Vic Chesnutt: Nicht bereit für den Tod


Unsagbarer Verlust: Der Singer/Songwriter Vic Chesnutt stirbt zu Weihnachten in Athens/Georgia im Alter von 45 Jahren

Dezember 28th, 2009 | 0 Kommentare ...  

Vic Chesnutt: Nicht bereit für den Tod
Photo: Bertrand Degove Goddard

Von Andreas Koerner

Eine übermütige Nachrichtenagentur verkündete am zweiten Weihnachtsfeiertag, Vic Chesnutt sei „bekannt” gewesen. Die Relation des Begriffes hat sich durch den Tod gerade dieses wahrhaftigen, gewiss einzigartigen Singer/Songwriters nicht geändert. Er passt nur überhaupt nicht, da 20 Zeilen weiter etwas von diesem deutschen Rennfahrer stand, der nun doch wieder für Millionen im Kreis fährt. Oder Nichtiges über jenes Topmodel und was sie ihrem Sängergatten unter die Fichte legte. Es könnte einem übel aufstoßen, Vic Chesnutt auch nur in entfernter Nähe dieser Meldungen zu wissen. Für einen Schock aber war es allemal tauglich.

Vic Chesnutt – tot. Gestorben sei er, so das Label Constellation, im Kreise seiner Nächsten am Nachmittag des 25. Dezembers. Man weiß von einer Überdosis Beruhigungstabletten für seine angegriffenen Muskeln – Vic saß seit seinem 18. Lebensjahr im Rollstuhl, nach den Folgen eines Autounfalls teilweise gelähmt. Wenn R.E.M.-Sänger Michael Stipe verlautbaren lässt, dass „wir einen der ganz Großen verloren haben”, dass „seine Lieder und seine Geschichte auf immer bleiben werden”, so ist es das keine Floskel, sondern das Erste nach dem Letzten eines Freundes. Beide kannten sich seit fast 20 Jahren, Stipe hat Chesnutt Anfang der 1990er in Athens/Georgia entdeckt, gefördert, war ihm auch menschlich nahe gekommen wie kaum ein Zweiter. Patti Smith kondolierte nicht minder schnell und persönlich, erinnerte an Chesnutts Wesen, das von einem Manne kam und vom Kind in ihm zugleich. Stipe? Smith? Madonna sang eines seiner Lieder? War er also doch „bekannt”?

Natürlich war er das. Vic Chesnutt, aufgewachsen als Adoptivsohn in schlichten Verhältnissen, hatte viele Verehrer, Bewunderer, treue Fans weltweit, so wie er selbst verehrte, bewunderte, treuer Fan war und sich in der Tradition solch fragiler Texter und Komponisten wie Townes van Zandt sah. Und er war ein würdiger (Fort-)Führer dieses Erbes auf sehr direkte, tief lotende Weise. Seine Musik, ganz gleich ob schroff oder zart, hatte Aura und Kraft, seine Stimme war ein Unikat, gab Halt und Zusammenbruch zugleich in nur zweieinhalb Tönen. Er besaß die unerschütterliche Gabe, sich selbst zu reflektieren und daraus freie, nachhaltige, universell adressierte Texte zu bauen. Die waren oft dunkel, ironisch, beklemmend, waren aber auch pastellfarben, gutmütig, neckig.

Die Musik auf besondere Weise liebenden deutschen Filmregisseure Hans Christian Schmid (für „Crazy”) und Sebastian Schipper (für „Mitte Ende August”) versicherten sich Chesnutts Beihilfe zum Attentat auf die Seele. Songs, darunter das herzzerfleddernde Cover „Come Into My World”, und Instrumentals zu letzterem Kinostreifen war eine von gleich drei aktuellen Arbeiten Chesnutts im Jahre 2009. Die letzten.
Schipper pinselte sich dereinst eine seiner Zeilen an die Zimmerdecke: „Life would make one whale of a movie”. Er blieb an beiden dran, am Spruch und am Künstler: „Vic findet oft eine Magie des Alltags.” Chesnutt selbst sagte noch vor zehn Jahren: „Für mich gibt es keine Gewissheiten mehr. Darum habe ich aufgehört, über Religion und Politik zu singen”. Zu einer doppelbödigen Tirade auf Dick Cheney reicht es aber allemal.

