TANNHÄUSER STERBEN & DAS TOD – Eine organische Antithese


Juli 11th, 2009 | 0 Kommentare ...  

TANNHÄUSER STERBEN & DAS TOD – Eine organische Antithese

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Manchmal kommt aus all dem Wust gesichtsloser Neuerscheinungen verschiedenster Coleur dann doch noch der ein oder andere Diamant hervor gekrochen. TANNHÄUSER STERBEN UND DAS TOD ist ein solcher und ein ungewöhnlicher noch dazu. Grund genug, das Berliner Duo an dieser Stelle mal ausgiebig zu featuren.

Den musikalischen Nukleus bilden Thomas Mahmoud und Gerald Mandl, beide bereits feste Größen innerhalb der deutschen Elektropunkszene. Mahmoud hat sich vor allem durch seine Arbeit mit den Kölnern Van Spar einen Namen gemacht, Mandl mischt seit einiger Zeit zusammen mit seinem Kompagnon Florian Zwietnig als Mediengruppe Telekommander – beinahe schon massenkompatibel, betrachtet man das Programm des diesjährigen Festivalsommers – die deutsche Musikszene durcheinander.

Im Februar 2009 nahm man einige Stücke auf und machte sich erst gar nicht die Mühe, diese irgendeinem Label vorzustellen: Die Firma ‘Edition Mutation’ soll das Ganze veröffentlichen und die ist praktischerweise absolut identisch mit den beiden Soundtüftlern.

Abseits ausgetretener Pfade elektronisch basierter Musik, die in letzter Zeit immer mehr das Plakative, Offensichtliche in den Vordergrund rückt, trauen sich die beiden Künstler einen gänzlich anderen, aber auch weitaus anspruchsvolleren Weg einzuschlagen. TANNHÄUSER STERBEN & DAS TOD sind quasi die Antithese zur Mediengruppe Telekommander: Keine ‘Endlosrille’, sondern spiralförmige nach oben weisende Weiterentwicklung lautet die Devise.

Akustische Versatzstücke werden hier geloopt, zerschnitten, übereinander gelegt, verfremdet und wieder zusammengesetzt, dass es nicht nur für den Technik-affinen Nerd eine wahre Freude ist. Herausgekommen ist ein verstörender, aber dennoch erstaunlich homogener Sound, der trotz aller Subtilität eher Bauch als Hirn anspricht. Im letzten Jahr veröffentlichte man bereits ‘Endfilm’ im wirklichen Retro-Gewand: Als MC (Music Cassette)!!

Eine selbst betitelte DVD ist nun in einer Kleinstauflage von 100 Einheiten (wie schon ‘Endfilm’) erschienen. Vier Stücke sind darauf zu finden, für die Mahmoud und Mandl befreundete Filmemacher engagiert haben, um ihre musikalischen Stimmungen in Bildern und Bewegung einzufangen. Klare Aussagen und vorgefertigte Deutungsmuster sollen dabei vermieden, der Raum für Interpretation und Erleben geöffnet werden.

Der Idee des Minimalismus wird hier ein faszinierendes Denkmal errichtet. ‘Beschränkung auf das Wesentliche zur Erweiterung des musikalischen Ausdrucks’ könnte eine Definition lauten, die den Ansatz von TS & TD schon ziemlich präzise beschreibt. Dass die Umsetzung in Form eines kleines Gesamtkunstwerkes aus Kurzfilmen im Videoclip-Gewand (oder vielleicht Videoclips im Kurzfilm-Gewand?) geschieht, wirft dann allerdings schon wieder die Frage auf, wie ein solches Postulat (wenn man es denn als ein solches verstehen will) medial verwirklicht werden soll. Schließlich soll das Ganze ja doch auch den Weg in die Gehirnwindungen des Zuhörers finden, Suggestionen schaffen, etwas auslösen.

Tut es auch, auf unterschiedlichste Weise. Ausgerechnet die famos gestrickte Animation zu ‘Freischwimmer’, einem nervösen Klanggebilde aus paranoiden Vocoder-Stimmen unterlegt mit einem handgemachtem Bass-Drums-Beat in bester Elektroclash-Manier, durchbricht den Selbstbeschränkungsansatz – übrigens auch musikalisch. Aus der Ursuppenpfütze kriecht hier eine Spinne, ein urbanes Netz aus Streichholz- und Eiergebilden konstruierend und auf dem Höhepunkt wieder zerstörend. Sebastian Wolf, Ian Ritterskamp und Christian Heilig zeigen sich für diese beeindruckende Umsetzung eines Sounds verantwortlich, der sich bis zum wilden Ritt steigert um letztendlich kreisförmig zum Anfang zurückzukehren.

Sebastian Wolf, Ian Ritterskamp und Christian Heilig (SIC) - Freischwimmer (Still)

Sebastian Wolf, Ian Ritterskamp und Christian Heilig (SIC) - Freischwimmer (Still)

Das Thema Organisch-Anorganisch scheint ein weiterer roter Faden in dieser Melange visualisierter musikalischer Emotionen zu sein. Markus Wambsganss’ (u.a. The Notwist, T-Raumschmiere, Liars) transferiert mit seiner Montagetechnik den Wechsel von kurzen Staccato-Loops, ausgedehnten Klangflächen und Pausen in eine Schwarz-Weiß Ästhetik aus förmlich vibrierenden Musterfolgen und dahin gleitenden Stromleitungen neben starren Masten. Scheinbar tote Materie wird durch Klang in Bewegung gebracht und dadurch lebendig. „Urschleim“ wurde übrigens für den diesjährigen Muvi Award in Oberhausen nominiert.

Den umgekehrten Weg geht Martin Sulzer  in ‘Endfilm’, der in unscharfen Bildern und verzerrten Aufnahmen den alternden menschlichen Körper in verstörender Weise zeigt. Die Musik mit der sich wiederholenden Textzeile ‘It’s getting over’ provoziert einen Tanz, der sich in roboterhaften Bewegungen manifestiert. Der dazugehörige Soundtrack ist düsterer Riff-Rock ala TS & DS.

Martin Sulzer - Endfilm (still)

Martin Sulzer - Endfilm (still)

Wirklich reduziert in seiner Gesamtheit ist das zurückgenommene ‘Plätschern’, von Daniel Berwanger mit Alexander Schneider besetzt und als klassisch anmutender Kurzfilm inszeniert, der den Kontrast Hell-Dunkel und die menschliche Mimik in den Vordergrund stellt. Zum Klang von aufgenommenen und bearbeiteten Wassergeräuschen läuft eine entschleunigte, traumartige Szenerie ab, deren Fischer-Symbolik durch die dahin gleitende Musik noch zusätzlich symbolisch aufgeladen wirkt.

Nicht immer leichte Kost was da präsentiert wird. Aber manchmal kann sich eine intensivere Beschäftigung mit künstlerischem Ausdruck ja auch lohnen.

Am 16. Juli werden TANNHÄUSER STERBEN UND DAS TOD ihr Multimediaspektakel im Berliner Dot-Club live umsetzen. Wir sind gespannt!

http://www.editionmutation.de/

http://www.myspace.com/unddastod



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