Zurück nach Berlin!


Ein Kommentar zum zweiten Berlin Festival 2006

Juli 25th, 2006 | 0 Kommentare ...  

Zurück nach Berlin!

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Nun ist es also vorbei, das zweite Berlin Festival. 2 Tage für das in Berlin noch nie so massiv und aufopferungsvoll geworben wurde. Fast schien es als würde jeder für dieses Festival werben. In den letzten Tagen erhielt ich noch 5 private E-Mails mit dem kompletten Line-up und “es gibt noch Tickets an der Abendkasse” Hinweisen. Bei den Medienpartnern fehlte eigentlich nur noch die übermächtige Intro. Tip schrieb zwei Seiten, Radio 1 sendete täglich Spots und überall traf man auf die Flyer, prangten Plakate von den berüchtigten Stellen. Umsonst. Über beide Tage kamen geschätzte 2000. Zu wenig um einem Festival dieses Ausmaßes eine Zukunft zu bescheinigen.

Doch kommt das Nachdenken bekanntlich hinterher. Die drei großen Fragezeichen die sich die Macher stellen müssen sind: Line-up, Location, Publikum. Zuvor muss man feststellen dass Hilary Kavangh und Conny Opper ein eigentlich wünschenswertes Konzept verfolgen. In der Nähe von Berlin auf einem gut erschlossenen Gelände lokale Acts mit neuen und internationalen Namen die man sonst nicht sieht zusammenzuführen. Und verglichen mit manch anderem Festival besitzen diese Namen weit mehr Kultstatus als solche, die man später auf der Fanmeile wiedersieht.

Doch hat sich gezeigt dass es für ein solches Programm einfach kein Publikum gibt, das zwei U-Bahnstationen über ihren eigenen Kiezhorizont hinaus fährt. Bands, die erst morgen auf den breiten Kanälen abgefeiert werden, gemischt mit Legenden, die heute relaxter musizieren denn je, sind nicht out, sondern werden einfach nicht gegessen. Und vom Typ “Entdecker”, die mit einem Reisebus mit Klimaanlage von Spandau aus 30km fahren, gibt es in Berlin seit dem rasanten 90er Jahre Szeneumbau auch keine mehr. Sicher, auch Glastonbury hatte in den ersten beiden Veranstaltungen nicht mehr als 300 Zuschauer. Aber dort gab es auch wenig Konkurrenz. Und dann sind die Engländer wesentlich nervöser und vernarrter als die sklavisch an alte Mehrheiten gebundenen Infoadepten hier.

Hinzu kommt dass das Wissen über gute Acts, und hier spreche ich von einheimischen wie auch mitlerweile internationalen, recht dünn ist. Eine Annika Trost oder heiß gehandelte Insidertips wie die Klaxons aus dem Moshi Moshi Umfeld oder Animal Collective nachmittags um vier, werden dabei schnell mal aus purer Unwissenheit verpasst. Und eine Superallstarband um Soffy O ist auch nicht gerade der Hit wenn die Nummer an sich nicht weiß wohin. Ein weiteres Problem sind Berliner Bands vor den Toren Berlins, sprich im Berliner Umland anzubieten. Warum ins Umland fahren wenn man sie hier schon letztes Jahr wo in den eigenen 4 Klub-Wänden gesehen hat? Ein wirklicher Top Act wie die Babyshambles, New York Dolls oder Coldplay täte der Berliner Sache sicher richtig gut.

Aber dafür ist das MAFZ, das Märkische Ausstellungs- und Freizeitzentrum zu grotesk, erschlossen und steril. Grotesk weil man sich selbst wie ein vorgeführtes Stück Landwirtschaft fühlen muss und manch einer sich ganz in eine echte Dorfdisco versetzt fühlt. Zwar lobt jeder die vorhandene Infrastruktur mit echten Toiletten ohne Schlange, Papiertüchern und fließend Warmwasser, ja, wo gibts das denn auf einem Festivalgelände, doch sind ein sattgrüner Rasen, unschlammige Wege und zwei Luxusshuttlebusse anscheinend zuviel Luxus für einen an Zwischenlösung und persönliches Chaos gewohnten Festivalgänger. Ein Festivalgelände das besser erschlossen ist als der Prenzlauer Berg muss schon verdächtig wirken.

So wird ein Ausflug auch immer noch mit einem persönlichen Survivaltrip assoziiert. Da darf der Shuttle zwar auch nicht zu spät kommen, aber ein Viehtransport zum Alexanderplatz scheint die Laune dann doch erheblich zu steigern. Vielen waren die 60km aber auch zu schlecht erreichbar. Manche erzählten von 2 1/2 Stunden Trips für die ausgewiesenen 45 Minuten Anreisezeit.

Im Grunde aber gehört eine Veranstaltung dass sich Berlin Festival nennt dann doch mitten nach Berlin. Wäre es möglich in der Stadt einen Open-Air Ort zu finden hätten ihn sicher schon andere für sich entdeckt. Doch ist dieses Unding Berlin noch lange nicht fertig mit seinen Kaputtbauten und Flurbedenken. Wer weiß, vielleicht kommt die Avantgarde einmal auf die Idee ein Festival im BFC Stadion samt kleinen Bühnen in der Umkleidekabine abzuhalten? Für Ideen ist das deutsche Land doch immer zu haben. Es muss sie nur jemand auf den Tisch legen.

Update: das im Jahr drauf folgende Berlin Festival fand dann im Poststadion statt, 2009 operiert es mit der Intro.

http://www.berlinfestival.de



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