen…

Harry Rag: Das war früher immer so eine Idee von mir, Punk. Da ist auch das Problem natürlich dass wenn eine Band hergeht und die Stücke brav auswendig lernt und dann spult sie die ab und muss alles sitzen, Text-Refrain-Text-Refrain so auswendig gelernt, das war für mich auch nie Punk. Und dann hab ich in der progressiven Musik viel mehr Beispiele gefunden für subversive, kreative Musik. Ob das nun Can war, oder Jimi Hendrix, ist völlig egal. Je mehr man da sucht, je mehr wird man auch fündig und immer seltener ist da ne Punkband dabei. Ich hab das dann schon Anfang der 80er versucht aufzulösen. Und dann habe ich irgendwann gesagt, die Steigerung, der Höhepunkt eines Punk Konzerts wäre es, wenn man sich auf die Bühne setzt und eine Stunde lang Skat spielt, und das ganze einfach als Konzert tituliert. Einfach diese Verweigerungshaltung bis zum Extrem durchführen. Natürlich kriegst du dann kein Publikum, aber an dieser fiktiven Vision, habe ich mich erinnert als ich dieses Info geschrieben hab, an einer bestimmten Stelle nicht weiterkam. und dachte, da könnte man ja Skat spielen.

Du hast dann ja auch zu erwartene Rufe aus dem Publikum bekommen und beantwortet mit „wir kennen keine Stücke, weil wir haben keine Stücke”. Trotzdem, habe ich da eine Setliste gesehen?

Harry Rag: Ach diese Setlist, die habe ich mir selber zusammengestellt und die galt auch nur für mich. Mir war ja klar, dass ganz gleich ob wir nun ein Stück spielen a 60 Minuten oder 10 Stücke mit Pause, jedes Stück improvisiert ist aus dem Moment heraus. Aber falls ich singen muss, weil ich nicht anders reagieren kann, brauche ich ein Thema über das ich dann reflektiere. Und dann habe ich mir verschiedene Themen aufgeschrieben. Zum Beispiel hat der Uwe mal so aus Spaß gesagt: Setz die Kontrollen der Sonne auf rot. Eigentlich ist das Set The Controls of The Heart of The Sun von Pink Floyd… und irgendwie hab ich gedacht das ist toll! Und dann hab ich versucht um diese Metapher herum einen Text zu machen. So war das bei den anderen Punkten auch. Einer hieß Verpackung ist alles oder Krieg kein frei. Weil Uwe im Mai keine Zeit hatte, und mir ne Mail geschrieben hatte: viel zu tun – muss arbeiten – krieg kein frei. Und als ich das las, habe ich gedacht, krieg – kein – frei, diese drei Wörter, die kann man natürlich auch anders deuten wie Krieg keine Freiheit bedeutet, oder wie auch immer. Schlechtes deutsch, aber es sagt was aus. Da hab ich gedacht da muss ich mal darüber nachdenken, ob das nicht auf für ‘nen Text einsetzbar ist.

Und die Stimme dazu mit nem Moog verfremdet..

Harry Rag: Nee, das waren Moog Filter und Vocoder. Ich hatte jede Menge Effekte dabei, weil die ursprüngliche Idee war, dass wir uns auf der Bühne treffen und improvisieren. Aber alle rein elektronisch, also jeder nur mit elektronischen Instrumenten, keine Gitarre, kein Bass, nur elektronische Musik á la Tangerine Dream Goes crazy, oder so (grins). Das war so meine Idee, denn wir müssen sowieso mal eine neue Position finden, und wir sind gerade im improvisieren eigentlich gut, nur machen wir das meistens nur für uns im Proberaum. Aber Uwe hat dann gesagt, ich mach mal meine Gitarre und ich dachte, der hat ja eh jede Menge Effektgeräte, das klingt dann eh elektronisch. Und dann ist das Effektgerät vom Jojo kaputt gegangen, der hatte kein Synthesizer mitgenommen, und auf einmal war das wieder wie eine Rockband die da auf der Bühne stand. Ich war der einzige da mit zehn verschiedenen elektronischen Geräten, Generatoren, Synthesizer, Filter, Hallgeräte, Delay und Stylophone, all so’n Krimskrams fertig werden musste. Und ich hab da natürlich überhaupt nicht mehr durchgeblickt im Eifer des Gefechtes (Gelächter) .

Teil 2 “Da könnte man ja Skat spielen”: Harry Rag über Frank Behnke, David Lynch, Film und Musikvideo

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Kommentare / Comments:

  1.  
    1. Mark Eins  

    S.Y.P.H. ist ein Stück bester deutscher Kultur, Respekt.

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