CHRISTIANE RÖSINGER: Das kann man ja im kleinsten Kaff machen


Christiane Rösinger, Sängerin von Britta

Juni 14th, 2009 | 0 Kommentare ...  

CHRISTIANE RÖSINGER: Das kann man ja im kleinsten Kaff machen

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Berliner Musikerin und Journalistin im Interview über Bands, Kreuzberg und das Gesetzter werden- und ob man 14 Leute mit auf eine fette 10-Jahre Britta Tour nehmen sollte.

Wir sitzen hier in der Markthalle. Ein klassisches Kreuzberger Szene-Lokal aus den 80ern. Viele kennen es aus „Herr Lehmann”. Bist du heutzutage noch öfter hier?
Ich wohne direkt nebendran. Früher war ich oft hier, weil ich hier auch gearbeitet hab. Aber jetzt ist es so: Wenn man schon vor die Tür geht, geht man gern ein Stückchen weiter.

Kann man sagen, dass Kreuzberg Dein Berlin ist?
Ursprünglich komm ich ja aus Baden. Aber ich wohne schon seit 85 hier, in der gleichen Gegend, in der gleichen Wohnung fast (lacht). In sofern kann man das schon sagen. Nach über 20 Jahren ist man wahrscheinlich dann Kreuzbergerin.

Ist das eher Bequemlichkeit oder hast Du Dich in die Ecke hier auch verliebt?
Also am Anfang, 85, 86 – da musste man nach Kreuzberg. Und auch in dieses Kreuzberg hier, und nicht in das 61, wie es damals hieß, Großbeerenstraße. Das war das weniger coole. Nach der Maueröffnung sind dann alle in den Osten gezogen. Aber meine Tochter ging hier in die Schule. Die ganzen Freunde von ihr waren hier. Da dachte ich, jetzt zieh ich nicht um. Irgendwann ist dann Mitte und Prenzlauer Berg dann auch wieder so Scheiße geworden, dass man da nicht mehr hinziehen musste. Und jetzt bin ich eigentlich ganz froh. Ich will jetzt nirgendwo anders mehr hin.

Was hat Dir an Kreuzberg damals gefallen?
Kreuzberg war der Bezirk, in den alle gezogen sind. Das war einfach dieser Kontrast zu dem, wo man herkam. Aus Westdeutschland, Baden-Württemberg – dieses saubere, rausgeputzte Deutschland. Es war hier alles so krass und fertig und kaputt. Das fand man eben gut. Alles so eingeengt von der Mauer, eine morbide Stimmung, die einem dann besonders gefällt, wenn man als Jugendliche was fürs Morbide übrig hat.

Eigentlich war mal eine ganz andere Karriere für Dich vorgesehen. Zu Hause in Baden hast Du eine Buchhandelslehre gemacht und bist auch nicht aufs Gymnasium gegangen.
Dass ist ja heute noch so, dass die Kinder aus den so genannten bildungsfernen Schichten nicht auf das Gymnasium gehen. Ich bin halt vom Land. Das war da ganz normal. Man geht nicht aufs Gymnasium als Bauerskind. Wenn man nicht ganz blöd ist macht man Mittlere Reife und arbeitet im Büro. Heute ist diese Schranke nicht mehr so hoch.

Du hast dann diese Lehre gemacht, obwohl es bei euch zu Hause gar keine Bücher gab. Wie kam es dazu?
Ich hab halt gerne gelesen. Meine Mutter hat das schon unterstützt. Da gab es so eine Fahrbücherei, einen Bus, der durch die Dörfer fährt. Es gab ja keine Bibliothek. Ich wollte dann was Kaufmännisches machen – das haben alle gemacht. Handelsschule – Tippen, Stenografie und so. Es hat mir damals schon ein bisschen geschwant, dass das wahnsinnig langweilig ist. Deshalb dachte ich, in so einer Buchhandlung ist es wenigstens ein bisschen interessanter.

Wie bist Du dann auf eine so ganz andere Kultur gekommen? Gab es da eine Szene?
Also gekifft und Drogen genommen wird ja in jedem kleinsten Dorf. Die Jugendbewegungen kommen da alle etwas verspätet an. Also war da noch viel Hippietum, Reggae – das gab es ja schon. Die meisten Subkulturen waren ziemlich drogenaffin, aber ja, man hat da eigentlich schon alles mitgekriegt.

