Über Louisville, Hornbrillen, Schnecken und Trauben
Rubber & Meat: letztes Kissogram Album auf Louisville Records

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Über Louisville, Hornbrillen, Schnecken und Trauben


März 4th, 2010 | 3 Kommentare
Von Jonas Poppe

 

Jonas Poppe (Kissogram) über das Ende von Louisville Records

Wie ihr vielleicht mitbekommen habt, ist unser Plattenlabel Louisville nun zerbrochen. Wir wussten, dass dies eines Tages passieren würde (und andere auch). Ich habe gerade viele negative und zynische Kommentare über diesen Fakt im Netz gefunden. Natürlich hoffe ich, dass es noch genug Leute gibt, die den Wert und die Arbeit einer unabhängigen Plattenfirma schätzen, einer Plattenfirma, die versucht, gute Bands jenseits der trüben Gewässer des kommerziellen Mainstreams (wobei immer unklarer wird, wo da die Grenze zu ziehen ist) zu etablieren und zu unterstützen. Es sind nicht mehr viele übrig in Deutschland, lass uns Morr, Staatsakt, Sinnbus, Buback, Monika nehmen – um ein paar größere, einflussreichere aufzuzählen. Jetzt ist wieder eins weg, sie kommen und verschwinden, das ist economy, wen interessiert das noch..

–Aber–

Jeans Team, Doc Schoko, Naked Lunch etc. haben wunderbare Alben in den letzten Jahren auf Louisville veröffentlicht (Kissogram kann und will ich aus Befangenheitsgründen nicht einbeziehen, ist klar..). Und viele haben das nicht bemerkt. Natürlich ist das mein Geschmack und der Geschmack meiner Gemeinde, der lederbejackten, hornbebrillten, betrunkenen Studienabbrecher, der armen, sentimentalen, faulen Großstadtstreicher und Barhänger, der Kunst- und Party-Schimpansen.

Einige meiner nicht-deutschen Freunde sind erstaunt über die Feindseligkeit, die Louisville, ihrem Gründer Patrick Wagner und Louisville-Bands (meine nicht ausgenommen) von seiten einiger Netz-Jünger, einiger Blog-Blokes und auch mancher Presse (auch hier die Frage: wo ist die Grenze zu setzen) zum Teil entgegengebracht wird. Erklären kann ich das nicht. Ich kann nur annehmen, dass es persönliche Abneigung oder Missgunst ist und/oder dass Louisville ein Dorn im Fleische des Zeitgeistes sind/waren. Aber der (deutsche) Zeitgeist ist eine graue fette Schnecke. Und man muss ihr von Zeit zu Zeit in den Arsch treten.

–Natürlich–

hatten wir unsere Probleme mit Louisville. Es gab die Dinge, mit denen ich niemals einverstanden sein konnte. Künstler und Plattenfirma müssen kämpfen, sie müssen beide ihr Revier verteidigen und ihre Geweihe ausfahren. Louisville haben auch Fehler gemacht und ich bin sicher, sie haben manchmal etwas zu laut gebrüllt, auch wenn es oft die brutale, blödsinnige Wahrheit war. Louisville haben Namen genannt und sich Feinde gemacht. Richtig so! Die interessante Musik ist doch auch die, die angreifbar ist, und nicht die, die es sich im Kosmos des gesellschaftlichen Konsens (insbesondere des wenig spektakulären deutschen Konsens) und des Kompromisses bequem macht. Sicherlich auch keine neue Sicht der Dinge. Wer will das schon bestreiten.

–Jedenfalls–

Louisville haben uns unterstützt und ihre anderen Bands, aber es gab Streits und Streiks, das will niemand negieren. Sie haben uns dennoch unterstützt auch wenn sie wussten, dass sie mit mancher Musik die sie veröffentlicht haben wohl niemals die Trauben des Kommerzerfolges ernten würden! Sie waren also Musikfans, so wie man es auch von einem unabhängigen Label erwartet. Mit Universal/Sony/BMG und vielen anderen wäre das sicherlich nicht so möglich, das sollte euch klar sein.

–Na und?–

Wir werden nach einem neuen Label suchen oder es selbst machen, wir werden sehen. Einige Bands veröffentlichen bereits auf anderen Labels. Es war gut und wichtig, dass es Louisville gab, und zwar nicht nur für uns.

Allgemein formuliert: Wer Musik (und nicht einfach nur Geld) produziert und herausbringt, muss unterstützt werden, besonders jetzt. Ob die Bands gefallen oder nicht. Ob ihr ihren Sinn für Realität mögt oder nicht. Ob ihr ihren Rock’n'Roll gut findet oder nicht. Ob ihr ihre Locken und Gesichter mögt oder nicht. Ob ihr ihre Parolen unterzeichnen würdet oder nicht.

–Zu guter Letzt–

ein Liedvorschlag: “Sing nicht!” von Doc Schoko (nicht mehr bei Louisville).

Yours fundamentally,

Jonas WL.

Links:

www.myspace.com/kissogram

http://www.louisville-records.de

Dorfdisco Meldung mit Kommentaren:

http://www.dorfdisco.de/news/louisville-records-meldet-insolvenz.htm



Kommentare (3)

Kommentare / Comments:

  1.  04-03-10
    1. Horst  

    Bitte? "Wer Musik (und nicht einfach nur Geld) produziert und herausbringt, muss unterstützt werden, … "

    Warum? Ich kann keinen Grund erkennen warum man Sachen unterstützen sollte, die man nicht mag, deren Inhalte und Großmaul-Attitüde man nicht mag.

    Und die Einschätzung was ein "wunderbares Album" ist und was nicht entscheidet doch letztlich der Hörer/der Konsument. Wenn viele diese "wunderbare" Musik nicht bemerken, dann liegt das nicht nur an diesen Menschen die das merken sollen. Dann muss man sich mal an die eigene Nase fassen und überlegen was man besser/anders machen kann und wenn das nicht funktioniert ist es einfach mal Pech und kein Grund das Ende der Musik-Geschichte auszurufen. Jedes Ende ist auch ein neuer Anfang und man kann doch hoffen, dass in Zukunft andere Wege gegangen werden und neue Ideen entstehen! Kopf nicht hängen lassen und den Arsch hoch kriegen!!!

    Grüße
    Horst

  2.  04-03-10
    2. Jana  

    @ Horst: "Kopf nicht hängen lassen und den Arsch hoch kriegen!!!" – etwas großmäuliger Vorschlag angesichts der Arbeit, die ein Indielabel hat. Dein persönl. Geschmack und dein Problem mit "Großmäulern" in allen Ehren.
    lg,Jana

  3.  04-03-10
    3. Horst  

    Hey Jana,

    dass die Label-Macher/Bands den Kopf nicht hängen lassen sollen und sich einfach weiter bewegen mögen, bezog sich weniger auf ein direkt auf ein weiteres Label, als viel mehr generell auf die Art und Weise mit dem Ende des Labels umzugehen.

    Ich habe kein Problem mit Graußmäuligkeit, sofern da etwas hinter steckt. Wenn ich da an diese Fuck-you-all-Geschichte denke, die sich einerseits verbal-radikal gegen Popkomm-Kram richtete und andererseits im Rahmen eben dieser stattfand (zumindest wurde das Ding auch von der Popkomm beworben und machte den Eindruck Teil des offiziellen Programms zu sein.