Verschwende deine Lesung


Verschwende deine Jugend Lesung mit Jürgen Teipel im Roten Salon

Mai 12th, 2002 | 0 Kommentare ...  

Verschwende deine Lesung
Mary Lou Monroe 1978- Pic © Franz Bielmeier

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Wie lange schon muss ein Bezug zu den 80’ern, dem Punk bzw. Industrial oder Elektronik dieser Zeit herhalten. Jeder der sich irgendwie ‘in’ nennen will, hält sich an diese Formel. Doch wenig war bislang dokumentiert über das was hierzulande wirklich geschah, wie-wo-was begann, und, vor allem, längst endete.

Inspiriert von der dokumentarisch ähnlich gehaltenen Fassung des Buches ‘Please Kill Me’ von Legs McNeil, das original Interviews über die Zeit von 1968-1978 von den MC5, Stooges, New York Dolls, Television, Ramones usw. assoziativ zusammenfügt, liest sich ‘Verschwende deine Jugend’ nicht nur in einem Zug durch, es ist zugleich DIE ungeschönte und drastisch derbe Wiedergabe jener schnellebigen Tage, die einem posthum noch die Haare zu Berge stehen lassen.

Inhaltlich führt das Buch von den Alkohol und fast-Drogenfreien Anti-hippie Anfängen über die Suche nach Anerkennung in eine einzige, hausgemachte Wolke von Gewalt, Antipathie und Misswirtschaft. Was zählte war der energetische Moment, das ‘wir machen das jetzt so wie wir es wollen’, dessen Knall sich einerseits im Punk, andererseits in neuen Formen des Umgangs mit der deutschen Sprache, respektive des Deutsch-seins überhaupt entlud. Schnell wurde klar, dass diese Haltung der Industrie um Jahre vorraus war und sich gleichzeitig eines immensen Zulaufes geballter Punknachahmer erwehren musste, was wiederum zu noch gröberer, reduktiver Härte bzw. Flucht in einen eckigen Anti-Popkosmos führte. Das, die Handlung der Epizentren Düsseldorf, Hamburg und Berlin und erste Hand Einsichten in historische Bezüge wie zum Beispiel die Reflexion der damaligen politischen Situation, macht das Buch nicht nur interessant, sondern sei all jenen die Bibel, die bis heute noch mit Punkattributen Musik machen wollen.

Dass sich jemand wie Jürgen Teipel an die Aufräumarbeiten der von der deutschen Medienlandschaft zunächst als kultureller Untergang bekämpften Ursuppe machte, bis heute aber nachhaltig die Macher der neuen Mediengeneration beeinflusst, ist allerdings ein Glücksfall. Teipel war Ende der 70ger und Anfang der 80ger selbst Herausgeber eines der vielen kleinen Untergrundfanzines, hier ‘Marionett’, und knüpfte früh Kontakte zu den ersten Gruppen der Zeit. Er organisierte in seiner Heimatstadt Regensburg Konzerte für Malaria, Wirtschaftswunder, Abwärts und die Toten Hosen, um einige weitesgehendst bekannte Bands zu nennen. Als halbwegs Vertrauter und Freund vieler aus der Düsseldorfer Szene geht er als der Mann durch, der die Brücke zwischen Zeit und Medium findet.
Wir waren in Berlin im Roten Salon, als wir Original Interview Ausschnitte aus dem Buch über 90 Minuten in Bild und Ton zu hörensehen bekamen. Der Raum war gut gefüllt, aber man blickte doch in eine etwas komische Mischung aus alternden Zeitzeugen, undefinierten Unzeugen, und irgendwas Studies. Hier durfte auf DDR Plastikstühlen noch einmal nachkonsumiert werden, was früher vorgelebt wurde. Einige Lacher brachen die lamentierenden Erzählsequenzen auf, der Tonfall der Originalstimmen zu hören war witziger als sie nur zu lesen, und die der Rede entsprechenden Bilder und Songs zu hören packend genug. Dagegen kann man noch heute getrost das ganze sogenannte Postpunk Sortiment in die Tonne treten.

Der KFC mit Tommi Stumpff (3.v.l.) und Trini Trimpop (re.) im Karneval. Photo: © Che Seibert

Der KFC mit Tommi Stumpff (3.v.l.) und Trini Trimpop (re.) im Karneval. Photo: © Che Seibert

Interessant aber auch zu erfahren wodurch die breite Auflehnung gegen die Langeweile und vor allem gegen die Popindustrie so schnell vereinnahmt und dadurch erstickt wurde. Dazu gibt es hier eindeutige Antworten. Zum Einen erkannte die Industrie sehr schnell das Potenzial, dass sich in kürzester Zeit mit Plagiaten unter dem Namen ‘Neue deutsche Welle’ verkaufen liess. Zum anderen hatten viele der Initiatoren von Punk in Deutschland einfach keine Lust bei der Industrie und damit wieder in den engen Grenzen von Markt und Marktanalyse zu landen.

Vielleicht hatten es auch nur die Wenigsten in Betracht gezogen irgendwie national und international erfolgreich zu sein. Tommi Stumpff (ex-KFC) setzte dem später ja noch seine einsame aber kräftige Parole ‘Mich kriegt ihr nicht’ drauf. Andere wie die Fehlfarben lösten sich eher schnell und schockiert auf, als sie merkten, in welchem Boot sie überhaupt sassen. Für die gelebte Freiheit dauerte es schließlich noch weitere 10 Jahre, bis auch sie in den oberen Etagen der heutigen Platten- und Produktionsfirmen ankommen war.

Einzig die Berliner, die sich sowieso stets jenseits von Gut und Böse wähnten, kochten quasi im Schutze der Mauer ihr eigenes Süppchen und liessen ihre Avantgarde gleich erfolgreich ins ‘Ausland’ exportieren. Dafür zählte man hier dann auch die meisten Drogentoten, oder zumindest Scheindrogentoten, die das ‘Verschwende Deine Jugend’ zu ihrem exsistenziellen Bestandteil machten.

Die letzte Bastion aber, der Godfather des Punk in Deutschland, jener Alfred Hilsberg, der mit seiner kleinen ‘Neuestes Deutschland’ Kolumne in der damaligen ‘Sounds’ den Ball hierzulande quasi allein anspielte, hatte es in der Hand, solange, bis eine letzte Welle an Rechnungen und Finanzamtsforderungen den ‘Lieber zuviel als zuwenig’ Veröffentlichungen ein problematisches Ende bereitete. Doch wer nicht wagt, der nicht gewinnt, und so darf er sich sicher sein im Ruf zu stehen mehr erreicht zu haben als sämtliche wirtschaftlich kalkulierten Veröffentlichungen jemals zusammen: nämlich den Charme und Mut origineller Singles und LP’s jeglicher Farbe als kulturelles Geschenk zu sehen, zu einer Zeit, wo man für’s Scheisse aussehen noch gehörig was auf die Fresse kriegte.



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