Also hast Du in Berlin keinen Kulturschock erlitten.
Nee. Ich war ja schon ein paar mal zu Besuch da gewesen. Früher sind ja alle nach Berlin gezogen, die Jungs schon wegen der Bundeswehr. Und da hat man das ja alles schon gehört. Wenn man aus so einem ganz kleinen Ort kommt hat, man eh so eine Sehsucht nach einer großen Stadt. Berlin war die größte Stadt, die man sich so vorstellen konnte. Die nächstgrößeren Städte, Freiburg und Karlsruhe, waren mir schon zu gemütlich.

Und wie hat sich deine Einstellung jetzt geändert, wo du, sagen wir, auch langsam etwas gesetzter wirst. Und du hast ja die ganze Zeit auch die Verantwortung für ein Kind gehabt!
Ich war ja eine ziemlich junge Mutter. Dadurch bin ich nicht gesetzter geworden. Das ist alles Quatsch. Jetzt mit über 40 wird man ein bisschen gesetzter, weil man das Weggehen nicht mehr so gut verträgt (lacht). Aber auch, weil keiner mehr mitmacht. Das ist ja das Schlimme, dass die 30jährigen schon abschlaffen! Ich glaube aber, das ist auch eine Mentalitätssache. Manche werden mit 28 schon total spießig und sind zu faul zum weggehen. Und manche sind mit 50 noch neugierig und unterwegs.

Gerade weil viele in meinem Alter aber so blöd und so behäbig werden, bin ich einfach viel mit Jüngeren zusammen. Das nächste Projekt mache ich mit Andreas Spechtl („Ja, Panik”, d. A.). Der ist 25.

Dazu gleich noch. Aber wie bist Du eigentlich in erster Linie zur Musik gekommen?
Also früher in den Kiffercliquen hat ja immer einer Gitarre gespielt. Und ich glaube, das trägt man so in sich, dass man sich für Songs interessiert. Was alle gehört haben. Neil Young und Bob Dylan. Da kommt man leicht dazu, das ist ja um einen rum. Dann versucht man, das so ein bisschen selber zu machen, und sucht sich ein paar Leute zusammen für eine Band. Das kann man ja im kleinsten Kaff machen. Es führt dann nicht besonders weit (lacht). Aber anfangen kann man es ja erst mal.

Wie hast Du dich dann in die Berliner Szene integriert?
Ich glaube, früher war das noch viel schwieriger, hier Fuß zu fassen. Das hat total lange gedauert, bis man Leute kennen gelernt hat. Irgendwann mal habe ich dann aus Zufall ein paar getroffen, wo sich dann die Lassie Singers draus ergeben haben.

Als Lassie Singers wart ihr dann recht erfolgreich.
Kommt drauf an, an was sich Erfolg misst. Viele kennen heute noch die Lieder auswendig – wir waren sehr beliebt. Aber kommerziell war es nicht erfolgreich. Wir waren damals bei Sony Music und haben deren Verkaufserwartungen überhaupt nicht erfüllt, weil sich das die Leute alles auf Kassette aufgenommen haben, damals schon.

Nach meinem Maßstab war es schon erfolgreich für eine Zeit. Aber ich glaube, dass sich Bands generell nur eine gewisse Zeit halten. Und es ist sowieso schwer, so was aufrecht zu erhalten, wenn man nie davon leben kann. Viele Leute wissen gar nicht, das Musik machen für die meisten Bands ein teures Hobby ist. Da wundert man sich eigentlich, dass es überhaupt noch so viel Musik gibt.

Womit hast Du Dein Geld verdient?
Ich habe studiert, Literaturwissenschaft an der FU. Mit den Lassie Singers lief es dann so zwei, drei Jahre ganz gut. Da hat man mal einen Vorschuss bekommen, von dem man zwei, drei Jahre leben konnte. Als das vorbei war, habe ich Britta gegründet. Da hatten wir nicht so viel Erfolg und ich habe nebenher geschrieben und gejobbt und alles Mögliche.

Kannst Du noch mal genauer erzählen, wie das mit Britta kam?
Britta Neander hat ja bei den Lassie Singers schon mitgespielt. Und als es dann vorbei war habe ich gedacht, jetzt mach ich mal was anderes. Lassie Singers war ja immer sehr lustig. Eine melancholische, dunkle Seite kam da nicht so zum Vorschein. Da dachte ich, so mache ich jetzt mal damit weiter.

Und wenn man erst mal angefangen hat, kann man ja auch nicht wieder aufhören. Es ist ja klar, dass man dann immer wieder was anderes macht. Wir haben die Plattenfirma Flittchen Records gegründet, zu einer Zeit, als alle anderen grade Bankrott gegangen sind (lacht). Wir haben das alles selber rausgebracht. Das war auch gut und schön, aber man hat nie den gewissen Punkt überschritten.