Das Stück ist auf „Skitter On Take-Off” (Vapor) enthalten. Für eine Rezension dieser nun finalen Platte reichte unsere Zeit schon nicht mehr, denn sie erschien erst vor wenigen Tagen, nachdem im September schon „At The Cut” (Constellation) herausgekommen war, die nun ihrerseits Anlass zur Kaffeesatzleserei geben dürfte. Denn man glaubte gerade aus Stücken wie „Flirted With You All My Life” herauszuhören, dass Vic Chesnutt neuen Lebensmut getankt hatte. Er sang flehend und kämpferisch zugleich: „O, nein, ich bin noch nicht bereit für den Tod.”

Platten Nr. 15 und 16 also. Man wird sie wie Schätze zu hüten wissen. Chesnutt schien wie besessen zu schreiben. Jonathan Richman, mit dem er oft auf der Bühne stand (welche Brüder in Geist und Kunst!), hat „Skitter On Take-Off” produziert. Streng genommen ist es eine Solo-Platte, wunderbar unfertig, roh und rau behauen, Unruhe stiftend. Nicht nur Chesnutts beste Songs darauf sind so, wie er sich selbst auf der Bühne präsentierte: mit packender Intensität, bubenhafter Schlitzohrigkeit und zum Teil tiefschwarzem Humor, einer einnehmend offenen Art, frei von Jammerei über Miss- und Zustände. Kunstwerke als Rettungsanker einer geschundenen Seele, als Kraft- und Trostspender – für Vics Leben traf diese so oft als Hülse gebrauchte Feststellung einfach zu. Er wusste, was es heißt, in Depressionen zu fallen, Schmerzen zu erleiden und zu ertragen, nicht nur vom Suizid zu reden, sondern sich in dessen Nähe zu bringen.
Er sah aber auch das Licht. Wieder und wieder, und er es hat sich oft selbst besorgt, war von rigoros entwaffnender Freundlichkeit, immer auch ein wenig fahrig, denn im Rollstuhl akustische und elektrische Gitarre zu spielen, erforderte eine besondere Technik, die auch schon mal tückisch zu scheitern drohte. Doch er lächelte jedes Feedback weg. Wenn Vic zu singen begann, war alles gut. Mit ihm. Mit uns. Mit der Welt. Dem freien DNN-Fotografen Dietrich Flechtner gelangen davon wundervolle Fotos, von denen wir eins der schönsten an dieser Stelle noch einmal veröffentlichen.

Leider kam es nach 1997 nie wieder zu einem Dresdner Termin mit einer von Vic Chesnutts Bands, nicht mit Brute (Chesnutt + Widespread Panic), nicht mit Lambchop, nicht mit der unmittelbar letzten, in der u.a. wieder Fugazis Guy Picciotto sowie Mitglieder von A Silver Mt. Zion und Godspeed You Black Emperor! standen. Aber: Die seit ’97 hier stattgefundenen Konzerte mit ihm als Solist (an seiner Seite war immer seine Frau Tina) gehören zu wirklich bleibenden Ereig- und Erlebnissen der aufwühlenden Gattung. Wie jene von Link Wray, Jeffrey Lee Pierce, Johnny Cash oder – eben – Townes van Zandt.

Sehr früh, zu früh vielleicht, wird Chesnutts Tod auch in einen weiter greifenden Zusammenhang gestellt, nicht zuletzt durch die Kondolenz von Regisseur und Produzent Jem Cohen. Vic Chesnutt hatte nach mehreren Operationen einen Schuldenberg anhäufen müssen. Wie so viele Menschen in den USA können sich unzählige Künstler keine freiwillige Krankenversicherung leisten, schon gar nicht wenn eine gravierende Vorerkrankung vorliegt. Benefiz-Aktionen für schwerkranke Kollegen hat es deshalb immer gegeben. Für Vic ebenso. Der zweite Teil des „Sweet Relief”-Projekts, mit dem Geld für betroffene Musiker gesammelt wird, war 1996 ihm gewidmet. Garbage, Joe Henry & Madonna, R.E.M., Nanci Griffith, Soul Asylum, Smashing Pumpkins, Kristin Hersh, die Indigo Girls oder Cracker sangen sein Material in zum Teil faszinierenden Versionen.

Wäre Chesnutt im herkömmlichen Sinne „bekannt” gewesen, hätte sich sein größtes Problem von selbst gelöst. So aber lief gegen diesen besonders sensiblen Mann eine Krankenhaus-Klage über 70 000 Dollar. Barack Obamas hoffnungsvolles Ringen um eine Krankenversicherung für alle US-Bürger kommt in diesem Fall schmerzlich zu spät. Man höre „The Gravity Of The Situation” – von Vic Chesnutt.

Andreas Körner / Dresdner Neue Nachrichten



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