KISSOGRAM: Everything Sir!


Berlin’s intelligenter Electroact Kissogram kreieren nicht nur ihren eigenen Sound, sondern verstehen es auch perfekt Genres und Geschichten auf höchstem Niveau zu kombinieren.

Juni 4th, 2007 | 0 Kommentare ...  

KISSOGRAM: Everything Sir!
Jonas Poppe - Kissogram

Von

Zu ihrem neuen Album “Nothing, Sir!” (Louisville) hielten wir es mal an der Zeit Jonas Poppe und Sebastian Dassé in ihrem Berliner Studio zu besuchen und getreu dem Motto “Everything Sir!” möglichst viele Bereiche zu durchleuchten:

Dorfdisco :
Erste Frage, warum heißt das Album eigentlich „Nothing, Sir“?

Jonas :
Das verraten wir eigentlich nicht weil man auch selbst drauf kommen kann… Aber gut: “Nothing, Sir!” ist eine Schlüsselzeile aus dem Lied “In the Wilderness”, in dem ein junger Typ sich in einem Haus vom ersten zum letzten Stock hocharbeitet. Im letzten Stock hängen alle Leute herum, fressen und saufen und keiner will oder muss mehr arbeiten. Der Typ fragt einen Diener, was er jetzt machen soll, und der sagt: Nothing, Sir! Naja, wir hätten das Album auch Car Crash Bop oder I am the Night Before nennen können, uns dann aber überlegt einfach ne Zeile die nehmen, die vielleicht nicht ganz so offensichtlich ist.

Sebastian :
Wir standen auch ziemlich unter Zeitdruck. Wir brauchten schnell einen Titel damit es ans Presswerk rausging, damit der VÖ-Temin nicht in Gefahr geriet.

Dorfdisco :
Ihr glaubt also dass man als Chef nicht mehr arbeiten muss? Das ist doch absurd..

Jonas :
Nicht zwangsläufig. Man kann ja auch das Geld für sich arbeiten lassen. Das ist so eine absurde gesellschaftliche Situation, die trotzdem immer vorkommt. Es gibt auch eine Menge absurde Texte auf dem Album wo irgendwas schief läuft, durch ganz seltsame Umstände.

Dorfdisco :
Ist das so eine Art gesellschafts-kritischer Ansatz, Absurdität als Rebellion?

Jonas :
Das war ja schon der Ansatz, den die Dadaisten und die Surrealisten hatten. Das kann durchaus gesellschaftskritisch sein. Ansonsten scheint ja niemand mehr Spaß an einer Rebellion zu haben.

Sebastian :
Es hat ja nicht mal Sinn sich heutzutage sich über schlechte Talkshows aufzuregen. Wenn man die einschaltet dann sind da Leute die mit rosa Irokesenschnitt sitzen, das wären vor 20,30 Jahren schockierende Außenseiter gewesen!

Jonas :
Eigentlich müsste es in Hartz-4 Zeiten, wo es immer mehr Leute gibt die unterhalb der Armutsgrenze leben ja eine Bewegung geben wie den Arbeiterrock 70er/80er Jahre. Das wäre doch wieder was.

Dorfdisco :
Das ist heute mit Technoparties, Glitzerkram und Royal Hose mit Krone besetzt. Also was wenn’s kann im Billigflieger sitzt. Der Rest schaut sich das vom Fernseher aus an bevor ins Bett geht.

Sebastian :
Oder spielen Computerspiele…

Jonas :
Ich erwarte von einem Künstler auch nicht dass er rebellisch ist, aber dass er originell ist. Rebellion muss in jedem Fall originell sein. Die meisten Leute, die unsere Platte nicht mögen geben wenigstens zu, dass wir unseren eigenen Sound haben.

Sebastian :
Musik machen ist ja auch ne Kunst. Man muss sich an der Form abarbeiten und nicht nur eine Form erfüllen. Ob jetzt Retro oder nicht, oder diese Band ist gerade angesagt und so wollen wir jetzt auch klingen, oder singen auf deutsch, für mich ist es ja auch die Musik zu machen die ich gerne höre würde.

Dorfdisco :
Diese deutsch-Diskussion ist ja wieder so gut wie vergessen. Heute macht doch jeder was er will.

Jonas :
Im Prinzip soll jeder in der Sprache singen, in der er singen will. Insofern ist es auch gut, wenn jeder auf deutsch singt, der sich in der Sprache wohl fühlt. Solange nicht das Gerede vom neuen deutschen Volksempfinden und einem angeblich gesunden Kulturpatriotrismus aufkommt. Aber zur Zeit ist es ganz merkwürdig wenn man englisch statt deutsch singt.

Dorfdisco :
Wie meinst du das?

Jonas :
Ich meine, du brauchst dir nur Intro, Spex und alle Magazine angucken, da muss jeder deutsche Texte machen. Es geht nur um deutschen Stundentenrock, seit Jahren. Jeder der englisch singt muss sich schon den Vorwurf gefallen lassen das wäre irgendwie künstlich, der würde seine Muttersprache oder Land verraten oder sonst was. Da habe ich schon die seltsamsten Dinge gehört. Man hört fast schon Vorwürfe dass wir nicht deutsch singen!

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