Das es dann kommerziell interessant geworden wäre?
Ja, wo man wenigstens überhaupt was verdient hätte (lacht). Da kam dann noch die Krise dazu, die Digitalisierung, dass man keine CDs mehr verkauft hat. Es sind schlechte Zeiten für Bands grade, das ist halt so. Und auch, dass man mit Auftritten verdient ist eine Lüge. Da müssten schon jedes Mal ein paar hundert Leute kommen. Und wenns einen dann schon ein paar Jahre gibt…der Markt ist halt auf der Suche nach jungen Leuten.

Wieder allgemein gefragt: Was ist Dein Antrieb, Musik zu machen?
Das ist inzwischen mein Beruf. Das ist das, was man immer gemacht hat und was man kann. Ich könnte auch mal ein Jahr lang kein Lied schreiben, aber ich will dann schon wieder eine Platte machen und auftreten. Ich stehe halt gern auf der Bühne. Ich geh auch gern ins Studio. Aber das ganze Proben und der Scheiß, da könnte ich gern drauf verzichten.

Warst Du mit deinem Buch „Das schöne Leben” dann auch auf Lesereise; das ist ja auch Bühne?
Ja, so ein Jahr lang mal immer wieder. Ich hab da auch ein paar Lieder gespielt. Das war schon o.k., aber es hat nicht so die Energie für einen selber. Es ist nicht so festlich. Mit der Musik und einer Band macht es schon mehr Spaß als nur zu zweit.

Aber mit Andreas Spechtl, mit dem Du unterwegs warst, machst Du jetzt ein Soloalbum.
Ja, wir waren jetzt in Hamburg im Studio. Wir haben so 10, 12 Lieder. Da habe ich Musik und Texte geschrieben, er auch teilweise die Musik und hat sie arrangiert. Eine sehr traurige Platte – die traurigste Platte aller Zeiten wird das.

Noch trauriger als Daniel Johnston?
(Lacht) So ähnlich. Es geht um Depression, Liebeskummer, Enttäuschung, Verweigerung. Es ist mehr songorientiert als Britta. Mehr Klavier, die Stimme steht mehr im Vordergrund. Wir singen manchmal auch Duette.

Wie kam es zu dem Thema? Beschäftigt dich so was gerade oder habt ihr bewusst nach einem Thema gesucht?
Das lag so in der Luft. Wir sind ja beide ein bisschen depressiv veranlagt (lacht). Teilweise macht man sich ja auch wieder drüber lustig.

Ist das auch eine gesellschaftliche Stimmung, die sich da widerspiegelt?
Ja, aber das habe ich erst hinterher gemerkt. Als dieses Depressionsbuch von der Sara Kuttner rauskam. Ich habe mich auch während der Uni schon mit Melancholie beschäftigt, als Kulturthema, die Geschichte. Wenn man da gesagt hat, dass Melancholie die Krankheit des 19. Jahrhunderts war, dann ist Depression die des 21. Von daher voll im Trend (lacht).

Am 14. findet zum 10jährigen Bestehen eine Veranstaltung unter dem Titel „Britta und Freunde” statt? Was passiert da?
Wir haben keine neue Platte gemacht, weil es sich einfach nicht lohnt für so eine kleine Band wie uns. Das ist ein totaler Aufwand. Aber wir bestehen trotzdem weiter. Da haben wir einfach gedacht, wir feiern jetzt unser Zehnjähriges auch ohne neue Platte. Innerhalb von unserer Band hat ja jeder auch andere Projekte. Jens Friebe, unser Schlagzeuger, hat seine eigene Band. Die Gitarristin Barbara Wagner hat Wagner und Pohl, ich habe mein neues Projekt, Andreas Spechtl spielt bei Ja, Panik und noch einer anderen Band, Luise Pop.

Und ich mache gerne so Gala-Touren. Mit mehreren Band ist es immer praktisch, wo jeder beim anderen mitmacht. Das spart Personalkosten, Unterbringung und so (lacht). Das ist ein bisschen wie beim Zirkus, wo dann der Clown die Karten verkaufen muss oder die Trapezkünstlerin das Eis. Die Idee gefällt mir und wir wollten uns das selber zum 10jährigen schenken.

Findet das dann nur in Berlin statt oder tourt ihr damit auch?
Erstmal nur in Berlin. Touren ist ja auch ein logistisches und finanzielles Problem. Das sind 14 Leute. Da braucht man zwei Busse, es gibt ja auch keine Festgagen mehr und nur Prozente…Aber da hast du mich auf eine Idee gebracht. Mal gucken!

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Ja,Panik



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